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Von Karin Leukefeld 14.01.2012 / Medial

Handy-Fotos, Twitter, Facebook und Blogs

MEDIENgedanken: Westlicher Journalismus und die Unruhen in Syrien

»Wir folgten syrischen Zivilisten, die uns Opfer des Terrors (...) zeigen wollten. Plötzlich traf eine Granate ein Gebäude, wir sahen Rauch aufsteigen. Die meisten von uns und auch die Syrer rannten in ein Wohnhaus. (…) Ich rannte dann wieder hinunter und da lag die Leiche von Gilles.« Der namentlich nicht genannte Augenzeuge, der in der britischen BBC berichtet, ist einer von zwölf arabischen und ausländischen Journalisten, die am vergangenen Mittwoch aus Homs berichten wollten. Die Fahrt war vom Informationsministerium in Damaskus genehmigt, ausgerüstet mit Fotoapparaten und Kameras war die Gruppe deutlich als Presse zu erkennen. Neun Menschen wurden bei dem Angriff getötet, der 43-jährige Gilles Jacquier war erfahrener Reporter des französischen Fernsehsenders »France 2«.

Gilles Jacquier ist nicht der erste getötete Journalist in Syrien. Am 30. Dezember hatte Shoukri Ahmed Ratib Abu Bourghoul gerade seine wöchentliche Rundfunksendung bei Radio Damaskus beendet, als ihm Unbekannte vor seiner Wohnung in Darya, einem Vorort der syrischen Hauptstadt, ins Gesicht schossen. Der 55-jährige Journalist hatte seit 1980 für die staatliche Tageszeitung »Al-Thawra« gearbeitet, er starb drei Tage nach dem Anschlag. »Reporter ohne Grenzen« berichten von dem Fotografen und Kameramann Ferzat Jarbin, der in Homs am 20. November erschossen wurde und von dem »Bürgerjournalisten« Basil Al-Sayed, der, ebenfalls in Homs, am 29. Dezember starb.

Die Vertretung der Europäischen Union in Damaskus verbreitete am Mittwochmorgen - Gilles Jacquier und die anderen Journalisten befanden sich gerade auf dem Weg nach Homs - eine scharfe Erklärung gegen die syrischen Behörden. Diese würde die Meinungsfreiheit behindern, der freie Zugang zum Internet und zu sozialen Medien müsse gewährleistet sein. »Töten, Verhaften und die Einschüchterung von Journalisten, Bloggern, Online-Aktivsten und anderen Menschenrechtsverteidigern« wurde »scharf verurteilt«. Gelobt wurden die »vielen mutigen Bürgerjournalisten, Blogger und Online-Aktivisten in Syrien«, weil sie »täglich ihr Leben aufs Spiel setzen, um der Welt draußen wahrhaftig über die Lage in Syrien zu berichten.« Gilles Jacquier war kein Blogger oder Online-Aktivist, doch als professioneller Journalist war er genau mit dieser Absicht nach Homs gefahren.

Einschüchterung und Gewalt in Syrien trifft keineswegs nur Regierungsgegner. Und sie geht nicht nur von den syrischen Behörden aus. Ein Geschäftsinhaber wird getötet, weil er sich den Aufständen nicht anschließt, Studenten werden in einer Prüfung von einem Mitprüfling erschossen, weil sie einem anderen Glauben angehören, ein Mann wird auf offener Straße gelyncht, weil er verdächtigt wird, für den syrischen Geheimdienst zu arbeiten. Wassertanks, Fahrzeuge und Stromleitungen werden zerstört, weil deren Besitzer oder Nutznießer sich in ihrer Wohnung einschließen, anstatt gegen das Regime zu protestieren. Warum schaffen diese Angriffe es nie in die Schlagzeilen der großen westlichen Leitmedien?

Informationen syrischer Medien oder dort arbeitender Journalisten gelten als »nicht unabhängig« und werden wie eine Gefahr behandelt. Neben anderen syrischen Medien (»Dunia TV«, »Cham Press«) wurde Anfang Dezember »Al Watan« von der EU auf die Sanktionsliste gesetzt. Diese erste und bisher einzige private syrische Tageszeitung wurde 2006 gegründet und von diplomatischen Vertretungen empfohlen. Mit 52 Journalisten ist »Al Watan« eine der Großen unter den syrischen Zeitungen. Sie spiele eine Rolle in der Niederschlagung der Protestbewegung, begründet die EU ihren Angriff auf die Pressefreiheit. In Syrien meint so mancher, Europa wolle sich »das Monopol auf die Berichterstattung über Syrien« sichern.

In westlichen Redaktionsstuben greift man lieber zu wackeligen Handyaufnahmen, Twitter, Facebook und Blogs, ohne prüfen zu können, ob die Absender sind, wer sie vorgeben zu sein. Man spart das Geld für Vorortrecherche und schmückt sich mit »Bürgerjournalisten«, die sich für eine »Top-Story« oft in Gefahr begeben. Oder - auch das gab es schon - in einer sicheren Wohnstube weit von Syrien entfernt ein Blog produzieren. Wie der amerikanische Student Tom MacMaster, der die amerikanisch-syrische Bloggerin »Amina Arraf« erfand. Im Blog »Ein lesbisches Mädchen in Damaskus« berichtete er/sie über die »syrische Revolution« und wurde angeblich Anfang Juni 2011 von syrischen Sicherheitskräften entführt. Sogar der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, forderte ihre Freilassung, der Schwindel flog auf.

Vor so einem vagen Hintergrund werden die Ereignisse in Syrien von Journalisten »eingeordnet« und von »Experten« erklärt. Ein kürzlich veröffentlichter Aufruf, »Kriegsvorbereitungen stoppen« wird zum »antiamerikanischen Aufruf« für die »Solidarität mit Schlächtern« (»Süddeutsche Zeitung«). Aus der Rede des syrischen Präsidenten wird ein »Aufruf zur Gewalt« (»Berliner Morgenpost«). Wer des Englischen mächtig ist, Geduld, Zeit und Interesse hat, kann den Wortlaut der Assad-Rede zwar nicht auf Twitter, wohl aber auf der Internetseite der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA nachlesen. Für professionelle Medien müsste so viel Zeit immer sein.

Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet für »nd« aus Syrien.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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10 Kommentare zu diesem Artikel

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  • nichtsowichtig, 14. Jan 2012 18:44

    wiedermal recht einseitig

    Von ausgewogener Berichterstattung erwarte ich jedoch auch das verantwortliche benannt werden wenn sie bekannt sind.

    Es ist schon eine intellektuelle glanzleistung (oder Geistigeverweigerungshaltung?) die Einseitigkeit der Berichterstattung anzuprangern ohne auch nur zu erwähnen, dass es Assads Regierung war die über Monate die Bedingungen dafür geschaffen hat. Mit allen Mitteln wurde recht erfolgreich versucht jegliche und erstrecht eine unabhängige Berichterstattung zu verhindern.

    Auch wenn der Eingriff der EU auf die Pressefreiheit zukritisieren ist, wenn sie eine Zeitung auf den Index setzten, so müsste man im Vergleich Assads umgang mit der Presse wohl im Vergleich als "Krieg gegen die Meinungsfreiheit" bezeichnen. Inhaftierung, Folter und Mord von kritischen Journalisten und Bloggern, entzug der Akkreditierung für die überwiegende Mehrzahl der internationalen Journalisten, teilweise Abschaltung des Internets sowie der Handynetze, landesweites verbot von IPhones usw.

    Wenn die Realität soviel besser für Assad aussehen würde, warum lässt er dann keine unabhängige Berichterstattung zu?

    Sollten nicht auch Linke das vordern?

    • Permalink

  • nichtsowichtig, 14. Jan 2012 18:59

    ergänzungen

    "Einschüchterung und Gewalt in Syrien trifft keineswegs nur Regierungsgegner. Und sie geht nicht nur von den syrischen Behörden aus."

    Ist dies etwa das erste Mal das Frau Leukefeld wenigstens indirekt einräumt, dass syrische Behörden mit Gewalt gegen Regierungsgegner vorgehen?
    Gratulation für diese späte einsicht! Leider bleiben es mal wieder die einzigen Sätze die die Regierungsseite betreffen. Dabei liefern sie doch massig stoff wenn es um die rolle von medien in diesem konflikt geht.

    frau leukefeld war doch da. wie informieren den nun die staatlichen medien die syrische bevölkerung über diesen konflikt. das würde mich doch stark interessieren. naja aus anderen quellen hab ich gehört das das thema soweit wie möglich verschwiegen wird und wenn berichtet wird handelt es sich wahlweise um terroristen, al kaida oder ausländische provokatöre. das kommt einem doch bekannt vor oder. Gaddafi meinte doch auch immer al kaida hätte alle unter drogen gesetzt. wenns nicht so traurig wäre...

    eine recht unseriöse argumentationsmethode die hier immer wieder auftaucht ist das spielen mit der zeitachse,
    da heisst es in "westlichen Redaktionsstuben greift man lieber zu wackeligen Handyaufnahmen" weil man Geld sparen wolle. Richtig wäre, dass sie langezeit keine andere Wahl hatten weil ihnen die Berichterstattung verboten wurde. Die einzigen die von vorort berichten konnten taten dies entweder illegal unter Einsatz ihres Lebens oder staatlichkontrolliert. Ich bezweifle das Frau Leukfeld sich völlig frei bewegen konnte. Leider schreibt sie nichts darüber.

    • Permalink

  • Rotspoon, 14. Jan 2012 19:39

    Nicht so wichtig

    Fordere richtig

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  • Ani-metaber, 14. Jan 2012 20:16

    Re: wiedermal recht ---- seitig

    es ist wohl nicht einfach aus Syrien als freie Journalistin zu schreiben.
    was nicht heißt, dass es nicht auch die Facetten gibt, die Frau Leukefeld erwähnt.

    Und Frau Leukefeld verbietet es nicht, mitzudenken. Wenn sie nicht beschreibt, wie die Machthaber in Damaskus der freien Berichterstattung den Weg geebnet und geöffnet haben, dann gab und gibt es diese Mühen auch nicht.......

    • Permalink

  • nichtsowichtig, 14. Jan 2012 20:21

    hier gehts um mehr als rechtschreibung

    oh das hatten wirbeide doch gerade erste.
    wenn die argumente fehlen hilft wohl nur noch diffarmieren

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  • Ani-metaber, 14. Jan 2012 20:23

    Re: ergänzungen stecken im Text von Frau Leukefeld

    die erste private Tageszeitung

    wie wird ein Leser dieses wohl verstehen, wenn es in einem Land von ca 20 Millionen Einwohnern (wenn ich mich nicht irre) nur eine nichtstaatliche Tageszeitung gibt und was kann man von ihr erwarten - dass die unendlichen Spielraum hat ?

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  • nichtsowichtig, 14. Jan 2012 20:24

    Re: hier gehts um mehr als rechtschreibung

    ups da hab ich doch glad ein leerzeichen vergessen und ...

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  • timundstruppi, 15. Jan 2012 14:18

    tse tse tse

    wenn leukefeld die westlichen medien angreift, kann sie das gerne machen. mensch kann den vielen tageszeitungen und tv-sendern viel vorwerfen. nur berichten sie, was sie wollen, und nicht was eine regierung denen sagt. natuerlich haben auch diese medien zwaenge, z.B. den markt. ganz klar! deshalb sind sie nicht unbefangen. deshalb lesen ja auch viele der kommentatoren hier gerne das ND.
    den grossen medien, wie bbc und cnn aber vorzuwerfen, sie wuerden nicht richtig berichten wollen und in syrien nicht recherchieren, ist quatsch. sie sind ja, weil sie nicht reindürften, alle illegal nach syrien, z.B. auch die ARD.
    auf der bbcworld-homepage ist immer unten die syrische nachrichtenagentur SANA verlinkt. wer will, kann also immer rauf und nichts wird verschwiegen. trauen sollte mensch dem jedoch nicht, denn immerhin hat SANA genau wie leukefeld erstmal monatelang den aufstand kleingeredet, bzw ignoriert, und jetzt sind es die ausländer die schuld sind. eine sehr einfach argumentation und schon seit tausenden von jahren, von dem alten ägypten, bis zu hitler eine geeignete argumentation um das volk zusammenzubringen.
    leukefeld ist nicht objektiv, genausowenig wie cnn oder syrische nationalrat, als auch SANA. ich komme zu keinem anderen schluss über assad, als das er bloed ist, wenn ich mir die ganze rede anhoere. er sagt, er trägt keine verantwortung, vielleicht folgen noch bauernopfer aus seinem regime, aber von tausenden toten will er nichts wissen.

    syrien soll doch einfach die gesamte berichterstattung frei zu lassen, dann koennen wir gerne entscheiden, was los ist. und vielleicht kann ja auch mal leukefeld mit oppositionellen sprechen, genauso wie mit regime-treuen. dann waere es wenigstens ein wenig objektiv, als immer nur auf den boesen wetsen zu schauen. nicht der ist schuld an der lage, sondern die verwahrlosung der ländlichen gegenden. wenn leukefeld natuerlich nur in latakia und damaskus bürger befragt - tse. sie soll doch einfach mal aufs land fahren!

    • Permalink

  • Rotspoon, 15. Jan 2012 20:11

    Re: Re: hier gehts um mehr als rechtschreibung

    Eim glad von Dir hör ju

    • Permalink

  • Berndchen, 27. Jan 2012 21:31

    Re: Re: Re: hier gehts um mehr als rechtschreibung

    Hör lieber auf die Altforderen, lieber Rotspoon...

    • Permalink

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