Sonst gibt es keine Gemütskrankheit in unserer Familie, aber meine beiden Schwestern haben die Arachnophobie. Diese steht nicht in jedem Fremdwörterbuch, obwohl viele Menschen, vor allem Frauen, darunter leiden. Es ist eine spezifische Spinnerei, die sich beim Anblick einer Spinne in oft mit Verbalinjurien verbundenen Meidreaktionen und Fluchttendenz äußert. Es geht also um Spinnenangst.
Dabei sind viele Spinnen, nicht zuletzt die Kreuzpinnen, ausgesprochen schöne Tiere. Man kann übrigens sicher sein, dass man von keiner der im Garten lebenden Spinnen gebissen wird. Ihre Netze sind Wunderwerke, die oft täglich erneuert werden, weil das feine Gitterwerk durch Herausschneiden von Beutetieren beschädigt ist oder angeflogene Federn, Blätter usw. darin kleben geblieben sind. Lästig ist es, gerät man beim morgendlichen Gang durch den Garten in ihre Gespinste. Dabei lernt man die erstaunliche Festigkeit der Gerüstfäden kennen, die viel dicker sind als die darüber gelegten regelmäßigen Spiralen, die Leimtröpfchen tragen.
Das Netz ist so etwas wie ein Sinnesorgan, auf dessen Erschütterung die lauernde Spinne sehr zielsicher reagiert. Beutetiere werden durch Giftbiss getötet, oft aber zunächst gefesselt, d.h. eingesponnen. Einmal hatte eine meiner Spinnen besonderes Jagdglück beim Fang von Wespen, von denen gleich mehrere in ihrer unzerreißbaren Umhüllung zappelten.
Man sollte es in Anbetracht der Netzkunstwerke nicht für möglich halten, aber die Architekten sind trotz ihrer acht Augen fast blind. Ihrem Netzbau käme ein besseres Sehvermögen auch kaum zugute, da sie ja »hinter sich« arbeiten.
Problematisch ist das äußerst geringe Sehvermögen allerdings für die Partnerbeziehungen. Die viel kleineren oder wenigstens schlankeren Männchen, die als solche an den für die Übertragung der Spermien benutzten dicken Kiefertastern zu erkennen sind, würden bei leichtfertigem Betreten des Netzes als Beute angesehen. Sie versuchen dem durch Anmeldung zu entgehen, indem sie in bestimmter Weise am Netzrand zupfen.
Es bedarf schon einiger Geduld, Zeuge ihres meist erst nach wiederholten Vorstößen und Rückzügen erzielten Erfolges zu sein. Und der ist trotz Erkennungssignals nicht garantiert, da die Weibchen nicht immer paarungsbereit sind. Ich beobachtete einen solchen Paarungsversuch, der sich am Fenster abspielte. Am nächsten Tag war das Weibchen, das wochenlang an gleicher Stelle gesessen hatte, verschwunden. Ich konnte es nicht finden, aber bin davon überzeugt, dass es irgendwo, von einem gelblichen Gespinst umhüllt, eine ihrem Umfang entsprechend große Zahl von Eiern gab.
Merkwürdig ist, dass die Jungen zwar schon im Herbst aus den Eiern, aber noch nicht aus deren Umhüllung schlüpfen. Sie bleiben noch einige Zeit zusammen, ehe sie sich zerstreuen, um sich einen konkurrenzfreien Platz für ihr Netz zu suchen. Nur einige wenige überleben lange genug, um sich im Spätsommer und Herbst an der Erhaltung ihrer Art zu beteiligen.
Bisher hat 1 Leser diesen Artikel empfohlen.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Preis: 60,00 €
Preis: 9,95 €
Werbung:
Werbung: