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Von Gunnar Decker 10.02.2012 / Feuilleton
Berlinale 2012

Hintertreppe der Revolution

Eröffnete den Wettbewerb: »Leb wohl, meine Königin!« von Benoît Jacquot (Frankreich)

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Diane Kruger als Marie Antoinette.

Immerhin, die Französische Revolution. Es gab schon weniger ambitionierte Eröffnungsfilme der Berlinale. Denn so ein Eröffnungsfilm will bekanntlich eine festliche Angelegenheit sein. Ist die Revolution ein Fest? Vielleicht, freilich ein schmutziges, ein blutiges zumal. Ein Schlacht-Fest schließlich - nachdem der Adel guillotiniert war, folgten die Girondisten, schließlich richteten sich die Jakobiner gegenseitig hin.

Über Revolutionsgeschichte sollte man sich in Zeiten wiederkehrender Manifeste, von »Der kommende Aufstand« (herausgegeben von einem »Unsichtbaren Komitee«) bis Stéphane Hessels »Empört Euch!« durchaus wieder einmal kundig machen. Von Albert Sobouls »Die große französische Revolution« bis zu Walter Markovs »Revolution im Zeugenstand« gibt es viel Material - und das, was DDR-Verlage zu diesem Thema zu bieten hatten, erscheint in der Rückschau überreich im Vergleich zu der heute herrschenden Geschichtsvergessenheit - ich denke besonders an Manfred Kossoks großartiges Werk »In Tyrannos. Revolutionen der Weltgeschichte«.

Ja, die großen Hoffnungen auf Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit - und dann die folgenden barbarischen Abstürze in neue Tyrannei! Frisst jede Revolution ihre Kinder? Ach, hätten sie doch Geduld gehabt und bloß eine Reform gemacht - es hätten mehr Menschen die »neue Zeit« erlebt! Und dann ist es ausgerechnet Napoleon, der sich am Ende der Revolution zum Kaiser krönen lässt - und den code civil, das bürgerliche Gesetzbuch, durchsetzt, das, was von der Großen Französischen Revolution bleiben wird. An den Revolutionen der Geschichte gerät jede Dialektik in die Krise, es sei denn, sie verzichtete auf allen historischen Optimismus.

Benoît Jacquot will einen Film über den Alltag der Revolution machen. Er kommt quasi durch die Küche in den Thronsaal. Das ist zweifellos ein fruchtbarer Ansatz - denn für wen trat die Revolution im Juli 1789 an? Für die, die in Paris vergeblich vor leeren Brotläden standen - und schließlich nach Versailles zu »ihrem« König zogen, ihn zurück nach Paris zu holen. Der beste Revolutionsfilm, den ich kenne, ist eine mehrteilige Fernsehproduktion (360 min., auf Kinowelt DVD zu haben) ausgerechnet aus dem Jahre 1989 - mit Klaus Maria Brandauer als Danton. Auch von Andrzej Wajda gibt es einen sehenswerten Danton-Film mit Gérard Depardieu. Das jedoch, was Jacquot mit »Leb wohl, meine Königin« versucht, hat bereits Ettore Scola in einem Kinogeschichte schreibenden Film erprobt: »Flucht nach Varennes«.

Der König flüchtet 1791 aus Paris, will sich absetzen - aber das Volk verhindert das. Der König ist bei Scola abwesend, man sieht immer nur diejenigen, die sich um die monarchistische Leerstelle herum bewegen, als läge selbst noch in ihr eine identitätsstiftende Magie, ebenso für Freund wie für Feind. Es war eben das erste Mal, dass man sich in Frankreich Geschichte ohne einen gottgesandten König vorzustellen versuchte - die meisten Menschen vermochten das nicht, immerhin wird Louis XVI. (bürgerlich in Louis Capet umgetauft) erst im fünften Revolutionsjahr verurteilt und hingerichtet. Solange trauten selbst die Revolutionäre sich das nicht.

Scola sagt, wäre Louis XVI. statt in bürgerlicher Verkleidung in seinen königlichen Gewändern geflohen, die Provinzler in Varennes hätten ihn nie aufgehalten. Ein Hinweis, der für Benoît Jacquot ein Stichwort gewesen sein muss.

Denn um das alte und doch immer neue Thema aus Gottfried Kellers »Kleider machen Leute« dreht sich alles auch in Jacquots Versuch, die 1789er Revolution aus der Perspektive der Dienstboten und des Hofstaates zu zeigen. Er setzt mit dem Sturm auf die Bastille ein. Die erste Szene ist symptomatisch für die folgenden hundert Minuten. Wir sehen eine goldene Barockuhr in einem kahlen Zimmer auf einem schäbigen Nachttisch. Ein Mädchen mit großen traurig-verträumten Augen (Léa Seydoux) schreckt empor, und wir wissen bereits alles: Sidonie ist Bedienstete in einem Schloss.

In dieser etwas penetranten Art führt uns Jacquot mit einem Schlag in die zwei Welten von Versailles: vorn Macht und Pracht, hinten Armut und Schmutz. Damit hier keinerlei Fragen offen bleiben, kratzt sich das von Flöhen und Wanzen zerbissene Mädchen ausgiebig, eine tote Ratte ist auch innerhalb der ersten zwei Minuten im Bild. Aber selbst die wirkt hier wie ein Ornament.

Wir begleiten nun einen Film lang Sidonie über die Hinterteppen des Schlosses, das wie ein Labyrinth wirkt - auch die Herrschenden bewohnen eine Art Gefängnis, wenn auch ein luxuriöses. Diane Kruger spielt die Königin Marie Antoinette, die später ebenfalls hingerichtet wird. Kruger spielt sie nicht besonders gut, aber als Typus mag sie stimmen: kalt, arrogant, oberflächlich.

Interessant an »Leb wohl, meine Königin« ist sein Blick auf die Hierarchien eines Hofstaates. Gehört das Personal eines Schlosses nun zum König oder zum Volk? Diese Frage hätte eine Beantwortung verdient. Stattdessen passiert etwas anderes: Die Kleiderfrage beginnt den Film zu beherrschen. Hier ist die Weltgeschichte nicht auf dem Weg in die Dienstbotenkammer, sondern wieder einmal bloß in den Kostümfundus.

Weniger opulent wäre mehr gewesen. Manches ist beinahe eindringlich, etwa der beharrliche Blick auf die Türen im Schloss, die sich öffnen oder schließen. Meistens stehen sie halb offen, und eine der Hofdamen kontrolliert mit ihren Blicken die Szenerie, winkt die einen hinein, die anderen hinaus. Revolution wäre es, diese Ordnung der Türsteher gehörig durcheinanderzubringen. Aber das geschieht hier bestenfalls ansatzweise, zumeist beschränkt sich Jacquot darauf, einen prachtvollen Film zu drehen. Wenn etwas recht hübsch, aber auch harmlos, langweilig ist, wie nennt man das? Genau: höfisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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