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Von Wolfgang Gehrcke 02.02.2012 / Literatur

Drohen hilft nicht gegen die Drohung

Die iranische Bombe - ein Buch gegen eine plumpe Militärstrategie

Die Prognose des Buches von Gero von Randow und Ulrich Ladurner ist düster. »Ausgerechnet im ideologieverseuchten, hasszerfurchten Nahen und Mittleren Osten könnte es zur ersten Nuklearkatastrophe nach Hiroshima und Nagasaki kommen.« Gott sei Dank benutzen die Autoren den Konjunktiv »könnte«, was die Möglichkeit eines anderen Verlaufes immerhin offen hält. Geschrieben wird nicht über einen Unglücksfall in einem der zahlreichen Atommeiler in der Region, sondern über einen Angriff auf iranische Atomanlagen.

Die Autoren, beide »Zeit«-Redakteure, sind außenpolitische Experten, bestens bewandert in den Problemen der Region. Das Buch ist besser als der Ruf der Zeit. Abwägender, tastender, unsicherer, aber gerade deshalb analytischer. Die Autoren legen sich nicht fest, ob der Iran an der Bombe baut oder tatsächlich nur über ein ziviles Atomprogramm verfügt. Beides ist denkbar. Diese Antwort ist übrigens ganz auf der Ebene der Internationalen Atomenergiebehörde, die sich ebenfalls nicht festgelegt hat. Wichtiger für die Autoren ist jedoch, ob Iran überhaupt die Atombombe bauen will. Technisch scheint der Iran dazu durchaus in der Lage zu sein, die politische Absicht bleibt offen.

Ich habe vor einem Jahr den ehemaligen Chef der Atomenergiebehörde, El Baradei, gefragt: »Will der Iran die Bombe bauen?« Dessen Antwort lautete: Der Iran macht genau das, was Brasilien, Südafrika, Argentinien und eine Reihe weiterer Schwellenländer zumindest betrieben haben; man erwirbt das Knowhow, die Bombe bauen zu können. Das Knowhow ist die größere Bedrohung als die Bombe selbst. Dazu passt die von Israel öffentlich kritisierte Analyse der US-Geheimdienste, dass Iran bis zum Jahr 2003 an einem militärischen Atomprogramm geforscht hätte, aber diese Arbeiten eingestellt worden wären.

Randow und Ladurner zeichnen nun also vier Szenarien und bieten sieben Ratschläge.

Szenario 1: Der Iran wird ein Atomwaffenstaat. Technisch möglich, politisch unklar und doch wären die Folgen kalkulierbar. Die Schlussfolgerung der Autoren: Es muss geprüft werden, ob Iran sich in eine regionale Sicherheitspartnerschaft einbinden ließe. Diese Prüfung kann relativ rasch von statten gehen, planen doch die Vereinten Nationen noch für dieses Jahr in Kairo eine Konferenz für einen von Massenvernichtungswaffen freien Nahen Osten. Die Autoren warnen dennoch: »Fehlkalkulationen auf beiden Seiten (namentlich im Iran, in Israel und den USA) könnten in ein nukleares Inferno münden.« Bei meinen Besuchen in Israel in den vergangenen Jahren habe ich sehr viele Spitzenpolitiker kennengelernt, mit denen man über einen Palästinenserstaat rational reden konnte. Kam die Sprache jedoch auf Iran, so endete jegliche Rationalität abrupt.

Szenario 2: Ein Präventivkrieg gegen Iran. Präventivkriege sind heute zur vorherrschenden militärischen Strategie geworden und werden mit entsprechender Medienwirksamkeit in Szene gesetzt. Der Krieg gegen Irak mit Hundertausenden Opfern war eine Blaupause für diese Art Kriegführung. Anhänger eines Präventivkrieges gegen Iran findet man auch in Deutschland. Philipp Mißfelder, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU im Bundestag, ließ sich mehrfach mit dem Satz zitieren, dass der Westen im Atomkonflikt mit dem Iran militärische Optionen nicht ausschließen dürfe. Prof. Dr. Joachim Krause, Direktor des Institutes für Sicherheitspolitik, wiederum kommt in seiner Analyse zur Schlussfolgerung: »Sollte es zu überraschenden Fortschritten beim iranischen Kernwaffenprogramm kommen, kann nicht einmal ausgeschlossen werden, dass die Israelis als erstes Kernwaffen einsetzen.«

Szenario 3: Der Iran wird einem internationalen Sanktionsregime unterworfen. Dieses Szenario läuft derzeit ab. Zielsetzung ist eine politische und ökonomische Schwächung der iranischen Führung mit dem Ausblick auf einen Regimewechsel. Offiziell wird behauptet, die Verschärfung der Sanktionen sei die einzige Chance, einen Militärschlag auszuschließen. Die Sperrung der Zusammenarbeit mit iranischen Banken und das Abschneiden des iranischen Erdölhandels treffen auch westliche Staaten erheblich. Zudem und vor allem: Sie schweißen offensichtlich die iranische Bevölkerung um die jetzige Führungsmannschaft in Teheran zusammen. So mahnen denn auch die beiden Autoren: »Freiheit, die will man sich in Teheran sicher vorstellen, aber eine Freiheit, die ausgerechnet von amerikanischen Bombern und Panzern gebracht wird, wird kaum willkommen sein.« Das kennen wir bereits aus Afghanistan und Irak.

Szenario 4: Man kauft Teheran die Atomrüstung ab. Dieses Szenario liest sich auf den ersten Blick unwahrscheinlich, ist aber durchaus logisch. Iran müssen Sicherheitsgarantien gegeben werden, die US-Stützpunkte rund um den Iran wären aufzulösen und das Land am Persischen Golf darf nicht weiter isoliert werden, sondern ist in die internationale Politik einzubeziehen.

Die dringlichen Empfehlungen der beiden Autoren lauten: militärische Eskalation vermeiden, Zeit gewinnen, Bündnisse schmieden, eine abgestufte, kluge Sanktionspolitik und Angebote an Teheran, die zu Reformen animieren. Nicht zuletzt wäre die Möglichkeit zu eruieren, Iran friedliche Kerntechnik zur Verfügung zu stellen. Jeder dieser Vorschläge ist mit guten Argumenten, aber auch mit Tücken versehen. Ein Vorteil dieses Buches ist: Die Autoren argumentieren sachlich und logisch und verschweigen nicht die Schwierigkeiten bei einer womöglichen Umsetzung ihrer Empfehlungen.

Gero von Randow/Ulrich Ladurner: Die iranische Bombe. Verlag Hoffmann & Campe. 174 S., br., 14,95 €.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Ani-metaber, 05. Feb 2012 09:09

    Iranische Atombombe überflüssig machen, was sonst?

    Entweder werden die Voraussetzungen geschaffen, die den Iran den Verzicht auf die abschreckende Wirkung eines eigenen Atomwaffenbesitzes möglich machen, oder man nimmt diesen hin, wenn er von Seiten des Iran gewünscht wird.
    Sich auf Rechtfertigungen für einen Angriff auf den Iran einzulassen, ist wohl das Letzte, was man tun sollte. Damit spielt man nur das Spiel, das auch aus Berlin keinen Widerspruch erfährt, nämlich ständig mit Krieg zu drohen, weil ja auf gar keinen Fall ein Atomwaffenbesitz des Iran hingenommen werden könne.
    Viel Friedenswille ist aus Berlin nicht zu erkennen.
    Die Jerusalem-Post berichtet, Berlin habe nun bereits einen Vertrag unterschrieben, um bald ein sechstes U-Boot für „Israel“ bereitzustellen.
    Als Begründung habe es geheißen, man sei in Berlin für „Israels“ Sicherheit verantwortlich.
    Spötter mögen dabei denken, warum man sich dann für die Existenz eines Staates in solch einer Umgebung einsetzt, und man kann besprechen, inwieweit damit der Deckmantel einer vermeintlich gelungenen Abkehr von der Hitlervergangenheit aufrecht erhalten werden soll.
    Hier aber ist zu fragen, wie das die Spannungen mit dem Iran reduzieren soll.
    Vor Wochen hieß es noch, Israels Sicherheit verlange es gegen den weiteren Siedlungsausbau zu protestieren und deshalb den U-Boot-Deal aufs Eis zu legen.

    „J’lem and Berlin sign contract for sixth submarine“
    www.jpost.com/Defense/Article.aspx?id=256494

    Um die Menschenrechte im Iran ist überhaupt nicht die Rede..

    • Permalink

  • guenter1952, 05. Feb 2012 10:49

    Re: Wirklich?

    Damit
    "Entweder werden die Voraussetzungen geschaffen, die den Iran den Verzicht auf die abschreckende Wirkung eines eigenen Atomwaffenbesitzes möglich machen, oder man nimmt diesen hin, wenn er von Seiten des Iran gewünscht wird."
    hast du das Hauptargumente der Kriegsvorbereiter und Kriegspropagandisten übernommen: die Unterstellung, der Iran wolle die
    Bombe bauen.
    Es gibt bis heute keinen eindeutigen Beweis, das der Iran die Kernenergie militärisch nutzen will. Der Iran sagt, sein Atomprogramm sei nur zivil (darauf hat er ein verbrieftes Recht), und es gibt ein religiöses Verbot, eine Fatwa, gegen die Entwicklung von Atombomben.
    Mit der unbewiesenen Behauptung wird die Kriegspropaganda und die
    Kriegsvorbereitung gegen den Iran begründet, stark ähnlich wie mit
    den "Massenvernichtungsmitteln" des Irak.
    .
    Wenn wir die Unterstellungen der Kriegsplaner übernehmen, haben wir schon den ersten Schritt zur Unterstützung des nächsten Krieges gemacht. Ja, wir machen dann mit.
    Aber du eindeutige Beweise für die Entwicklung von Atombomben durch
    den Iran hast - lass hören.
    Ich glaube, der Atomkonflikt ist nur ein Aufhänger, um ein unliebsames
    Regime zu beseitigen.
    .
    www.jan-van-aken.de/?newid=152#d152 german.irib.ir/nachrichten/politik/item/202264-russland-warnt-erneut-usa-vor-waffengang-gegen-iran

    • Permalink

  • Ani-metaber, 05. Feb 2012 11:03

    Re: Re: Wirklich?

    Wenn,
    heißt wenn,
    ohne Wenn und Aber.

    Ansonsten bin ich kein Hellseher und kein Freund von Gewaltherrschern.

    In der Taz war aber ein Bericht der ausführte, welche Schwierigkeiten es in Zukunft darstellen könnte, Medikamente in den Iran zu bringen, da man Bankgeschäfte kompliziert gemacht hat.

    Ich fände es vielversprechend, wenn man die Bundesregierung mit Anfragen zur Rede stellte, wie der Erhalt von Medikamenten, medizinisches Gerät und anderer unverzichtbarer Güter für die iranische Bevölkerung in Zukunft ermöglicht werden kann.

    • Permalink

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26.05.2012 | Marcus Meier

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