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Von René Heilig 25.01.2012 / Inland

Sogar das Geburtsdatum ist falsch

Die »schwarze Akte« des Abgeordneten Gehrcke

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Wolfgang Gehrcke trat 1961 in die illegale KPD ein, war Mitbegründer der SDAJ, engagierte sich in der DKP, war Mitinitiator sozialer und demokratischer Bewegungen, u. a. der Ostermarschbewegung. 1990 trat er der PDS bei. Er ist außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag.

Geht man davon aus, dass die Verfassungsschützer halbwegs ihr Handwerk beherrschen, so müssten sie eigentlich in der vergangenen Woche Schweißausbrüche bekommen haben, als sie die Akte von Wolfgang Gehrcke vervollständigten. Er war (mit Gattin) zur Feier anlässlich des 50. Geburtstages von Außenminister Guido Westerwelle eingeladen und hatte beim Gratulieren sogar persönlichen Kontakt mit dem FDP-Mann. Schlimmer noch, es besteht die Möglichkeit, dass Gehrcke kurzzeitig neben Kanzlerin Angela Merkel oder Verteidigungsminister Thomas de Maizière (beide CDU) gestanden und vielleicht auch kurz Blickkontakt hatte.

Der Name Merkel in der Akte des »Altkommunisten« Gehrcke - das geht nun aber gar nicht. Wie gut, dass niemand außer den Verfassungsschützern selbst und deren Vorgesetzten im CSU-sicheren Bundesinnenministerium weiß, was in der Akte steht. Nicht einmal Gehrcke wird - so nicht irgendwelche verfassungstreuen Richter dazwischenfunken - je erfahren, was man über ihn und sein Umfeld zusammengetragen hat.

Ein entsprechender Versuch des Abgeordneten - frei nach dem Motto »Meine Akte gehört mir!« - ist schon einmal gründlich daneben gegangen. Allein die beiden Sperrvermerke des Bundesinnenministeriums dazu, weshalb er was nicht sehen darf, umfassen zusammen 571 Seiten.

Die Akte selbst ist über 5000 Seiten dick. 600 davon bekam Gehrcke gar nicht erst zu Gesicht und über 700 Seiten sehen aus, als ob die Firma Edding, ein bekannter Hersteller von Filzstiften, bei einer Streichorgie der Kölner Verfassungsschutzbehörde als Sponsor aufgetreten wäre. Denkbar auch, dass jemand in der Behördenleitung auf »Rolling Stones« steht. Deren Song »Paint it Black« ist allerdings bereits 1966 aufgelegt worden. Könnte passen, müsste Gehrcke vermutlich bestätigen, denn er wird bereits seit 1961 vom Verfassungsschutz beobachtet. Damals war er 18 Jahre alt und hörte gewiss mehr als revolutionäre Marschgesänge.

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Das Deckblatt der »Akte Gehrcke«

Seit über 50 Jahren sammelt das Amt Informationen, Unterlagen, holt Erkundigungen ein. Aus einer Stellungnahme des Bundesinnenministeriums ist zu entnehmen, dass dies auch mit geheimdienstlichen Mitteln geschieht. Ungeachtet der Tatsache, dass Gehrcke seit über zehn Jahren Mitglied des Deutschen Bundestages ist.

Wie wahr das Gesammelte ist, lässt sich allenfalls schätzen: Von den vier auf dem ansonsten geschwärzten Deckblatt enthaltenen Fakten stimmen drei. Falsch ist Gehrckes Geburtstag. Da das Beobachtungssubjekt nicht am 12. September 1943, sondern bereits am 8. September auf die Welt drängte, um sie in (vermutlich) umstürzlerischer Weise zu verändern, sind den Verfassungsschützern tatsächlich vier Tage durch die Lappen gegangen. Verdammt!

Ob die LINKEN-Sammelwut des Geheimdienstes mit dem Grundgesetz und den Rechten von Abgeordneten vereinbar ist, lässt der Thüringer Linksfraktionschef Bodo Ramelow (seine Geheimakte hat die Registrierung P 511 327) gerade von den Karlsruhern Verfassungsrichtern klären. Falls nicht - es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten, linke Politiker zu diskreditieren. Weil Ramelow vor fast genau zwei Jahren an Protesten gegen einen Naziaufmarsch in Dresden teilgenommen hat, verurteilte ihn Sachsens Justiz zu 20 Tagessätze zu je 170 Euro, also insgesamt 3400 Euro. Sein Parteifreund André Hahn, Fraktionschef in Sachsen, soll wegen desselben »Delikts« 3000 Euro zahlen. Nun soll auch die sächsische Linken-Bundestagsabgeordnete und Bundesgeschäftsführerin der Partei, Caren Lay, ihre parlamentarische Immunität verlieren, weil sie im Februar 2011 aktiv die Blockade einer genehmigten Versammlung von Neonazis in Dresden betrieben habe. (Interview unten) So wie gegen andere wurde gegen Falk Neubert, Mitglied des Sächsischen Landtags, ein Ermittlungsverfahren wegen »Sprengung einer Versammlung« eingeleitet.


Zu Wochenbeginn hatte das Bundesinnenministerium die Ausforschung der Linksfraktion mit der Sorge um die Demokratie verteidigt. Der Verfassungsschutz bespitzelt folgende Bundestagsabgeordnete: Dietmar Bartsch, Matthias W. Birkwald, Christine Buchholz, Steffen Bockhahn, Eva Bulling-Schröter, Martina Bunge, Roland Claus, Diether Dehm, Dagmar Enkelmann, Wolfgang Gehrcke, Nicole Gohlke, Gregor Gysi, Ulla Jelpke, Katja Kipping, Harald Koch, Jan Korte, Katrin Kunert, Michael Leutert, Ulla Lötzer, Gesine Lötzsch, Dorothée Menzner, Petra Pau, Paul Schäfer, Ilja Seifert, Kersten Steinke, Sahra Wagenknecht und Halina Wawzyniak.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • LINKE unter Beobachtung

    Mindestens 27 Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion werden vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) beobachtet. Dazu kommen - offiziell - noch elf LINKE- Fraktionsmitglieder in verschiedenen Landtagen. Die Linksfraktion will nun einen Beschluss des Bundestages, um die Beobachtung der Partei DIE LINKE zu beenden. Mehr

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Ani-metaber, 25. Jan 2012 13:11

    Eigentore

    Hatte gerade ein Interview mit Wolgang Neskovic im DLF gehört (wird wohl im Laufe des Tages dort nachzuhören sein), aber neben guten Argumenten hab ich mehr Eigentore vernommen, die so klangen, als habe man in der Linken mit Spinnern und Verfassungsfeinden als „Randerscheinungen“ zu tun, wie sie mit jenen verbunden sei, die den Begriff Kommunismus reflektieren.

    Der Umgang mit den Medien scheint immer noch nicht gelernt worden zu sein.
    Statt festzustellen, es gäbe niemanden in der Partei die Linke, der die Verwirklichung durchaus unterschiedlichen Ziele anders, als auf demokratischen Wege anstrebt, niemanden, der sich eine Zukunft ohne Demokratie und Rechtsstaat vorstellt, hat er auch hier die Unterstellungen der Fragerin mal so einfach unwidersprochen hingenommen.

    Da sollte er sich nicht wundern, das Friedrich und Oppermann mit ihren Versuchen, die Linke doch als fragwürdig und notwendigerweise zu überwachen hinzustellen, doch eine wenig Erfolg haben werden.

    • Permalink

  • neoliberal, 25. Jan 2012 13:19

    Frage:

    wenn linksorientierte Menschen demonstrieren und jemand würde die Demo blockieren... eben weil er deren Meinungen nicht teilt... würde niemand aus der linken Ecke nach der Polizei oder dem Staat rufen ?? Gelten die Regeln nicht für alle ?

    • Permalink

  • Berndchen, 25. Jan 2012 20:00

    Re: Frage:

    Antwort: Nein.

    • Permalink

  • schmidtnd, 25. Jan 2012 20:08

    Verfassungsschutz

    Worin besteht der Unterschied zwischen Staatssicherheit und Verfassungsschutz? Keiner der erste sicherte den Staat DDR nicht und der zweite die Verfassung der BRD nicht.

    • Permalink

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