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Thomas Bruhn 28.01.2012 / Menschen & Leben

Kinderspiel

Warum die Welt nicht untergehen kann, und was Evan Christ damit zu tun hat

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Evan Christ, Generalmusikdirektor am Staatstheater Cottbus

Der Hörer hört nichts. Weil er nichts weiß, hört er’s nicht. Weil ich aber genau wissen wollte, was ich hörte, weil ich wissen wollte, warum Musik mich berührt, ging ich am Sonntagvormittag ins Familienkonzert. Dort, so wurde mir versichert, wird mir das ordentlich erzählt werden. Auf dem Programm standen die sinfonischen Tänze aus der »West Side Story« von Leonard Bernstein. Familienkonzert und nicht »Peter und der Wolf« oder »Der Karneval der Tiere« - wie soll das gehen?

Ich bog um die Ecke, das Theater dräute gewaltig und klopfte respektheischend mit dem Zeigefinger auf das Pflaster: Wer hier eingeht ... Publikum strebte von allen Seiten auf den Eingang zu. Aber es war nicht das gewohnt allabendliche Bild: Zunächst war es hell, eigentlich keine Zeit fürs Theater. Desweiteren fuhr das Publikum nicht im Auto vor, sondern unkonventionell und respektlos mit dem Rad; es schwebte nicht auf Duftwolken, hatte sich nicht ins Abendkleid gequetscht oder in den Anzug gehängt; es trug Jeans, Turnschuhe und Schleifenbluse oder lässig Hemd mit Weste; es duftete nach frischem Wind und tat nicht abgeklärt und cool, sondern plapperte aufgeregt.

Das Publikum, egal ob noch Kind oder schon furchtbar erwachsen, hatte Eltern, Großeltern und andere Kuscheltiere im Schlepptau und war ins Theater gekommen, um klassische Musik zu hören und sich was erzählen zu lassen. Die Welt kann nicht untergehn.

Ein bißchen hatte ich das Gefühl eines jamais-vu, als hätte ich dieses wohlvertraute Haus noch nie gesehen. Im Foyer, wo abends Herr Doktor Locke Frau Professor Pomade begrüßt, wuselte es. Das Theater hatte sich auf das Publikum eingestellt und für die Kurzen an der Garderobe Sitzkissen bereitgelegt. Nichts ist schlimmer, als wenn man im Konzert nichts sieht und nicht gesehen wird.

Ich setzte mich in den Saal: Anders als beim abendlichen Konzert, wo das Orchester wartet, bis das Publikum sich zur Ruhe begeben hat und dann in geschlossener Formation die Bühne betritt, saßen Musiker auf der Bühne und spielten sich ein. Das machte was her und zeigte, dass es nicht ganz so streng zugehen würde, wie die Fassade des Hauses es angedroht hatte, und zeigte auch, dass ein Musiker üben muss. So werden Werte vermittelt.

Das dritte Klingeln, das Orchester war komplett, das Licht verlosch, Dirigent und Moderator betraten die Bühne. Beiden war die Vorfreude auf den Spaß der nächsten Stunde anzusehen. Im Begrüßungsapplaus hob der Dirigent wie im Ausguck auf einem Schiff die Hand über die Augen und schaute, ob Saal und Ränge gut gefüllt waren. Schaut er abends in den Saal, sieht er vor sich eine sanft gewellte Landschaft aus Fönfrisur und Platte mit Kränzchen, immer hübsch artig im Wechsel; er sieht dezentes Grau, selten ein verwegener Farbtupfer - er sieht eine Spreewiese im Nebel. An diesem Morgen breitete sich ein Durcheinander von Hoch und Tief vor ihm aus, ein Stoppelfeld aus Groß und Klein, eine kluftige Gebirgslandschaft und viel Farbe.

Der Dirigent verbeugt sich, dreht sich um und zeigt dem Publikum die Rockschöße. Er heißt von vorn und von hinten Evan Christ und ist seit vier Jahren der Amerikaner vom Dienst in Cottbus.

Evan wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf. Seine Mutter spielte Geige und Bratsche im Sinfonieorchester von Nevada und in den Shows des Rat Packs, bei den Herren Sinatra, Martin und Davis jr. Für europäische Verhältnisse lassen sich weder die beiden Instrumente noch die Genres miteinander verbinden. In der neuen Welt kümmert sich kaum jemand um solcherart Befindlichkeiten. Der Vater spielte Oboe und gründete 1966 eine einzigartige Firma: Blasmusik in kleinen Formationen und solo. Chrystal records hat sich über die Grenzen des Landes hinaus einen guten Ruf erworben. Wo sonst findet man Holzbläserquintetts von Anton Reicha oder Tuba Solo auf CD?

Stundenlang saß der Sohn dabei, wenn der Vater mit Kollegen probte, dort hat er sein Gehör geschult, und dort lernte er en passant einen großen Teil der Literatur für Bläser kennen. Evan war elf oder zwölf, als er die ersten Platten mit Orchestermusik hörte: Tschaikowski und Beethoven. Wieder und immer wieder, wie das in dem Alter üblich ist. Das war sein Initialerlebnis. Er lernte Oboe und Klavier und spielte bald im Schulorchester. Später, in Harvard, Studienfächer Musik und Mathematik, spürte er, dass er die Gabe besitzt, Musiker zusammenzubringen und für gemeinsame Projekte zu begeistern, er entdeckte seine Liebe zum Dirigat. Ein bisschen mag es auch die Sehnsucht nach einer größeren Familie gewesen sein, so sagte er in einem Interview, die ihn dazu bewog, die ganz große Formation zu wählen und sich nicht auf die Kammer zu beschränken.

Ob die Erklärung mit der Familie so hinnehmbar ist? Musiker und Dirigenten scheinen oft sehr eigen und im Umgang miteinander nicht sehr fein zu sein. Über dieses nicht spannungsfreie Verhältnis kursieren unendlich viele Witze und ein Film von Fellini, »Orchesterprobe«. Als Evan die ersten Erfolge als Dirigent verbuchen konnte und sich entschloss, eben dieses Fach zu studieren, sagte sein Vater: »Nun ist er zu den Feinden übergelaufen.«

Unterdessen hat Christian Schruff ausgeplaudert, dass Bernstein den Erkennungspfiff der Jets schon als Kind in der Synagoge auf dem Schofar gehört hat, auf einem Horn. Natürlich hat das Auditorium das Signal herausgehört. Und natürlich hat es mit Leichtigkeit gehört, selbst mir ist das gelungen, wie Officer Krupke das Zusammentreffen der Jets und der Sharks getrennt hat: mit der Trillerpfeife.

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Christ bei der Arbeit mit Kindern

Mit Christian Schruff hat Evan Christ einen Gleichgesinnten gefunden. Schruff ist seit seinem Studium der Musikwissenschaft und der Geschichte in Sachen Familienkonzert landauf und landab unterwegs und mittlerweile ein gefragter Moderator. Manch einem wird der Name vom Kulturradio des RBB bekannt sein. Er hat die Gabe, die Dinge leicht und pointiert zu vermitteln, ohne auf Tiefe zu verzichten und um Probleme herumzureden. Seine Stimme hat diesen besonderen Ton ohne Zeigefinger.

Familienkonzerte gibt es schon lange. Als die Ära der Hausmusik zu Ende ging, mussten sich die Bürger etwas einfallen lassen, um die nachwachsenden Generationen an Musik heranzuführen. In den USA zum Beispiel sprach Bernstein über Musik und fand vor den Bildschirmen, an den Lautsprechern und in den Konzertsälen ein begeistertes und dankbares Publikum. Christ sieht sich in dieser Tradition und setzt sie fort: »Die Jungen von heute sind das Publikum von morgen«, sagt er.

Das Orchester spielte Somewhere und das Scherzo, und ich überlegte, wie ich zum Theater- und Konzertbesucher geworden bin. Ich hatte Glück und bin in einem Land groß geworden, in dem es zum guten Ton gehörte, dass eine Klasse zum Beginn des neuen Schuljahres ein Anrecht abschloss und jeder die Karten bezahlen konnte. Den Weg zum Theater der Freundschaft und den anderen Häusern im Osten der Hauptstadt finde ich heute noch ohne Mühe.

Christ hat sich auf seinem Weg langsam, aber stetig in Richtung Osten bewegt, dorthin, wo Sonne und Musiker aufgehen. Er ist in Los Angeles geboren und wuchs in Las Vegas auf, studierte in Boston, dann in Budapest und Leipzig. Es folgten Engagements in Würzburg und Wuppertal. Seit 2008 ist er Generalmusikdirektor am Staatstheater Cottbus.

Für zwei Dinge, die ihm am Herzen liegen, setzte er sich besonders ein: Familienkonzerte und Neue Musik. Vorstellungen für die Familie oder speziell für Kinder- und Jugendliche gab es am Theater immer. Da konnte er auf Vorhandenem aufbauen, es musste nur ein neuer, frischer Ansatz gefunden werden. Anders verhielt es sich mit dem Wagnis, bei jedem Konzert neben dem klassischen Repertoire eine Uraufführung zeit- genössischer Musik zu spielen. Die Wogen in Cottbus schlugen hoch. Christ verteidigte seine Idee, überzeugte die Musiker und diskutierte mit dem Publikum und sagte: »Die alten Meister hören auf zu leben, wenn wir die neuen nicht spielen. Wir leben im Heute, wir brauchen diese Musik, um die Zeit und uns zu verstehen.« Er dirigierte Werke von Georg Katzer bis Jörg-Peter Mittmann. Nicht nur die fünfundneunzigprozentige Auslastung des Hauses gibt ihm Recht.

Diese Arbeit wird auch außerhalb von Cottbus zur Kenntnis genommen: Im vorigen Jahr zeichnete der Musikverleger-Verband das Orchester mit dem Preis für das beste Konzertprogramm aller deutschen Philharmonien aus und würdigte ausdrücklich das mutige und konsequente Konzertprogramm.

Überhaupt das Orchester: Seit es zeitgenössische Musik spielt, klingt auch das klassische Repertoire anders, frischer, heutiger. Das Orchester wird in diesem Jahr hundert Jahre alt. Man merkt es den Damen und Herren nicht an. Besonders nicht an diesem Vormittag. Vor jugendlichem Publikum legt es noch einen Zahn zu. Die höhere Pulsfrequenz im Saal steckt an.

Evan Christ ist davon überzeugt, dass ein Dirigent auch ein Botschafter der Musik ist. Darum kümmert sich nicht nur um die jungen Hörer im Saal, pflegt mit seinen Musikern nicht nur die Patenschaft zu einer Grundschule, er kümmert sich auch um den musikalischen Nachwuchs. Im vorigen Jahr nahm er ein Gastdirigat beim Landesjugendorchester Berlins an.

Christ hat es nicht immer leicht mit der gar so tiefgründigen Art der Deutschen, die vor lauter Wissen, Können und Tradition nicht aus den Knopplöchern kieken können; er liebt die Offenheit und das Lässige der Amerikaner und scheint eine gute Balance zwischen beiden Temperamenten gefunden zu haben. Auf seinem Weg nach Osten wird man von ihm hören - in Moskau, Peking, Tokio und wieder in Los Angeles.

Zum Schluss wollte der Beifall nicht enden, bis die Bühne zum Sturm freigegeben wurde: Die Schlaginstrumente durften besichtigt und probiert werden. Mal auf die Pauke haun, aber richtig.

Nächste Familienkonzerte: 1. April, Das Geheimnis der goldenen Feder, »Der Feuervogel« von Igor Strawinsky
13. Mai, Wenn der Wind über dem Meer mit den Wolken spielt, »La Mer« von Claude Debussy

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