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Von Caroline M. Buck
26.01.2012

Eine Frage der Verantwortung

»The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten« von Alexander Payne

Einer der meistbegehrten Junggesellen der westlichen Hemisphäre spielt einen hilflosen Vater und betrogenen Ehemann: George Clooney. Die Figur bewahrt trotz dieser unglücklichen Situation seine Würde und macht am Ende alles richtig, persönlich, familiär, öko-politisch. Bei solch Konstellation wird natürlich sofort von einem Oscar geflüstert, mit dem so viel alltagstaugliche Selbstverleugnung und versteckte Anständigkeit hinter der schönen Fassade unbedingt belohnt werden müsse. Diverse US-Kritikerpreise haben George Clooney, Regisseur Alexander Payne und der Film »The Descendants« im Vorlauf der Oscar-Vergabe auch tatsächlich bereits abgekriegt.

Clooney also findet sich, zumindest temporär, als hawaiianischer Anwalt Matt King, in einer Lage wieder, die für andere Männer zum Alltagsverdruss gehört. Das sind zum einen die beiden Teenie-Töchter, zwei ihm weitgehend unbekannte Wesen, mit denen Vater King sich hier plötzlich auf sehr emotionale Weise konfrontiert sieht. Vor allem aber ist das die ihm bisher verborgen gebliebene Tatsache, dass seine Gattin sich offenbar schon etwas länger auf nachhaltigen ehelichen Abwegen befand. Von denen konnte sie erst der Sportboot-Unfall mit anschließendem Koma abbringen. Und leider wird das in absehbarer Zeit auch ihre Ehe nachhaltig beenden.

Wie bringt man seinen Töchtern, für deren Erziehung man relativ wenig Verantwortung übernahm (außer der finanziellen), möglichst schonend bei, dass ihre Mutter demnächst abgeschaltet wird? Und wie geht man dann auch noch damit um, dass das der älteren Tochter gar nichts auszumachen scheint? Sie hatte ihre Mutter nahezu in flagranti erwischt und ihr den Betrug am Vater so übelgenommen, dass sie mit ihr ohnehin nie wieder irgendwas zu tun haben wollte. So hatte er, der Vater, von der Affäre seiner Frau erfahren. Nun muss King, neben der Entscheidung über den Zeitpunkt des Maschinenabschaltens, auch noch die Entscheidung fällen, ob er den Liebhaber seiner Frau anständigerweise von deren bevorstehendem Ableben informieren sollte. Was, bitte schön, entspricht in einem solchen Fall dem guten Ton?

Clooney in Schlappen, die in Momenten emotionaler Aufgewühltheit und hektischer Bewegung für einen ausgesprochen albernen Pinguintrott sorgen, wie man ihn von Clooney sonst garantiert noch nicht gesehen hat. Clooney in Shorts, Fleece-Pullovern und großgeblümten Hawaii-Hemden (die an ihm allerdings deutlich blasser wirken als an Tom Selleck in der Fernsehserie »Magnum«, die dem Hawaii-Hemd europaweit einst zum ästhetischen Durchbruch verhalf). Clooney als trauriger Clown mit steiler Sorgenfalte, anfangs völlig überfordert von den Zumutungen, mit denen das Schicksal ihn da plötzlich überhäuft, das ist in der Tat ein neuer Blick auf einen Schauspieler, der seit dem Ende seiner Serientage immer vor allem eins war: ein globaler Star.

Wie man aus dieser Kombination dann auch noch eine Tragikomödie mit einem höchst symbolträchtigen Happy End macht, das zwar ohne die Präsenz der Mutter auskommen muss (aber die hatte sich ja auch an Vater King alias Clooney versündigt), das ist noch einmal eine eigene Frage. Alexander Payne, der schon im Weinkennerdramolett »Sideways« und in der Rentnerdramödie »About Schmidt« unterschiedliche Grade an Lächerlichkeit am Mann vorführte, ohne seine Figuren je (ganz) der Lächerlichkeit preiszugeben, schafft das Kunststück auch hier wieder. Der Debütroman der hawaiianischen Autorin Kaui Hart Hemmings (»Mit deinen Augen«), auf dem sein Film beruht, liefert dafür einige Hilfestellung.

Denn Matt King ist nicht irgendein trauriger Tropf mit Allerweltsproblemen. Natürlich heißt er auch nicht zufällig King. Seine Familie gehört in doppelter Hinsicht zu Hawaiis Ureinwohnern, einmal im ethnischen Sinne und einmal im Sinne der frühen Landnahme, bevor all die anderen Weißen kamen. Und natürlich ist die in den USA sonst gern als etwas dubios betrachtete ethnische Mischung auch nicht irgendein Mix, sondern führt das königliche Blut einer hawaiianischen Prinzessin mit sich. (Das Clooney übrigens recht gut steht - er hebt sich angenehm wenig ab von den tatsächlichen Hawaiianern, mit denen ein paar kleinere Nebenrollen besetzt sind, wirkt optisch unerwartet nicht bloß wie ein Hollywood-Import.) Von dieser Prinzessin also stammt der Landbesitz, über den Matt King die letzte Entscheidungsgewalt hat. Was ihn dann auch noch zu einem Ritter der Öko-Bewegung macht - jedenfalls wenn er seinen raubritterlichen Vettern widersteht, allen voran Beau Bridges als der Gewichtigste von ihnen, die die schöne Wildnis meistbietend ausverkaufen möchten, auch wenn sie dann zubetoniert würde.

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