Von Irmtraud Gutschke
26.01.2012
Literatur

Kleine und große Fische

Claudia Piñeiro lässt unter einem Riss in der Wand allerhand zum Vorschein kommen

Der Krimi sei »das volksnaheste Genre in der Literaturgeschichte«, meint sie. Und doch widerstand ihr Verlag der Versuchung, Claudia Piñeiros Buch »Der Riss« als »Kriminalroman« anzupreisen. Ein Toter liegt unter Beton. Und wir kennen die drei, die ihn in der Tiefe versenkten. Einer oder eine könnte ihn sogar ermordet haben. Pablo Simó war es nicht, obwohl ihn die Sache womöglich am meisten bedrückt. Aber auch Borla, der Besitzer des Architekturbüros, und Marta Horvat, die Bauleiterin, sind aufgeschreckt, als eines Nachmittags eine junge Frau hereintritt, um sich nach jenem Nelson Jara zu erkundigen. Wie werden sie sich herauswinden? Bringen sie die junge Frau gar auch noch um? - Fragen versierter Krimileser, die Claudia Piñeiro allerdings nur belächeln kann. Denn was sie sich ausgedacht hat, ist viel feiner gestrickt.

Es ist wirklich kein Krimi, in dem es um Entdeckung und Bestrafung des Täters geht. Seltsam, hier kann es sich der Leser auch gar nicht wünschen. Pablo Simó hätte natürlich die Polizei alarmieren müssen, statt den Kollegen zu helfen, den Toten unter die Erde zu bringen. Hätte er? Marta vor Gericht bringen? Das öffentliche Gewissen über das private stellen? Und das in einem Land, in dem der Staat bis vor kurzem noch Massengräber ausheben ließ für heimlich ermordete Gegner des Regimes? Zu solchen Massengräbern gibt es seitens der argentinischen Schriftstellerin nur eine beiläufige Andeutung, aber es genügt, um sich vorzustellen, wie das Gefühl für Recht und Ordnung langfristig durch die Militärdiktatur untergraben wurde. Und auch später noch: Wer sucht denn nicht, so viel wie möglich für sich abzugreifen? »Sieh dich doch mal um, schau dir die Leute an - sind die nur mit legalen Mitteln an das gekommen, was sie besitzen?«, das sagt Leonor, besagte junge Frau, zu Pablo, dem sie bis vor kurzem noch nackt ganz nah gewesen ist. Aber er vermasselt die Sache durch seine Neugier, was sie wohl von dem Toten weiß. Vermasselt? Da sehe ich die Autorin lächeln: Den Unterschied zwischen »Vorher« und »Nachher« kennt doch jede Frau.

Oh, sie ist schlau, die Claudia Piñeiro, weiß so viel vom Leben, dass es in einen Krimi nicht hineinpassen würde. Wie so ein Pablo Simó mit Mitte vierzig sich fühlt, wenn er in jeder freien Minute ein Haus entwirft, das er nie bauen wird. (Einen sicheren Job hat er, doch keine Perspektive.) Wie er die Wohnungstür öffnet und keinem schönen Abend, sondern nur den Vorwürfen seiner Frau Laura entgegengeht, die mit der pubertierenden Tochter Francisca nicht zurechtkommt. Aber im Grunde beklagt sie ihr Leben. Da die Autorin aus der Sicht des Mannes erzählt, kommt die Frau, wie es scheinen könnte, schlecht weg. Aber Claudia Piñeiro hat so viele Untertöne zur Verfügung, dass wir uns auch Lauras Geschichte ausmalen können.

»Midlifecrisis« nennt man das. Die Autorin, auch gerade über fünfzig, kann und will sich darüber nicht lustig machen. Sie versteht, wenn manch einer in der Mitte seines Lebens noch einmal einen Aufbruch wagt, weil er seine Träume nicht begraben will. Aber es ist eben ein anderes Beginnen als in der Jugend. Die unbeschwerte Kraft, wie sie Francisca und Leonor noch haben, wird Pablo Simó nicht wiedergewinnen. Hätte er mit den Jahren in sich selbst zur Liebe gefunden, könnte es ihm gutgehen und den Menschen um ihn herum. Aber so, wie er es versucht, wird er die großen Gefühle wohl kaum erjagen. Und: Wer fortgeht, lässt traurige Menschen zurück. Strohfeuer mit wenig Wärme. Entschiedenes Gehabe, das Schwäche verhüllt. Man könnte wetten, dass die Autorin solche »Helden« kennt, auch schon enttäuscht wurde von ihnen, aber diesen hier betrachtet sie voller Mitgefühl. Winzigste Beobachtungen und jede einzelne stimmt!

Wegen eines Risses an seiner Zimmerwand hatte Nelson Jara mit dem Architekturbüro einen Streit vom Zaun gebrochen. Jedes Mittel war ihm recht, um an »Kohle« zu kommen. Durch den »Riss«, so zeigt sich, kommt alles mögliche hervor: persönliche Verletzungen und gesellschaftliche Gebrechen. Wer im Roman ist ohne Eigennutz? Nur dass die »großen Fische« sich ganz ungeniert bedienen, während die »kleinen Fische zuletzt immer die großen verteidigen und nicht ihre eigenen Leute ... Und wissen Sie, warum die das tun?«, hat Jara zu Simó gesagt. »Weil sie sich einbilden, dass sie später auch mal zu den Großen gehören. Aber da können Sie sich noch lange auf deren Seite stellen, Simó, Sie werden nie einer von denen, verstehen Sie?«

Im Krimi erfolgt letztlich eine Bestätigung der herrschenden Ordnung. Dieses Buch ist anders.

Claudia Piñeiro: Der Riss. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag. 248 S., geb., 19,90 €.

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