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Der Autor ist Redakteur des »nd« und schreibt unter anderem zu Themen aus dem Bereich Tierrechte/Tierethik.
Foto: nd/Camay Sungu
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Als Ilse Aigner dieser Tage Auskunft geben sollte, ob sie »noch mit Genuss« Hähnchenfleisch esse, war die prompte Antwort: »Ja, keine Frage.« Denn ungeachtet der den Tieren zu Lebzeiten verabreichten Antibiotika werde das Fleisch »ja verarbeitet und erhitzt«.
Die Reaktion der Agrarministerin ist exemplarisch für Einstellung und Verhalten vieler »Verbraucher«. Das verwundert nicht. Schließlich werden Politiker nicht gewählt, um ihren Wählern lieb gewordene Gewohnheiten zu verleiden. Also sollen zweifelhafte Praktiken in der Tier-»Produktion« nicht zu Zweifeln bei den Konsumenten führen oder ihnen gar den Appetit verderben.
Allerdings geht es inzwischen längst nicht mehr nur um die sogenannte Lebensmittelsicherheit, sondern auch um das Leben, das diese »Lebensmittel« vor ihrem gewaltsamen Ableben im Schlachthaus hatten. Und dieses Leben ist für Millionen »Nutztiere« in Deutschland und der Europäischen Union nach wie vor ein erbärmliches. Eine Realität, die zwar von den chromblitzenden Fleischtheken der Supermärkte konterkariert werden soll, die aber über Massenmedien, Organisationen und andere Kanäle in der Öffentlichkeit präsent ist.
Also muss Politik der Öffentlichkeit vermitteln, dass sie etwas tut für den »Tierschutz« beispielsweise der von Frau Aigner so geschätzten Masthähnchen, die bei einem Besatz von bis zu 25 Vögeln pro Quadratmeter im Alter von 32 bis 35 Tagen unters Schlachtmesser kommen.
Die Europäische Kommission hat deshalb diese Woche eine neue, auf vier Jahre angelegte Strategie zur Verbesserung des Tierschutzes in der EU verabschiedet. Darin wabern die Wortnebel von »Optimierung der politischen Kohärenz« und »Markttransparenz innerhalb eines umfassenden Rechtsrahmens für den Tierschutz« über dem eigentlichen Problem, das von der Kommission immerhin genannt wird: Der Markt biete nämlich »keine ausreichenden wirtschaftlichen Anreize zur Einhaltung der Vorschriften«. Im Klartext: Tierschutz schadet dem Profit. An dieser Tatsache wird sich auch in den nächsten vier Jahren (sowie danach) nichts ändern, weil es um das grundlegende moralische Dilemma der herrschenden Schlachthauskultur geht: Ein System, das strukturell auf Elend, Leid und Tod gründet, ist nicht reformierbar. Es ist wie mit der Folter: Erlauben oder abschaffen - ein Dazwischen gibt es nicht. Und solange Fleisch in exorbitantem Ausmaß verzehrt wird, wird es Schlachthäuser und Massentierhaltung mit all ihren hässlichen Begleiterscheinungen geben. »Tieren Leid zuzufügen, ist nicht zulässig«, erklärte Ministerin Aigner. Schön wär's. Wer diesem Diktum folgen will, darf kein Fleisch mehr essen. Eine schlichte Wahrheit. Doch Politiker, die sie aussprechen, gibt es nicht. Nicht in Deutschland, nicht in Europa. Stattdessen wird stolz die Absicht propagiert, die Kastration männlicher Ferkel ohne Betäubung in allen EU-Ländern verbieten zu wollen - ab 2017.
Offenbar funktioniert diese Vertuschungsstrategie, denn die Zahl der Vegetarier und Veganer dümpelt in Europa nach wie vor im einstelligen Prozentbereich - auch wenn Medien bisweilen den Eindruck erwecken, Fleischverzicht gehöre inzwischen zum guten Ton.
Laut einer Prognose der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO wird die weltweite Fleisch-»Produktion« von derzeit rund 228 Millionen Tonnen auf 463 Millionen Tonnen im Jahr 2050 steigen. Tonnen. Die einzelne Kreatur zählt längst nicht mehr in der Gigantomanie dieses Geschäfts, an dem europäische Konzerne bestens verdienen. Allein Deutschland hat die Fleischexporte seit 2001 mehr als verdoppelt. Wer angesichts solcher Entwicklung dem Tierschutz der EU vertraut, mag auch künftig »mit Genuss« Fleisch essen.
Am 19. Januar wurde die 77. Internationale Grüne Woche in Berlin offiziell eröffnet. Bis zum 29. Januar zeigen 1624 Aussteller aus 59 Ländern ihre Produkte aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau. Das Motto in diesem Jahr: Regionalität ist Trumpf. Mehr
Der Artikel ist sehr gut und zutreffend. Ich bin der Meinung, dass die Linken auf diesem Gebiet sich mehr konzentrieren sollten. Überzeugter und gelebter Tierschutz wird den Linken eine Menge Stimmen einbringen. In dieser Richtung habe ich von den Linken sehr wenig vernommen. Also vorwärts in Richtung Tierschutz, Einforderung von Tierrechten und das Verbot von Tierversuchen.
Ich kenne diese ignorante Haltung leider auch aus meinem Bekanntenkreis, was mich immer wütender macht.
Ich lebe seit zehn Jahren glücklich fleischfrei, versuche so weinig Ei und Milchprodukte wie möglich zu nutzen und wenn dann saisonal und Bio-Prosukte.
Wenn in meinem Bekanntenkreis das Thema zur Sprache kommt merke ich immer wieder wie gerne die Menschen um mich herum verdrängen, was passiert bevor sie diese Lebensmittel konsumieren können, wieviel Leid dahinter steckt.
Das wird einfach ausgeblendet, was ich immer wieder nicht fassen kann.
Und Politiker die so argumentieren gehören meiner Meinung nach abgesetzt, aber da habe ich wohl einen naiven Traum.
Es geht um Profit und Lobbyismus - was zählt da schon eine gequälte Seele?
Ihr Kommentar ist wieder einmal hervorragend. Hoffentlich wird er nicht nur oft gelesen, sondern auch verstanden und zu Herzen genommen!
Eine kritische Anmerkung sei mir bitte gestattet:
In der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung heißt es in der Überschrift zum 4. Abschnitt (§§ 16 bis 20) fachlich zutreffend "Anforderungen an das Halten von Masthühnern". Als Frau Aigner jetzt während der IGW in der VDAJ-Pressekonferenz im Zusammenhang mit dem Antibiotikamissbrauch den sachlich nicht zutreffenden Begriff "Masthähnchen" benutzt hatte, fragte meine Frau die Ministerin, ob sie etwa nicht wisse, dass nicht nur männliche, sondern ebenso weibliche Hühner gemästet werden, weil es sich bei den Tieren um spezielle Mast-Hybriden handele und nicht um die männlichen Geschwister der Legehennen. Frau Aigners Reaktion machte nur zu deutlich, dass ihr dies offensichtlich nicht bekannt war. Ein Trauerspiel, denn die Verordnung wurde zu ihrer Amtszeit verabschiedet!
Die Medien sollten mit gutem Beispiel vorangehen und nur noch von Masthühnchen, Masthühnern oder Broilern sprechen, denn der Geflügelwirtschaft liegt sehr daran, dass die VerbraucherInnen weiterhin denken, es handele sich nur um Hähne, damit sie nicht an die grauenhafte Tötung der etwa 40.000.000 ökonomisch "wertlosen" männlichen Tiere der Lege-Hybriden erinnert werden.
Das Leid der Tiere allein müsste eigentlich schon ausreichen, um einen Mensch mit durchschnittlichen moralischen Vorstellungen vom Fleischkonsum abzuhalten. Aber dieser hat noch weit mehr schlimme Folgen:
- Hunger durch den steigenden Verbrauch landwirtschaftlicher Nutzfläche für Mastfutter,
- Vernichtung des Regenwaldes für Tiermast,
- immer mehr genmanipulierte Pflanzen, die in der Tiermast eingesetzt werden,
- Verseuchung des Grundwassers durch übermäßige Gülleproduktion,
- Erzeugung von multiresistenten Bakterien durch ständigen Antibiotikaeinsatz, prophylaktisch und als Wachstumsbeschleuniger, trotz Verbot,
- Steigende Zahl sogenannter Zivilisationskrankheiten durch immer höheren Fleisch- und Milchkonsum,
- hoher Ausstoß an klimaschädlichen Gasen (insgesamt schlägt der Tierverbrauch mit 51% beim Klimawandel zu Buche)
Bei Diskussionen muss ich aber leider immer wieder erfahren, dass es den meisten Menschen egal ist, ob sie für Hunger, Krankheiten, Klimakatastrophe und verseuchtes Wasser mitverantwortlich sind. Sie sind der Meinung, sie tolerieren, dass ich vegan leb (sehr freundlich) und ich soll eben tolerieren, dass sie das nicht tun. Das wäre Meinungsfreiheit. Ich kann dem nicht folgen, denn nicht nur sie selbst tragen die Folgen, sondern wir alle, unsere Kinder und Enkel und nicht zu vergessen die Tiere, die nur für Appetit unschuldig gefangen gehalten und grausam getötet werden.
Der Mensch ist gar nicht gut
drum hau ihn auf den Hut
hast du ihn auf den Hut gehaut
dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht gut genug
drum haut ihn eben
ruhig auf den Hut
B.B.
Und das zeigt, daß es keinen Unterschied zwischen Tier und Mensch gibt. Denn gäbe es ihn, würde der Mensch sein Denken und sein menschliches Mitfühlen bzw. Mitleiden über das profane Giergefühl im Gaumen stellen.
Einzig und allein dafür werden Tiere gequält und man wünscht sich fast, daß es gar nicht genug Kranke daraufhin geben könnte!
Allerdings sollen die ja wieder von ihrer Freßsucht über grausame Tierversuchsergebnisse geheilt werden.
Solange der Käufer seine Augen und sein Herzverz verschließt vor diesem menscheunwürdigen Tun und kein Fleisch mehr ißt, wird alles so weiter gehen und zwar ganz und gar skrupellos!
juhi
Unter diesem Motto der Agrarindustrie leiden heute rund 150 Mill. Nutztiere in deutschen Ställen. Ob Schwein, Rind, oder Legehenne, ob Pute, Kaninchen oder Ente - sie werden verstümmelt, in enge Ställe oder Käfige gepfercht und mit Medikamenten vollgepumpt. Auf der Strecke bleiben nicht nur das Wohl der Tiere und ihre artgemäße Haltung, sondern auch Qualität, Geschmack und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte.
Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, daß Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Klimaschutz trifft Fleisch Die Internationale Grüne Woche ist auch ein agrarpolitisches Forum
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