Von Caroline M. Buck
05.01.2012

An der Schraube gedreht

»Chinese zum Mitnehmen« von Sebastián Borensztein

Was tun, wenn einem ein Chinese vor die Füße fällt? Oder die Verlobte von einer Kuh erschlagen wird? Wenn die Schwester des Zeitungshändlers vom Kiosk an der Ecke einem schöne Augen macht, nur weil man einmal - einmal! - schwach wurde, Jahre ist's nun her, und eine Nacht mit ihr verbrachte? So tun als wäre nichts, sich höflich rausreden, was die Zeitungshändlerschwester angeht. Oder, wo höfliche Ausflüchte nicht mehr helfen, das Picknick am Flughafenzaun abbrechen, den Chinesen in den Wagen packen und ihn zu der Adresse fahren, die er auf dem Vorderarm eintätowiert trägt. Die Heimat verlassen, den Kontinent wechseln, zu den Antipoden ziehen, den Onkel suchen im Fall des Chinesen, dessen Verlobte gleich zu Filmbeginn die nähere Begegnung mit der Kuh hatte.

In Argentinien war »Chinese zum Mitnehmen« ein Riesenerfolg. Was zu Teilen an Ricardo Darín liegt, dem Star, der den Mann spielt, der lieber nicht von der Schwester seines Zeitungshändlers geliebt werden möchte. Als eigenbrötlerischer Eisenwarenhändler Roberto, der am Tresen seines Vorstadtladens jede Packung Schrauben nachzählt, weil man ja doch immer betrogen wird von den Lieferanten, diesen Gaunern, verkörpert er glaubhaft zugleich den Rühr-mich-nicht-an ohne jede Neigung zu emotionaler Einbindung und persönlichen Kontakten und einen Mann mit gutem Herzen, das nur mal jemand freilegen müsste. Dieser Jemand wird allerdings nicht in erster Linie Mari sein, die Schwester des Zeitungsverkäufers, sondern Jun, der Chinese. Denn der bleibt Roberto ein paar Tage erhalten. Weil er kein Wort Spanisch spricht, sichtlich verzweifelt, blank und ziemlich verloren ist, leiht der Mann mit dem wohlversteckten guten Herzen ihm ein schmales Gästebett.

Bei der chinesischen Botschaft will man sich bemühen, den Onkel zu finden, der nicht mehr dort wohnt, wo der Neffe ihn anzutreffen hoffte. Und so sitzen sich Roberto und Jun (Ignacio Huang) nun jeden Morgen und Abend am kahlen Küchentisch gegenüber, klappern die Läden in der China Town von Buenos Aires ab auf der Suche nach einer Spur des Onkels und versuchen, ein Auskommen miteinander zu finden, das keiner Sprache bedarf. Oder gar einer Öffnung für die Außenwelt, die ihm da unvermutet ins Haus geschneit ist, in Robertos Fall. Der zählt weiter seine Schrauben, regt sich über Kunden auf, die zwei Scharniere brauchen, aber goldfarben sollen sie sein, und eben über die Großhändler, die ihn verlässlich mit jeder Schachtel Schrauben betrügen.

Chinesische Viehdiebe, der Falkland-Krieg und irgendwie auch noch die russische Armee (aber auf die muss man wirklich bis zum Abspann warten) spielen eine Rolle in dieser Geschichte der Missgeschicke und Missverständnisse. Natürlich werden Mari (Muriel Santa Ana) und Jun eine Kerbe in Robertos Leben schlagen. Natürlich wird es eine Lösung geben, werden sich wechselnde Dolmetscher finden, die immer mal wieder die Kommunikationslücke füllen und die Handlung voranbringen. Dass Sebastián Borensztein mit seiner hübschen, ruhigen, etwas altbackenen Komödie (es ist sein dritter Kinofilm) bei den argentinischen Oscars abräumte, inklusive des Preises für den besten Film des Jahres, ist aber fast ein bisschen glamourös für so eine Vorstadtgeschichte.

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