Die Doppelhaushälfte am Erpeweg in Hönow steht auf einem ziemlich kleinen Grundstück. Der schmale Streifen vor dem Eingang reicht gerade aus, um zwei Autos zu parken. Hinten raus bellt Schäferhund Rex im bescheidenen Garten. Aber eine hübsche Grünanlage ist nur ein paar Schritte entfernt. Hier ist es ganz anders als in dem Hochhausquartier in Berlin-Lichtenberg, wo Herbert Schill früher wohnte. Hier wollte der 67-Jährige leben und er hat es auch mehr als ein Jahrzehnt getan. Doch am 28. Februar ist Schluss. Die Räumung wegen Mietschulden steht vor der Tür. Die Verantwortung dafür trägt das Jobcenter Märkisch-Oderland. So jedenfalls lautet die Version von Schill.
Der Rentner fasste um das Jahr 1999 herum den Entschluss, die Großstadt zu verlassen und sich im Umland niederzulassen. Damals arbeitete er noch als Techniker bei der Telekom und verdiente ganz gut. Die Miete für die 97 Quadratmeter am Erpeweg wäre ihm allein trotzdem zu viel gewesen. Schließlich verlangt der Eigentümer, eine bekannte Immobilienfirma, inklusive Nebenkosten monatlich etwa 1050 Euro.
Schill kam die Idee einer Wohngemeinschaft und dafür gewann er die heute 62-jährige Verkäuferin Martha Schook, die seinerzeit noch ein anständiges Einkommen von einer Berliner Einzelhandelskette bezog. Die Familien waren früher flüchtig miteinander bekannt, jetzt waren der Mann und die Frau geschieden. Sie trafen sich zufällig in der U-Bahn - soweit immer noch die Darstellung Schills.
Man einigte sich über den Reinigungsdienst und die Aufteilung der Räume. Das Bad und die Küche sollten gemeinsam genutzt werden, das Schlafzimmer für die Frau, ein Kinderzimmer für den Mann reserviert bleiben. Ins Wohnzimmer setzt sich abends meistens die Frau, während der Mann oben im zweiten Kinderzimmer an seinem Computer hockt. Jeder zahlt die Hälfte der Miete und es ist zunächst kein Problem, dass Martha einen Bandscheibenvorfall erleidet und an Krebs erkrankt und deswegen 2001 erwerbslos wird. Selbst das Arbeitslosengeld II reicht ihr, um den Mietanteil von 525 Euro aufzubringen. Zwar bleiben dann nur knapp 180 Euro monatlich übrig. Aber Martha fährt nie in den Urlaub. Ihr genügt es, im Garten zu pusseln. Sie ist zufrieden.
Doch am 21. Mai 2010 schreibt ihr das Jobcenter: »Die Voraussetzungen für einen eigenständigen Anspruch auf Leistungen liegen für sie nicht vor, weil sie mit ihrem Partner eine Bedarfsgemeinschaft bilden. Es wurde festgestellt, dass sie und Herr Herbert Schill eine Bedarfsgemeinschaft bilden.« Dahinter steckt wahrscheinlich eine Bezichtigung aus der Nachbarschaft. Fortan zahlte das Jobcenter keinen Cent mehr. Es forderte im Gegenteil noch 4000 Euro zurück. Juristische Schritte dagegen sind laut Martha Schook unternommen, doch bis eine Entscheidung fällt, vergeht wohl noch etliche Zeit. Derweil summieren sich die offenen Beträge: über 7000 Euro Mietschulden und 282 Euro Rundfunkgebühren, außerdem Beiträge für die Krankenversicherung.
Schook und Schill zeigen bereitwillig das Haus, um zu beweisen, dass sie tatsächlich kein Paar seien, sondern wirklich nur eine Wohngemeinschaft. Sie klingen glaubwürdig, auch weil sie so wirken, als ob sie gar nicht zusammen passen. Ihre nach Zahlen gemalten Bilder empfindet er als kitschige Verschandelung des Flurs. Im Schlafzimmer ist bloß eine Seite von Schooks altem Doppelbett bezogen. Das Bett in Schills Zimmer sieht so aus, als ob er tatsächlich darin schläft. Wie viele Enkel Martha Schook hat, weiß Herbert Schill gar nicht so genau, stellt sich heraus.
Zwar könnte dies alles inszeniert und gespielt sein. Das lässt sich nicht völlig ausschließen. Aber selbst wenn die zwei Senioren ein Paar wären, würden die etwa 1000 Euro Rente von Schill nicht für beide reichen. Es würde einen Zuschuss geben. Allerdings verweigert Schill auf Anraten eines Rechtsanwalts dem Jobcenter die Auskunft über sein Einkommen, denn bei einer WG habe dies nicht zu interessieren. Sicher wäre es klüger gewesen, die WG aufzulösen. Doch Schook fand in der Gegend keine passende Unterkunft. Jetzt ist es sowieso aus. Auch für Schill, denn er bekommt nun keine Bescheinigung über seine Mietschuldenfreiheit, und damit auch kein anderes Quartier. Dabei hat Schill seinen Anteil der Miete stets überwiesen und zuletzt zusätzlich die kompletten Nebenkosten getragen, damit Heizung, Wasser und Strom nicht abgestellt werden. Jetzt ist er trotzdem mit dran.
Nun sollen die beiden Senioren je ein Zimmer in einem Obdachlosenasyl beziehen. Doch lieber wollen sie ihrem Leben ein Ende setzen. »Ich lasse mich hier nur mit den Füßen zuerst raustragen«, beteuert Herbert Schill. Martha Schmook sagt: »Wenn ich keine richtige Wohnung bekomme, tue ich mir etwas an.«
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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