In der nächsten Schlecker-Drogeriefiliale ist alles wie immer. Vor der Tür warten Autoenteiser, Vogelfutter und abgepackte Blümchenpapierservietten auf Kundschaft - und im Laden ist zunächst niemand zu sehen. Die Mitarbeiterin, die den Laden am Kottbusser Damm in Berlin-Kreuzberg betreibt, ist gerade mit Papierarbeit beschäftigt, und so steht die Kundschaft allein und etwas verloren zwischen den schlichten, gebraucht aussehenden und an Kelleregale erinnernden Auslagen. Erst als eine zweite und eine dritte Kundin hereinkommen und die Ecke mit den teuren Kosmetika ansteuern, verlässt die Mitarbeiterin ihr Verwaltungskabuff. Hinweise oder Anzeichen der aktuellen Krise der Kette gibt es nicht, der Haken mit den Schlecker-Tüten mit dem neuen, etwas bunteren Design ist frisch aufgefüllt. Und auf Nachfrage zuckt die Frau Mitte 40, die den Laden führt, mit den Achseln: »Wer weiß schon, was kommt«, sagt sie.
Um zu verstehen, warum sich die in den 1960ern vom gelernten Metzger Anton Schlecker gegründete Riesenkette, die zu ihren besten Zeiten auf über 14 000 Filialen kam, im rapiden Niedergang befindet, kann man Zahlen und Bilanzen studieren - oder an Straßen wie dem Kottbusser Damm spazieren gehen. Weniger als 300 Meter nach der ersten kommt bereits eine zweite Schlecker-Filiale, die der ersten zum Verwechseln ähnlich sieht, das gleiche Sortiment anbietet - und ähnlich schlecht besucht ist. Und auf halbem Wege zwischen diesen beiden Schlecker-Läden, nur auf der anderen Straßenseite, befindet sich eine Filiale von Schlecker-Konkurrent Rossmann, mit einem guten Dutzend Kunden gefüllt.
Hier gibt es, auf etwa der Gesamtfläche der beiden Schleckers gegenüber, von allem ein bisschen mehr: mehr Auswahl, mehr Service und Mitarbeiterinnen - u.a. eine Kosmetiktheke mit eigenem Beratungsplatz. Es gibt neben dem Alltagsbedarf, den Zahnbürsten, den Shampoos und den Badesalzen auch vergleichsweise teure Weine, spezielle hochpreisige Weinflaschen-Tragetaschen, Bio-Kuchenböden, edle Trüffel-Pralinen und eine breit sortierte Babynahrungsabteilung, es gibt mehr und schönere Kerzen. Der Laden ist nach »Themen« gegliedert, er wirkt heller, freundlicher und einladender. Schlecker, das ist wohl das Problem der Kette, das nunmehr virulent wird, hat immer nur Haushalts- und Hygiene-Bedarf verkauft - und keinen »Lebensstil« von Gesundheit, Wohlbefinden und Schönheit.
Das kann man vielleicht sogar sympathisch finden, den Erfordernissen des Marktes angemessen war es augenscheinlich nicht. Gerade das vergangene Jahrzehnt war gesellschaftlich geprägt von einem Kult des Körpers, »Beauty« und anderweitiger Selbstverschönerungen; besonders die heranwachsende Generation potenzieller Kunden, schon mit den Werbebotschaften der Lifestyle-Marken aufgewachsen, ist durchaus bereit, viel Geld für Kosmetika und Reformprodukte auszugeben, erwartet aber inzwischen auch ein entsprechendes »Einkaufserlebnis«. Sie kaufen am Ende nicht nur den Bio-Kuchenboden, sondern auch die Zahnbürste bei Rossmann, obgleich das identische Dreierpack »Oral-B«-Schrubber an diesem Tag bei Rossmann 1,79 und bei Schlecker 1,49 Euro kostet.
Das hat Schlecker nie verstanden, vielleicht widerspricht dieses Mit(ver)kaufen eines Mindestmaßes an Ambiente ganz einfach der privaten, schwäbisch kalkulierten Weltsicht des Gründers Anton Schlecker. Ein Shampoo ist in der Schlecker-Welt ein Artikel des Hygienebedarfs und keine Plattform für »Lifestyle«-Attribute. Seine Kette hat immer nur auf Preise und damit auch auf die Kostenschraube gesetzt, um sich gegen die wachsende Konkurrenz zu behaupten; die damit verbundenen Anekdoten sind Legende. Etwa die, dass bis Anfang der 1990er Jahre noch längst nicht alle Filialen mit einem eigenen Telefonanschluss ausgestattet waren - oder die Geschichte von dem Strafbefehl, der 1998 gegen Schlecker erging, da er eine tarifliche Bezahlung nur vorgetäuscht habe. Zum Markenzeichen der schwäbischen Kette wurde die Sparflammen-Filiale: oft nur von einer Beschäftigten im Alleingang betriebene Geschäfte, die für die Beschäftigten zum Angstraum wurden. War doch kaum ein Geschäft leichter zu berauben als eine Zweigstelle von Schlecker.
Funktioniert hat das Modell schon lange nicht mehr richtig; und irgendwann stieß auch die Kostensenkungsschraube an ihre Grenzen. Vor allem die Gewerkschaft ver.di erkor sich die Kette nach 2000 zunehmend zum Ziel von neuartigen, offensiven und teils klandestinen Organisierungskampagnen in einem feindlichen Umfeld, die sich die Gewerkschafter teils von US-Kollegen abgeschaut hatten. Zumindest teilweise waren die Gewerkschafter erfolgreich; obwohl Schlecker gern mit harten Bandagen kämpfte - vor etwa zwei Jahren sollten beispielsweise zahlreiche der heute in Deutschland rund 30 000 Beschäftigten entlassen und über Leihfirmen dann billiger in neue Schlecker- »XL-Filialen« wieder eingestellt werden, hatte die Gewerkschaft einen »Beschäftigungssicherungstarifvertrag« durchsetzen und somit an betrieblichem Einfluss zulegen können.
Dieser eigentlich bis Juni geltende Vertrag ist nun erst einmal vom Tisch, weil unter Insolvenzrecht neue Regeln gelten: Betriebsvereinbarungen können leichter aufgekündigt werden, der Kündigungsschutz beträgt nur drei Monate. Immerhin hat ver.di das Unheil kommen sehen: Es kündigte sich schon im Dezember an, als Schlecker von den Beschäftigten weitere »Opfer« forderte, um aus den roten Zahlen zu kommen. Die Gewerkschaft schickte daraufhin einen Wirtschaftsprüfer ins Unternehmen: Bevor man finanziellen Zugeständnissen der Beschäftigten hätte zustimmen können, sollte Schlecker zunächst beweisen, dass es tatsächlich so schlecht aussieht, erklärt ver.di-Sprecherin Christiane Scheller gegenüber »nd«. Doch kaum hatte der Prüfer seine Arbeit aufgenommen, kam die Pleite. Schlecker konnte seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, der Hauptgläubiger, der Markant Einkaufsverbund, gewährte keinen weiteren Zahlungsaufschub. Am Montag beantragte Schlecker die Insolvenz. Betroffen von dem Antrag sind die Anton Schlecker e.K., Schlecker XL GmbH sowie die Schlecker Home Shopping GmbH. Aktuell nicht Bestandteil des Antrags sind die IhrPlatz GmbH sowie die Auslandsgesellschaften, teilte die Firma am Montag mit.
Wie es weitergeht, ist offen. Der Drogerie-Dinosaurier will sich selber sanieren, eine »Planinsolvenz« nennt man das. Das in Geldnot geratene Unternehmen beantragt dabei Insolvenz bei Gericht und legt selbst einen Sanierungsplan vor. Wenn die Gläubiger dem mehrheitlich zustimmen und auch das Gericht, behält die Geschäftsführung, in diesem Fall die Familie Schlecker, die Hoheit über das Unternehmen und darf in Eigenregie sanieren, der Insolvenzverwalter hat lediglich beratende Funktion. Stimmen aber die Gläubiger nicht zu, fällt die Entscheidungsgewalt an den Insolvenzverwalter, dessen Job dann im Grunde darin besteht, für die Gläubiger möglichst viel Geld aus dem Unternehmen zu ziehen. Oft droht dann die Zerschlagung.
»Nach unserem jetzigen Wissensstand scheint die Planinsolvenz die bessere Lösung zu sein«, sagt Scheller. Eine Zerschlagung des Unternehmens sei mit der Planinsolvenz unwahrscheinlicher - und damit auch der massenhafte Abbau von Arbeitsplätzen. Der aber wäre beispielsweise den Vermietern der noch über 7000 Schlecker-Filialen wohl egal. Sie kündigten am Montag an, nicht ewig auf ihr Geld warten, sondern sich ihrerseits organisieren zu wollen, um nicht auf eventuell auflaufenden Mietschulden der Kette sitzen zu bleiben.
Angeblich hat das Schlecker-Firmenkonsortium (oder sollte man eher von "Konstrukt" reden?) allein gegenüber dem Einkaufsverbund Markant Verbindlichkeiten in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe, hinzu kommen offensichtlich bereits aufgelaufene Mietschulden für die Filialen. Wer glaubt denn noch daran, dass Lieferanten ausgerechnet _diese_ Drogeriekette weiter beliefern werden, wenn die Konkurrenten regelmäßig ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen? Schlecker hat sich meiner Meinung nach selbst ins Abseits manövriert. Ich bedaure die Arbeitnehmer sehr, die zum Opfer dieses skrupellosen Kalküls werden, und, sofern sie ein bestimmtes Alter überschritten haben, fast zwangsläufig im ALG 2 landen werden. Schönen Dank auch.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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