Amerikanische Independent-Filme unterscheiden sich von Hollywood-Werken dadurch, dass sie nicht von großen Studios produziert werden und demzufolge die Chance auf mehr Experimentierfreude und Überraschungen bieten. Dass man einige dieser Produktionen, die hier zu Lande keinen Verleiher finden, auch in Berlin sehen kann, dafür sorgt »Unknown Pleasures - American Independent Film Fest«. Bereits zum vierten Mal findet es nun im Babylon Mitte statt.
21 Spielfilme und Dokus, zum Teil Geheimtipps, zum Teil Beiträge auf internationalen Festivals, gibt es dort zu sehen. Hervorzuheben sind dabei zwei sehr umfangreiche Projekte zweier alter Hasen des Filmgeschäfts, die bis jetzt nur auf DVD zu begutachten waren: Martin Scorseses Doku »George Harrison - Living in the Material World« (5.1.) und Todd Haynes’ »Mildred Pierce« (10.1.).
Mit fünf »Emmys« ist die für den US-Kabelsender HBO produzierte Miniserie »Mildred Pierce« bereits prämiert worden, vier Mal ist sie auch für die kommenden »Golden Globes« nominiert. Todd Haynes’ Fünfteiler - leider werden im Babylon nur Teil 1 und 2 gezeigt - ist eine ausführliche Adaption des gleichnamigen Romans von James M. Cain. Die Geschichte beginnt im Kalifornien der Großen Depression.
Mildred Pierce (Kate Winslet), eine typisch kalifornische Vorstadt-Hausfrau mit einem besonderen Händchen für das Kuchenbacken, setzt ihren Ehemann vor die Tür und lebt bald den amerikanischen Traum: von der Kellnerin zur erfolgreichen Restaurantbesitzerin. Alles könnte so schön sein, wären da nicht ein Schicksalsschlag und Mildreds eingebildete ältere Tochter Veda.
Das Mutter-Tochter-Duell wird ab dem zweiten Teil mit harten Bandagen ausgetragen: Hier prallen zwei Charaktere aufeinander, die trotz Blutsbanden nichts gemein haben. Kate Winslet gibt die strebsame Unternehmerin meist im biederen Damenkostüm, während Megan Turner ihre Veda mit frühreifer Arroganz ausstattet, die dem späteren intriganten Partygirl zu Gute kommen wird.
Viel wurde in der Serie in Ausstattung, Kostüme und Kulissen investiert. Mobiliar, Requisiten oder Autos - alles wirkt auf unangestrengte Weise historisch echt. Überdies fügen sich die Physiognomien der heutigen Schauspieler nahtlos in das 30er-Jahre-Ambiente ein. »Mildred Pierce« ist nicht nur aufrüttelndes Melodram, sondern auch eine spannende Zeitreise.
US-Meisterregisseur Martin Scorsese dagegen wendet sich nach seinem Rolling-Stones-Konzertfilm »Shine a Light« nun den Konkurrenten der legendären Rock-Dinosaurier, den Beatles, zu. Genauer gesagt dem stets als dritten Beatle unterschätzten George Harrison, der vor zehn Jahren starb. Sein umfassendes Porträt des Musikers, der sich auch als Filmproduzent, Gärtner und Formel-1-Liebhaber hervortat, ähnelt seinem Rechercheobjekt: Unaufgeregt erforscht Scorsese den Musiker und fördert eine charismatische, wenn auch schwierige, Persönlichkeit zu Tage.
Reproduziert Scorsese den Mythos? Nein. Zwar geht er auf unvermeidliche Etappen wie die Beatle-Mania, Harrisons Indien-Begeisterung und sein Bedürfnis nach Spirituellem ein. Doch Scorseses Doku erforscht in erster Linie den Menschen, seine kreative, gütige, auch jähzornige Seite. Auch erteilt er wichtigen Weggefährten Harrisons das Wort: den beiden überlebenden Beatles Paul McCartney und Ringo Starr, Harrisons Freund und Konkurrenten Eric Clapton, seinem Sohn und seiner zweiten Frau Olivia. Indem sich Scorsese selbst (fast zu) sehr zurückhält, setzt er dem bescheidenen Künstler aus Liverpool, der mit seiner Musik und seinem Charme die Welt eroberte, ein bleibendes Denkmal.
Bis 15. Januar, Babylon Mitte; Tel: (030) 242 59 69
Aktuelle Ausgabe: 19.05.2012
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