Von Wilfried Neiße
13.01.2012
Brandenburg

Armutsrisiko nicht gesunken

Statistikamt stellte Sozialbericht für Berlin und Brandenburg vor

Trotz stark gesunkener Arbeitslosigkeit hat die Armut in Berlin und Brandenburg nicht abgenommen. Viele Rentner sind arm. Aber insgesamt sind die Ruheständler keineswegs die Gruppe mit dem höchsten oder auch nur einem hohen Armutsrisiko, sagte die Präsidentin des gemeinsamen Statistikamtes, Ulrike Rockmann, als sie gestern den Sozialbericht für Berlin und Brandenburg vorstellte.

Verglichen mit dem Jahr 2005 ist die Armutsgefährdung in beiden Bundesländern gleich groß geblieben, die soziale Lage hat sich weder verbessert noch verschlechtert. Gegenüber anderen Bundesländern oder gar im internationalen Vergleich liege eine »ausgesprochen entspannte Lage« vor, hieß es. Die Maßnahmen der Politik zur Armutsbekämpfung hätten sich als »durchaus effektiv« erwiesen, meinte Abteilungsleiter Peter Lohauß. Dass keine signifikante Verbesserung der Lage eingetreten ist, obwohl die Arbeitslosenquote in Berlin zurückgegangen ist und sich in Brandenburg sogar halbiert hat, ist nach Darstellung von Lohauß »kein beruhigender Zustand«.

In den Untersuchungen zur Armut werde laut Rockmann ermittelt, inwieweit Menschen die Möglichkeit zur materiellen, kulturellen oder sozialen Teilhabe an der Gesellschaft haben und was möglicherweise zu Ausgrenzung führt. Armutsgefährdet sind Rockmann zufolge Menschen, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zur Verfügung haben, das wären in Brandenburg Menschen mit weniger als 777 Euro netto im Monat und in Berlin Einwohner mit weniger als 810 Euro netto im Monat. Dieser Gruppe gehören 14,2 Prozent der Berliner und 13,6 Prozent der Brandenburger an.

Bezeichnenderweise wurde bei der Vorstellung des Sozialberichtes kaum auf absolute Zahlen zum Einkommen eingegangen, auch nicht auf die Tatsache, dass sich die Einkommen in der freien Wirtschaft kaum erhöht haben, sondern dass lediglich das Verhältnis der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gemessen und dargestellt wurde. Beispielsweise ergibt sich auf diese Weise, dass im Berliner Bezirk Neukölln die über 65-Jährigen mit dem größten Einkommensabstand zu den Jüngeren leben, dass nirgends in Berlin die Gruppe der Rentner so viel mehr Geld zur Verfügung hat als Menschen, die noch im arbeitsfähigen Alter sind. Dieses Ergebnis könnte aber auch dann entstehen, wenn die Neuköllner Rentner die ärmsten von ganz Berlin wären, wenn nur die jüngeren in diesem Bezirk über noch viel weniger Einkommen verfügen als anderswo. Auch eine völlige Verelendung der Bevölkerung würde nach der vom Statistikamt angewandten Methode eine Einteilung in »Wohlhabende, Mittelständler und Mittelose« ergeben. Scharfe Einkommensabfragen finden laut Lohauß unter anderem mit der Begründung nicht mehr statt, dass mit höherem Einkommen die Bereitschaft sinkt, die Wahrheit über die eigenen Verhältnisse zu verraten.

Im Zusammenhang mit der Information, dass höhere Qualifizierung das Armutsrisiko mindert, kam Rockmann auf ein positives Erbe zu sprechen. Weil in der DDR eine Berufsausbildung die Regel war, gibt es auch heute noch in Brandenburg nur 12,9 Prozent Frauen mit niedrigem Bildungsstand, in Berlin sind es wegen seines Westteils 18,9 Prozent und im Deutschland-Schnitt 25,4 Prozent. Wer unter 40 Prozent des fiktiven Durchschnittseinkommens von 1350 Euro hat, ist laut Statistik »strenger Armut« ausgesetzt. In Brandenburg müssten 3,2 Prozent der Bevölkerung als unmittelbar arm bezeichnet werden, in Berlin 1,2 Prozent. Ein überproportionales Armutsrisiko haben den Angaben zufolge vor allem Alleinerziehende, junge und gering qualifizierte Menschen.

Der Anteil der armen Rentner beträgt in Berlin 5,8 Prozent und ist sogar gesunken. Für Brandenburg sind 7,6 Prozent angegeben, womit der Wert der vergangenen Jahre sich wieder eingestellt hat. Mit viel höherem Armutsrisiko leben die unter 18-Jährigen (in Berlin 18,1 Prozent, in Brandenburg 17,5 Prozent) und die 18- bis 24-Jährigen (Berlin: 26,2 Prozent, Brandenburg 20,6 Prozent).

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