Von Martin Hatzius
18.01.2012

Gefährliche Bücher

Hitler am Kiosk

Der britische Verleger Peter McGee will kommentierte Auszüge aus Hitlers Hetzschrift »Mein Kampf« im deutschen Zeitschriftenhandel vertreiben, Auflage: 100 000. McGee erklärt die Zeit für »überfällig, dass eine breite Öffentlichkeit die Möglichkeit bekommt, sich mit dem Originaltext auseinanderzusetzen«.

Unterdessen hält der tschechische Künstler Martin Zet am Vorhaben fest, 60 000 Exemplare von Thilo Sarrazins neoliberalem, biologistischem, häufig in Zeitungskiosken verkauften Traktat »Deutschland schafft sich ab« in »Sammelstellen« abgeben zu lassen, um sie per Installation öffentlich zu »recyceln«. Zet will es damit Menschen »ermöglichen, ihre eigene Position zu bekunden«.

Beide Vorgänge sind umstritten. Dabei formulieren McGee und Zet in ihren Absichtserklärungen zwei im Umgang mit Büchern logisch aufeinanderfolgende Vorgänge: erst lesen, dann urteilen. Dieses Gesetz aber scheint außer Kraft gesetzt, wenn Bücher ein Eigenleben entwickelt haben, das es uns erlaubt, das Urteil vor die Lektüre zu stellen. Auf das Lesen verzichten zu können (zu müssen?) liegt umso näher, je grausamer die Buch-Gefahr sich bereits in tatsächlicher Geschichte niederschlug.

Das unzweifelhafte Urteil mit der lautstarken Lektüre zu verbinden - dieses politische Simul-tan-Kunststück ist dem österreichischen Schauspieler Helmut Qualtinger (1928-1986) gelungen, der 1973 als Teil eines Programms des Hamburger Thalia-Theaters Auszüge aus Hitlers »Mein Kampf« interpretierte. Kraft seiner Stimme gelang es Qualtinger, den De-magogen und werdenden Völkermörder in dessen eigenen Worten zu demaskieren. Der alpenländische Tonfall, eine Sprachmelodie, der das gekränkte Absinken eingeschrieben scheint, überschlägt sich in Qualtingers Intonation bis ins Wahnsinnige. Wie Geröllbrocken poltert Hitlers Propaganda hier der Masseneuphorie entgegen und weiter direkt in den Abgrund. Der individuelle (und völkische) Minderwertigkeitskomplex, kompensiert durch fatale Selbstüberhebung, manifestiert sich in Geifern, Heulen, Nuscheln, Brüllen. Der Komplex ist den Worten eingeschrieben. Wo er zwischen den Zeilen quetscht, zerrt Qualtinger ihn barsch hervor. Sein Furor ist zum Lachen. Er ist zum Heulen.

Wie der spätere »Mein Kampf«-Interpret Ekkehard Schall sah sich auch Qualtinger mit dem Vorwurf konfrontiert, das Gefahrenpotenzial dieser Schrift zu unterschätzen und daher mit den Flammen zu spielen. Aber die Doppel-CD, auf der die Lesung dokumentiert ist, findet sich nach wie vor im Handel. Zum Ärger von Nazis.

Sarrazins Kampf ist nicht Hitlers, dessen Buch nicht seins. Dennoch: Besser als es zu recyceln, sollte man einen wie Qualtinger daraus vorlesen lassen: »Ohne die deutsche Grundsiche-rung ...« (Beruhigungspause; Herzinfarktgefahr) »wäre ein großer Teil der Migranten« (angeekelt:) »aus der Türkei, aus Afrika und Nahost ...« (voller Selbstmitleid:) »niemals gekommen ...«