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Hans-Dieter Schütt 25.01.2012 / Feuilleton

Kaninchens Tod im Klassenkampf

Heute begeht der bedeutende DEFA-Regisseur Kurt Maetzig seinen 101. Geburtstag

Sein Werk durchmisst kollektive Spannungsfelder eines Jahrhunderts. Kurt Maetzig war der kräftigste, klarste DEFA-Regisseur des plebejischen Aufbruchs gegen das Kapitalisten- und Junkerdeutschland. Ein dynamischer Chronist der Zeitenübergabe an den proletarischen Kampfgeist. 1947 schuf er dem Antifaschismus im Osten Deutschlands mit »Ehe im Schatten« jenes frühe Meisterwerk, das mit zwölf Millionen Zuschauern erfolgreichster DEFA-Film aller Zeiten sein würde. Ein »Aufklärer besten Typs«, so nennt ihn der Filmwissenschaftler Günter Agde.

Kurt Maetzig ist von Beginn an - neugierig, naiv, beseelt von schöner Nutzbarkeit - eingebunden in den Widerspruchskosmos kommunistischer Machtpraxis. Er dreht mit parteilichem Herzen einen Dokumentarfilm über die vielfach gewollte Vereinigung von KPD und SPD, »aber ich muss zu meiner und unserer Schande gestehen, dass man mit den Sozialdemokraten widerlich umging«. Er dreht mit dem novemberrevolutionären »Lied der Matrosen« (1958) und besonders mit »Schlösser und Katen« (1957), einem Hohelied auf die geschichtsumwälzende Würde der Knechte, zwei bewegende Filme über das opferreiche, schließlich siegreiche Aufbegehren der Untersten. »Der Rat der Götter« zeigt faktensicher die weitertreibende Nazi-Wurzel westdeutscher Schlüsselindustrien. »Vergesst mir meine Traudel nicht« offenbart Maetzigs publikumswirksames Gespür für herz-hafte Lustleidstoffe, und weil noch der ungelenkeste Versuch mehr gilt als die routinierte Absicherung, wagt sich dieser Regisseur 1959 auch an den ersten utopischen DEFA-Film, »Der schweigende Stern«.

Man kann die Arbeiten des 1911 in Berlin Geborenen als durchgehenden Beleg von Zeitenwandel und Zeitenstarre betrachten. Sein Vater besitzt eine Filmkopierfabrik, die Mutter ist Jüdin, eine Scheidung soll ihr die Flucht ermöglichen, die unglückliche Frau wird den Freitod wählen. Kurt Maetzig wird 1944 Mitglied der Untergrund-KPD, dann Mitbegründer des DEFA-Beginns - keine Frage also, dass er Mitte der Fünfziger bereitwillig ein Thälmann-Projekt übernimmt, ihm treu bleibt, auch wenn die SED aus dem Drehbuch ein Denkmal meißelt. »Ernst Thälmann«, Sohn seiner Klasse und Führer seiner Klasse: Blanke Propaganda, zweiteilig. Fälschung in Farbe. Maetzig, selbstironisch: »Ich kriegte später rote Ohren, schämte mich.«

Seltsam: Wir sahen als Schüler, in den örtlichen Ferienspielen, diese Maetzig-Filme, der erste Teil war spannender als der zweite, aber wir blickten auf diese filmisch aktionsreichen Agit-Kästen nicht minder gebannt als etwa auf »Skanderbeg, Ritter der Berge« oder »Ilja Muromez«, die damaligen Aktions-Klassiker, wir sahen einen mit Rührszenen bestückten Thriller (was dem jungen DDR-Gemüt so Thriller war), der Regisseur hatte »was weg«, wie man so sagt, Günther Simon in der Titelrolle bezauberte, und die roten Guten siegten gegen diese elenden braunen Bösen - ja, das würden wir uns auch ein zweites Mal ansehen. Ein Beispiel dies für die wundersame Kraft der Verführung, in der man sich später, viel später so schwer begreift und kaum wiedererkennt.

Maetzig, das Beispielleben. Er lässt nichts aus. »Das Kaninchen bin ich« (1965, Karrierismus in höchsten Richter-Kreisen!) wird Opfer des 11. SED-Plenums - und der Regisseur zu öffentlicher Selbstkritik gezwungen. »Ach, gezwungen. Man ist für sich selber verantwortlich. Ich habe mich mit dieser Disziplinierung unverzeihlich beschmutzt und wichtige Freunde verloren. Die DDR wurde immer verdorbener, sie setzte auf die Ermüdbarkeit der Leute.« Zeitenwandel, Zeitenstarre.

Er war ein großer, die Filmografie eines Landes prägender Künstler. Wie er der Regisseur Günther Simons war, so war er der Regisseur auch anderer großer Schauspieler - Paul Klinger, Ilse Steppat, Willy A. Kleinau, Erwin Geschonneck, Raimund Schelcher, Ulrich Thein, Karla Runkehl, Stefan Lisewski, Ekkehard Schall, Eva-Maria Hagen, Günter Haack, im Thälmann-Film spielte auch Michel Piccoli mit. Vielleicht wurde mit dem Verbot des »Kaninchen«-Films Angelika Waller die große Filmlaufbahn gestohlen, weiß man's? - alles ist eine Sache von richtigem Ort, richtiger Zeit.

Regisseur Maetzig: war? Ja. Mit dem Eintritt ins Rentenalter sagte er: Schluss! 1976. Und als das DEFA-Ende kam: »Ich habe die Zukunft hinter mir und gehe mutig vorwärts in die Vergangenheit.« Er war aktiv Handelnder und sah das Eingeständnis eigenen Versagens als Teil dieses Tätigseins. Er kehrte nicht krampfhaft schöne, unbeschadete Stücke des in Scherben gegangenen politischen Besitzes zusammen, um ein Weltbild zu kitten - Schmerz bildet das Herz nachhaltiger aus als Beschönigung.

Er hat nie versucht, sein Leben mit Verweis auf die kommunistische Idee ins Schuldfreie zu retten - und hat doch den Glauben an den Menschen nie verloren. Und er hat gewusst, wann er abtritt ins kluge Schweigen - um ganz bei sich zu bleiben. Ein im Widerspruch zäher, suchender, mit Erfahrung aufrecht umgehender Mann! Er hat deutsche Filmgeschichte geschrieben.

Heute feiert der bedeutende Kurt Maetzig seinen 101. Geburtstag.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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