Von Volkmar Draeger
30.01.2012

Marsch der Massensuggestion

Die Hofesh Shechter Company aus London beendet bravourös die spielzeit‘europa

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Liefert differenzierte Weltkommentare: die Hofesh Shechter Company

Der Ruf des Spektakulären eilte diesem letzten Gastspiel der laufenden spielzeit’europa voraus. Im Parkett gibt es, alle Sitze entfernt, nur Stehplätze. Der Blick auf die Szene im Haus der Berliner Festspiele verblüfft sofort. Scheinbar in lichter Höhe schweben die Musiker, ihre Streichinstrumente produzieren ein Adagio, der Titel »Political Mother« dieses Abends leuchtet auf. Urplötzlich tilgt der Lärm von E-Gitarren den Frieden: Auf der Etage über den Streichern agiert eine Rockband, Gongs und o-daikos, japanische Großtrommeln, ergänzen treibend den Sound. Ein Tänzer in stilisierter Samurai-Uniform vollzieht dazu unten Seppuku, rituellen Selbstmord, und verröchelt sein Leben. Kurze Szenen folgen, stets milchig eingewebt in Nebel. Zwei Männer verharren in lauernder Pose, fallen ekstatisch in Tanz. Noch eine Ebene tritt hinzu: Unter den beiden Etagen für die Musiker taucht eine Reihe von Percussionisten wie aus dem Nichts auf. Oft musizieren alle drei Ebenen gemeinsam, sie hüllen die Bühne in eine Lauttrance, der sich der Tanz nicht entziehen kann.

Der findet wie eine Zeremonie der willensfrei getriebenen Masse Mensch statt, mit Blick zu den Musikern und jubelnd oder anbetend erhobenen Armen. Es macht aber gerade die enorme Qualität der Choreographie aus, dass ihre Aussagen ambivalent bleiben. Denn jene erhobenen Arme stehen immer auch als Hilflosigkeitsgeste von Gefangenen, ob politischen unter der Inspektion eines Manns mit Affenmaske oder psychologischen unter dem unverständlichen Getöse eines vielleicht religiösen Einpeitschers hoch oben auf dem Gestell. All das zusammen, die dröhnenden musikalischen Feuerstöße und ein bis zu Verzückung und totaler Verausgabung sich steigernder Tanz, kreiert explosive Energie mit einem in die Glieder fahrenden Lautpegel. Batterien greller Scheinwerfer hellen bisweilen das mystische Dunkel auf und heben heraus, was besonders gesehen werden soll. Doch nie legt sich der Tanz auf Eindeutigkeit fest. Alles aber läuft auf einen irgend gearteten Höhepunkt zu. Bis dahin setzen Tanz und Musik immer wieder auch leise, intime Momente. Aus Individuen brechen sich Emotionen Bahn, die Körper schlottern; zwei Menschen umklammern sich zart schutzsuchend, bis Rockmusik wie ein Schreckschuss die Stille beendet. Wieder setzen jene nebelumhüllten Fluchten Getriebener ein, deren Beine hüpfen und zappeln, deren Leiber sich winden in unklassifizierbar freier Bewegungserfindung.

Die Massensuggestion löst sich zu Marschrhythmus als Liebe in Zeiten der Angst auf, einem Paar schließen sich weitere Paare an, doch selbst der Coitus gerät zum bloßen physischen Zucken. In Normalkleidung kommen gegen Ende die 15 Tänzer auf die Szene und lesen eine aus Lämpchen formierte Schrift. »Where there is pressure« liest man und erwartet die finale Botschaft. Die löst der Choreograph genial auf: »there is folkdance« lässt er folgen und wendet so das eminente politische Anliegen seines Stücks in eine lange fortwirkende Leichtigkeit. Recht hat er damit in jeder Hinsicht. So wie seine Tänzer schließlich, an den Händen gefasst, im Kreis oder in Reihe tanzen, ist Folklore stets auch Ausdruck gemeinschaftlichen Wollens und Kämpfens gewesen. Ein sanfter Lovesong erstickt Geschrei, Liebe und Hoffnung siegen, auch wenn der Samurai des Beginns nochmals seinen Säbel zückt, ehe das Licht erlischt. Hofesh Shechter, der Israeli mit der Wundergabe für Choreographie und Komposition, beides von ihm, entlässt den Zuschauer höchst nachdenklich über den Zustand dieser Welt, und dies ohne jeden Anflug von Agitprop. Geht also doch. Seit einem Jahrzehnt sammelt der Wahl-Londoner Preise wie andere Pilze und hat sich mit der Hofesh Shechter Company ein veritables Instrument für seinen differenzierten Weltkommentar geschaffen.

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