Bei Unilever in Großbritannien hängt der Haussegen schief. Seit vergangenem Mittwoch läuft eine Streikwelle, die bis zum 28. Januar alle Fabriken des Konzerns auf der Insel erfassen soll. Bereits am 9. Dezember 2011 wurde bei Unilever gestreikt - erstmals in der Firmengeschichte. Die Geschäftsführung nahm dies persönlich und strich kurzerhand die traditionelle Ausgabe von Weihnachtsgeschenken an die Belegschaften der bestreikten Betriebe. Auch die Betriebsweihnachtsfeiern fielen aus.
Der Streit dreht sich um die Altersversorgung. Bislang zahlen die Beschäftigten in einen Rentenfonds der Firma ein, aus dem am Ende des Berufslebens eine Rente ausgezahlt wird. Diese orientierte sich bislang am zuletzt erhaltenen Gehalt. Ab dem Jahr 2013 soll das Auszahlungsmodell jedoch neu berechnet werden. Nach Angaben der Gewerkschaft UNITE würde das neue Modell Rentenverluste von 20 bis 40 Prozent bedeuten. Bereits seit 2008 wurden keine neu eingestellten Beschäftigten in das alte Rentenmodell aufgenommen. Nun soll auch bei denen gespart werden, die bislang noch nach dem alten System versorgt werden.
Die drei an dem Streik beteiligten Gewerkschaften, UNITE, GMB und USDAW, fordern die Firma auf, das bisherige Rentensystem wieder auf den Verhandlungstisch zu legen. Ihnen ist dabei ein Dorn im Auge, dass es keinerlei wirtschaftliche Begründungen für die Einschnitte gebe. Die Gewerkschaft UNITE verweist auf die Größe der Firma und die ausgezahlten Vorstandsgehälter: Unilever sei der drittgrößte Konzern in seinem Marktsegment. Das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden sei 185 Mal höher als das Durchschnittsgehalt der Angestellten. Außerdem habe es sich innerhalb eines Jahres um 50 Prozent erhöht.
Die Konzernleitung redet derzeit nicht mit den Gewerkschaften. Stattdessen gibt es eine wachsende Zahl von Berichten über Repressalien gegen aktive Gewerkschafter in den Fabriken. Gewerkschaftsflugblätter wurden von Managern eingesammelt und entfernt. Für die Gewerkschaftstätigkeit freigestellte Vertrauensleute bekamen Probleme damit, ihre Arbeit für die Beschäftigten zu machen. Hauptamtlichen Gewerkschaftern wurde der Zutritt zu Fabriken verwehrt, und Vertrauensleute konnten das konzerneigene E-Mail-System nicht mehr für gewerkschaftliche Tätigkeiten verwenden. Der Streikbereitschaft tat dies keinen Abbruch. 85 Prozent aller Beschäftigten stimmten in einer Urabstimmung für die Ausstände.
Für Unilever bringt der Streik schlechte Presse. Der Lebensmittel- und Waschmittelhersteller steht in dem Ruf, ein arbeitnehmerfreundlicher Konzern zu sein. Firmengründer Lord Leverhulme trat im 19. Jahrhundert für bessere Arbeiterrenten ein. Heute agitieren die Gewerkschaften mit einem YouTube-Video gegen den Konzern. Darin ist unter anderem zu sehen, wie der Konzern in den vergangenen Jahren weltweiten Personalabbau von 279 000 auf 175 000 Beschäftigte betrieben hat.
Der Streik hat noch eine weitergehende politische Bedeutung. Am 30. November streikten die Beschäftigten im öffentlichen Sektor gegen Rentenkürzungen. Die Regierung wurde damals nicht müde, auf die »niedrige Streikbereitschaft« im privaten Sektor hinzuweisen, obwohl es dort viel geringere Renten als im öffentlichen Sektor gibt. Beschäftigte im öffentlichen Dienst müssten eine Senkung ihres Rentenniveaus auf das ihrer Kollegen im privaten Sektor hinnehmen, lautet die Argumentation.
Es ist deshalb kein Wunder, dass eine der ersten Gewerkschaften, die den Streikenden ihre Solidarität bekundete, die PCS Gewerkschaft für Beschäftigte bei staatlichen Behörden war. Das Vorurteil über die mangelnde Streikbereitschaft im privaten Sektor hat Risse bekommen.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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