Von Bernd Kammer
19.01.2012

Marx und Engels droht Abschiebung

Der Bundesbauminister möchte Denkmal aus dem Berliner Zentrum entsorgen

Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) hat ein Problem mit Karl Marx und Friedrich Engels. Deshalb will er ihr Denkmal aus dem Zentrum Berlins verbannen.

Nach dem Abriss des Palastes der Republik, an dessen Stelle in diesem Jahr mit den vorbereitenden Arbeiten für das Humboldt-Forum in Schlossgestalt begonnen werden soll, wenden sich die Freunde des alten Berlin nun dem Bereich auf der anderen Spreeseite zu: dem Areal zwischen Fernsehturm, Rotem Rathaus und Marx-Engels-Forum. Als der Bundesbauminister es am Dienstag in Augenschein nahm, entdeckte er auch das Denkmal der Urväter des Kommunismus im Marx-Engels-Forum. Das möchte er nun in die Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde verfrachten. »Da gehören die besser aufgestellt - das ist ja so eine Art sozialistisches Reste-Zentrum«, gab Ramsauer einer Zeitung zu Protokoll. Der Minister möchte das Umfeld des Museumsschlosses diesem adäquat gestalten. »Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses bietet die Möglichkeit, im Stadtbild die alte historische Achse wieder sichtbar zu machen. Diese Gelegenheit sollte nicht vertan werden.«

Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) findet Ramsauers Umzugsidee ebenso erstaunlich wie geschichtsvergessen. »Es ist nicht daran gedacht, Marx und Engels aus dem Zentrum zu verbannen«, sagte er. Berlin habe eine bewegte Geschichte und ist eine aufgeschlossene Metropole, »hier passen auch Schloss und Denkmal nebeneinander«.

Einen kleinen Ortswechsel mussten die Bronzeskulpturen, die 1986 im Zentrum des Marx-Engels-Forums aufgestellt wurden, schon im September 2010 mitmachen. Damals waren sie um einige Meter an den Nord-West-Rand des Forums verschoben worden, weil auf ihrem angestammten Platz in diesem Frühjahr der Weiterbau der U-Bahn-Linie 5 vom Alex Richtung Hauptbahnhof beginnen soll. Hier wird die Startbaugrube entstehen, von der aus sich eine riesige Schildvortriebsmaschine durch den Untergrund wühlt. Ursprünglich war geplant, die Denkmalsanlage, zu der auch Reliefwand und Edelstahlstelen gehören, während der Bauzeit einzumotten. Auf Intervention der Linkspartei - damals noch Berliner Regierungspartei - kam die Verschiebeaktion zustande. LINKE-Fraktionschef Udo Wolf kündigte gestern denn auch »entschiedenen Widerstand« gegen die »geschichtslosen Fantasien« Ramsauers an. »Das Marx-Engels-Forum mit dem Denkmal gehört zur Stadtmitte wie das Rote Rathaus oder der Fernsehturm.«

Das wird auch beim bisherigen Koalitionspartner so gesehen. Zwar findet Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz Ramsauers Aufforderung richtig, sich mit dem modernen Wiederaufbau der untergegangenen Berliner Altstadt als einer großen urbanen städtebaulichen Aufgabe zu stellen. Diese Aufgabe könne allerdings nicht damit beginnen, dass als erstes das Marx-Engels-Denkmal abgeräumt wird. »Eine Auslagerung nach Friedrichsfelde, um aus der dortigen Gedenkstätte eine Art sozialistischen Streichelzoo zu machen, kann hier nicht die richtige Antwort sein.«

Diese Haltung ist immerhin bemerkenswert, gelten doch Schmitz wie auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) als Freunde des historischen Berliner Stadtgrundrisses rings um das Rote Rathaus. Um den wiederherstellen zu können, müssten Marx und Engels weichen. Auch die Vorstellungen des neuen Koalitionspartners CDU gehen in diese Richtung. Laut Koalitionsvertrag soll es dazu einen städtebaulichen Wettbewerb geben, der die »Balance« findet zwischen »der Sensibilität für die historische Gestalt der Berliner Altstadt, einer möglichen baulichen Entwicklung und der Bewahrung bzw. Qualifizierung grün geprägter städtischer Freiräume«. Für die Stadtentwicklungsexpertin der Linksfraktion, Katrin Lompscher, eine sehr vage Formulierung. Sie erinnert daran, dass der rot-rote Senat den Erhalt des grüngeprägten Freiraums beschlossen hatte. »Er ist so etwas wie ein Berliner Central Park, der in seiner Grundstruktur erhalten bleiben sollte.« Allenfalls städtebauliche Ergänzungen am Rande und solche, die mit der Parknutzung im Einklang stehen, kann sie sich vorstellen.

Die Stadtentwicklungsverwaltung bereitet derzeit einen Ideenwettbewerb zu dem Areal vor. Wann er startet, ist noch ungewiss. »Wir wollen erst mal in die öffentliche Debatte zu dem Ort kommen«, so Sprecherin Daniela Augenstein. Das Marx-Engels-Denkmal soll aber nicht zur Disposition gestellt und auch nicht zugebaut werden. »Es wird also weiter zu sehen sein.« Überhaupt sei das Areal bis 2017 Baustelle, so lange werde an ihm ohnehin nicht gerüttelt.