Wien, Montag, 26. Dezember 1938, früher Morgen. Es ist dämmrig und schneit etwas. Im ersten Stock in der Heinestraße 42 in der Leopoldstadt brennt Licht. Familie Asriel ist schon auf. Der 16-jährige Andre sitzt am Tisch und sieht seiner Mutter zu. Sie steht vor seinem Koffer und hält einen Pullover in der Hand. Was müsste noch dazu? Immerhin, es ist Winter. Und für den Übergang braucht der Junge auch was. Und überhaupt … wie wird er zurechtkommen?
Es ist eine lange Reise nach London. Paula Asriel wickelt ein Foto von sich in ein Handtuch und legt es zwischen die Sachen. Sie weint. Ihr großer schlaksiger Sohn muss schlucken. Seine ältere Schwester Helene hat schon den Mantel an. Sie haben nicht mehr viel Zeit. Der Zug fährt um 8.12 Uhr vom Westbahnhof. Pass auf dich auf. Schreib gleich. Ich hab dich lieb. Sei vorsichtig. Letzte Worte, Weinen, Winken. Wien bleibt zurück. Andre Asriel wird seine Schwester erst nach Jahrzehnten wiedersehen, seine Mutter nie mehr. 74 Jahre später zeigt er mir ihr Foto. Sie hat sich 1942 das Leben genommen. Ein Stolperstein in der Wiener Heinestraße erinnert an sie.
Wir sitzen in der Wohnung des Komponisten in der Karl-Marx-Allee. Südseite, drei Zimmer, Balkon. Miete inzwischen knapp das Zehnfache der DDR-Miete. Seit 54 Jahren wohnen er und seine Frau Katja in der Allee. Hier fand ihr Leben statt: zwei Kinder, Arbeit, Freunde, nette Nachbarn. Kinderfeste, Solidaritätssammlungen, Jugendweihe im Kosmos, Putzeinsatz in Grünanlagen. Man ärgerte sich krank über politische Ignoranz, führte leidenschaftliche Gespräche um Veränderungen im Land und stritt sich mit der Wohnungsverwaltung wegen defekter Dachrinnen oder Heizungsrohre.
»Es ging alles seinen sozialistischen Gang« - bis zum Untergang. Katja und Andre Asriel machen engagiert beim Aufbau ihres Landes mit, freuen sich über Fortschritte, resignieren angesichts politischen Versagens und erleben schmerzlich das Ende. Erinnerungen sind gewachsen. Wir reden über Emigration, über Heimat, über Musik, über Anfänge und Träume, über Katastrophen und Hoffnungen. Andre Asriel erzählt von damals. Vieles in seinem Leben ist inzwischen Damals.
Am 22. Februar 1938 feiert Andre Asriel seinen 16. Geburtstag. Liko ist da, sein Freund aus dem Wasagymnasium, eine traditionsreiche Schule des jüdischen Bürgertums in Wien. Anders als die meisten Kinder hier wird Andre nicht religiös erzogen. »Ich besuchte zwar eine Zeit lang den jüdischen Religionsunterricht, aber das war für mich wie eine Märchenstunde. Zu Hause feierten wir keine jüdischen Feste, sondern landesüblich Weihnachten und Ostern. Ich bin ohne den lieben Gott, Jesus und den jüdischen Jehova aufgewachsen - und vermisse es bis heute nicht.« Musik ist seine Liebe, lebenslang.
Andre ist eine außergewöhnliche musikalische Begabung. Er hat das absolute Gehör. Er ist so gut, dass er an der Staatlichen Musikakademie in Wien aufgenommen wird und von 1936 bis 1938 Klavier studiert. Im Frühjahr 1938 ist es damit vorbei. Die Schlager des Jahres 1938 sind Ohrwürmer. »Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun«, behauptet Heinz Rühmann, Rudi Schuricke besingt »O mia bella Napoli«, und Zarah Leander schmachtet von »leuchtenden Sternen«. In diesem Jahr erhält die US-amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck den Literatur-Nobelpreis, Enrico Fermi den für Physik, erstmals wird die Eiger Nordwand bezwungen. Der Kalender erzählt Normalität, die es nicht mehr gibt.
Drei Wochen nach seinem Geburtstag, am Wochenende des 12. und 13. März, marschieren deutsche Wehrmacht, Polizeieinheiten und SS in Österreich ein. Mit diesem Überfall unter dem Decknamen »Unternehmen Otto« holt Hitler die »Ostmark heim ins Reich«. Bei der Verkündung der Annexion auf dem Heldenplatz in Wien jubeln Zehntausende. International protestieren lediglich Mexiko und die Sowjetunion massiv gegen den völkerrechtswidrigen Vorgang. Andere Länder wie England belassen es bei einer diplomatischen Note. Paula Asriel handelt schnell und entschlossen. Andre wird aus dem Gymnasium und der Musikakademie genommen. Sie organisiert ein Klavierstimmerlehre für ihn, er muss Englisch lernen. »Wir lebten auf Abruf.«
Juden werden schikaniert, man treibt sie durch Wien, plündert ihre Wohnungen und Geschäfte. Ab Mai 1938 gelten die Nürnberger Gesetze. Für immer prägt sich dem 16-jährigen Andre ein Bild ein: Zwei alte jüdische Männer, die mit Zahnbürsten die Straße putzen - umgeben von einer neugierigen Meute. In der Pogromnacht von 9. zum 10. November brennen fast alle Synagogen und Bethäuser Wiens. Über 6000 Juden werden in dieser Nacht verhaftet und zum Großteil in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Land und Zeiten sind lebensgefährlich. Wer kann, geht weg. Andre flüchtet nach England. »Meine Mutter hat mir das Leben gerettet.«
Fluchtpunkt England. Tausende jüdische Kinder und Jugendliche werden von Eltern und Institutionen auf die europäische Rettungsinsel geschickt. In die Fremde, aber in Sicherheit. Andre Asriel kommt zunächst in ein ländliches Flüchtlingsheim für Kinder, später findet er in London in einer privaten Musikschule eine Unterkunft. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Klavierstimmer und als Pianist. »Das war nicht einfach. Denn bis zum Kriegsbeginn 1939 bekamen Flüchtlinge keine Arbeit. Ich habe damals krasse Armut erlebt, ich hatte immer Hunger und habe im Winter immer gefroren. Mit Handschuhen habe ich Klavier geübt. Es gab einen kleinen Gasofen, in den musste man alle 15 Minuten einen Schilling stecken, um ein bisschen Wärme zu bekommen. Das Schlimmste war, dass man auf sich allein gestellt war.« Nicht ganz - er hat ja seine Musik. Sie ist Zuflucht. In ihr drückt er sich aus, sie gibt seinen Gefühlen Klang und Melodien. Er komponiert Lieder mit Titeln wie Heimweh, Weihnachtslied, Hilferuf, Emigrantenlied. Musik und Wirklichkeit berühren sich.
Die Erfahrungen der Emigration werden seine Erwartungen an die Zukunft prägen, seinen Vorstellungen von Politik und Gesellschaft deutlich sozialistische Richtung geben. Armut, soziale Ungerechtigkeit, der Terror des Geldes - sein Gefühl sagt ihm, dass das nicht richtig sein kann. In dieser Zeit findet Andre Asriel Freunde, die ebenso empfinden wie er. Zufällig trifft er einen Schulkameraden vom Wasagymnasium: Erich Fried, Dichter, Übersetzer »und damals noch ein leidenschaftlicher und radikaler Kommunist. Bis dahin war ich unpolitisch und habe Klavier gespielt. Dann lernte ich eine völlig neue Gedankenwelt kennen. Eine Sicht, die mir das Elend der Welt erklärte und Wege daraus zeigte. Ich fand das sehr interessant und überzeugend, bis heute übrigens.« Fried nimmt ihn in London mit zu einer Gruppe der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Seit April 1939 gibt es in Großbritannien FDJ-Gruppen, die sich hauptsächlich um die meist sehr jungen jüdischen und politischen Emigranten aus Deutschland und Österreich kümmern. Etwa zehn Prozent der Kinder zwischen 14 und 18 Jahren treten in Großbritannien der FDJ bei. In 23 Städten gründen sich Gruppen mit insgesamt 600 Mitgliedern. Aus Dank für ihr Gastland und aus antifaschistischer Haltung melden sich ab 1943 rund 160 FDJler freiwillig zur britischen Armee, um gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen. Antifaschismus ist die Klammer, die die Emigranten trotz unterschiedlicher Herkunft und Bildung zusammenhält, gemeinsame Wege gehen lässt, Freundschaften stiftet, auch später noch Brücken schlägt und Gemeinsamkeit herstellt.
Damals, 1940, wird das Emigrantenleben für Andre Asriel mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten ein bisschen leichter: Er ist nicht mehr allein und bekommt ein Stückchen Unbekümmertheit geschenkt, das zur Jugend gehört. »Wir trafen uns zu Tanzabenden, wir hörten Schellackplatten mit den Spanienliedern von Ernst Busch und spielten Theater. Goethe, Brecht und Heine wurden in England meine Lieblingsautoren. Wir diskutierten über Politik und Literatur und gründeten einen Chor, den ich geleitet habe. Natürlich machte das Spaß. Ich glaube, diese Gemeinsamkeit und Nähe waren lebenswichtig. Ich hatte zum ersten Mal seit Wien ein Gefühl von Zuhause. Das war so etwas wie eine Familie.« Die ihm auch im Alltag hilft, so dass er ab 1941 sein Klavierstudium an der Königlichen Musikakademie fortsetzen kann.
Außerdem nimmt er noch Privatunterricht bei Ernst Hermann Meyer und beschäftigt sich mit dem Komponisten Hanns Eisler, dessen Einheitsfrontlied und Solidaritätslied ihm Vorbild werden für das eigene Liedschaffen. »Wir lieben das Leben« heißt eines der Lieder, die er in England zusammen mit Erich Fried schreibt - in Noten umgewandelte Wünsche nach Frieden, Rückkehr und Zukunft. Eine Zukunft, von der keiner weiß, wie sie aussehen wird, aber für die sie jetzt schon planen. 1946 löst sich die FDJ in Großbritannien auf. Andre Asriel gehört zu den Emigranten, die nach Deutschland gehen, in den Osten. Dahin, wo die Welt anders werden soll.
Nachkriegsdeutschland: »Ich dachte, es ist die Stunde Null, aber es war Null minus 100. Trümmer auf den Straßen, Müll in den Köpfen, Gift in den Seelen. Das war eine Herausforderung.« Wunsch und Wirklichkeit treffen aufeinander - und huschen oft aneinander vorbei. Manchmal knapp und manchmal deutlich. Deckungsgleich im Anspruch und in der Absicht - der Anfang einer Alternative. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Es wird der Dauerzustand der 1949 gegründeten DDR, die für Andre Asriel bereits das dritte Land in seinem Leben ist. Hier will er nun bleiben mit Frau und Kindern und Freunden, mit seiner Musik eine sozialistische Gesellschaft mitgestalten. Zum sichtbaren Fortschritt des Anfangs gehören für ihn der erste HO-Laden, die erste Straßenbahn ohne Holzverkleidung in den Fenstern, erste Konzerte und unbedingt die hellen Häuser der Stalin-Allee mit billigen Wohnungen. Keine Immobilien, um zu spekulieren. Nein, »Häuser bauen, um schön darin zu wohnen« - Asriel zitiert die Zeile aus einem Kuba-Gedicht.
Zu den Erinnerungen an diese Jahre gehören auch die Gründung der Deutschen Akademie der Künste und die an ihr eingerichtete, von Hanns Eisler geleitete Meisterklasse, ebenso 1950 die Gründung der nach Eisler benannten Musikhochschule in Ostberlin, an der Andre Asriel bis 1980 Tonsatz, später als Professor Komposition lehren wird. Eine lange Liste wäre das, wenn er alle kulturellen und künstlerischen Leistungen des Landes aufzählen würde. Und eine weitere - lang und beschämend - käme für Dummheiten und Restriktionen hinzu, zum Beispiel die Formalismusdebatte.
Ach, lassen wir das. Andre Asriel winkt ab. Er will dem gewesenen Land nicht jeden Quatsch nachtragen. Erinnerungen sind, wie sie sind. »Was mich bewegt, ist für andere gräulich - und umgekehrt.« Was bewegt Sie denn? »Damals in England ging mir der Kapitalismus schon gegen den Strich. Deshalb bin ich weg. Und jetzt habe ich es wieder: Alles ist Ware, alles ist käuflich, an allen Dingen des Lebens - am Leben selbst - hängt ein Preisschild dran. Widerwärtig.«
"Alles ist Ware, alles ist käuflich, an allen Dingen des Lebens - am Leben selbst - hängt ein Preisschild dran. Widerwärtig."
Dem habe ich nichts hinzuzufügen!
Toll!!
Hongde_mogui
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