Der große deutsche Dichter Volker Braun galt überheblichen Kreisen westlicher Wurzel eine quälende Weile lang als - ostdeutscher Dichter. Das stimmt nicht, er ist ein sächsischer Dichter, und das ist ja wohl: ein Zugang zur Welt.
Diesen Lyriker und Dramatiker und Erzähler und poetisierenden Theoretiker treiben - wie er in seinem »Werktage-Buch« schrieb - »die »probleme der gesellschaft mit den individuen, nicht nur der individuen mit der gesellschaft«. Er geht den Grund-Rissen im gesellschaftlichen Neubau nach (»mich interessiert der eine fehler, der den bau zertrümmert«), er ist also kein Tragiker, er ist ein Problematiker. Er ist als Poet ein Freund der entzündbaren Kräfte, daher ist ihm alles: Eröffnung. Noch der Zweifel. Der zuerst.
Kunst im fortwährenden Gezeitenwechsel von Fruchtbarmachung und Verwüstung, das ist Brauns Metier, im Auftrag einer neuen, solidarischen Weltverfassung. Kunst nicht als Verbandsplatz für die bürgerliche Seele, sondern als Emanzipationswerkstatt für einen Materialismus, der immer Material bleibt. Das Gegenteil von Beton. Georg Büchner war schon beizeiten ein Bruder, nahe »meiner rabiaten art« - der Dresdner ist Träger des Preises, der den Namen des Woyzeck-und-Danton-Dichters trägt.
Gegangen ist Braun nie, als die DDR ihre Hauptindustrie beschleunigte, nämlich Staatsfeinde zu produzieren. Als Bleibender klemmte auch er im Zwiespalt: Nahm die Position des Widersprechenden ein, und wurde doch just damit als Fürsprechender vereinnahmt. Die Kassiber, die er dichtend in die frostblinden Fenster kritzelte, verkaufte das System als Eisblumengruß an sich selbst.
1939 wurde er in Dresden geboren. Dichter des aufrechten Gangs unter Kräften und Schmerzen. »Langsamer knirschender Morgen«, wie ein Gedichtband heißt: Da hört man den Sand im Getriebe, hört das Blut pochen der von Elan Getriebenen. Die Pfade, Sozialismus genannt, beschrieb er als undurchdringliches Gelände. Gehen, gehen, gehen, und immer noch nichts sehen vom Gipfel. Bis wir endlich merkten, dass es in die Tiefe geht. In den Abgrund oder zum Kern der Dinge? Die ewige Zukunftsfrage.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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