Durch dieses Tor fuhren schon Stars wie Kate Winslet, Christoph Walz und Tom Cruise.
Foto: Joachim Fieguth
Das Jahr 1912: Im Atlantik sinkt die »Titanic«, die Südpol-Expedition Robert Falcon Scotts endet tragisch, in Stockholm werden die V. Olympischen Spiele ausgetragen, China proklamiert die Republik. Eine Frau tanzt, schlangengleich. Als der Mann, der sie begehrt und sie bei ihrem Gatten verleumdet, sich in rasender Leidenschaft auf sie stürzt, ersticht sie ihn. Die Frau heißt Asta Nielsen. Die Liebes- und Bauchtanzszenen sowie der Mord dürfen jungem Publikum nicht zugemutet werden - Jugendschutz. In zwei Jahren beginnt der Erste Weltkrieg.
»Der Totentanz« mit dem jungen dänischen Star Asta Nielsen war der erste in Babelsberg gedrehte Film, ein Stummfilm der Deutschen Bioscop. Zu diesem Zeitpunkt, so erzählt es das Filmmuseum Potsdam, waren noch etwa 90 Prozent aller in Deutschland gezeigten Filme französischen Ursprungs. In kleinen Berliner Ateliers jedoch mühten sich deutsche Filmemacher, zu ihren französischen Kollegen aufzuschließen, unter gefährlichen Bedingungen: Die heißen Scheinwerfer, das leicht entflammbare Zelluloid und die Pappdekorationen hatten die Feuerpolizei auf den Plan gerufen, die derart explosive Experimente in der dicht besiedelten Hauptstadt nicht dulden konnte. Dem Kameramann Guido Seeber war es dann gelungen, vor den Toren Berlins ein geeignetes Gelände für die Firma Bioscop zu finden. An eine stillgelegte Papierblumenfabrik hatte man ein Glashaus angebaut, dort war »Totentanz« entstanden. Mit jenem »Glashaus« traten sie in die Welt, die Filmstudios Babelsberg, die nun 100 Jahre alt werden. An diesem Sonntag wird ein Festakt vor Ort die Tradition jener heiligen Hallen beschwören, und auch die Berlinale gratuliert mit einer Sonderreihe: Happy Birthday, Studio Babelsberg! Kusshände für eine alte Dame, die wie ein Teenager geschminkt ist. Grell der Mund, zugespachtelt die Falten. Hoffnung: Sie wird weiter tanzen.
Wo alles branchenüblich schmeichelt, sind wir ein wenig uncharmant: Die alte Dame trägt ein Korsett. Tradition und Stolz schnüren ihre Taille. Immerhin, die Filmstudios Babelsberg sind Europas älteste Filmfabrik. Mehr als 3000 Kino- und Fernsehfilme wurden in Babelsberg gedreht, ohne herausragende künstlerische, technische und handwerkliche Leistungen wäre dies kaum zu vermelden. Und gewiss ist es auch eine Leistung zu nennen, dass die alte Dame es vermochte, vier politische Systeme zu überleben - über das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die DDR kam sie in die Bundesrepublik. Das Gros dieser Systeme hat sie gestützt, sich ihnen angepasst, von ihnen profitiert, war Kunst und Kommerz, Kampf und Kitsch, Aufputsch- und Beruhigungspille, Schlachtruferin und Friedensflüstererin, Aufklärerin und Propagandistin. Sie war Marlene Dietrich, Emil Jannings, Hans Albers, Heinz Rühmann, Zarah Leander. Sie war Erwin Geschonneck, Manfred Krug, Jutta Hoffmann, Armin Mueller-Stahl, Angelica Domröse. Sie war das Jahrhundert - das vorige.
Besichtigen wir dieses Jahrhundert. Nachdem die Bioscop in Babelsberg zehn Jahre lang gedreht hatte, war sie - und mit ihr das Studiogelände - 1921 von der 1917 gegründeten Universum Film AG geschluckt worden. Die Ufa: ein Kriegskind. Wer weiß schon, dass es Generalfeldmarschall Erich Ludendorff war, der im dritten Kriegsjahr, nach den ersten Kohlrübenwintern, an das Kriegsministerium schrieb, der Krieg habe »die überragende Macht des Bildes und Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt«, weshalb für einen »glücklichen Abschluss des Krieges« eine Vereinheitlichung der deutschen Film- industrie notwendig sei? Also wurde die Ufa unter Beteiligung eines Banken- und Industriekonsortiums gegründet. Der Filmjournalist Friedemann Beyer fasst den Vorgang zusammen, sie sei »hervorgegangen aus einer Zweckverbindung von Großkapital und Staat, dem es ums politische wie militärische Überleben ging«.
Nun, der Staat überlebte nicht, weder militärisch noch politisch. Da konnte auch die Ufa nichts mehr retten. Doch sie selbst überlebte, indem sie sich auf künstlerische Produktionen verlegte. Regisseure wie Fritz Lang, F. W. Murnau und Robert Wiene begründeten ihren Weltruhm. Als Herstellungschef glänzte Erich Pommer, er holte die Besten der Besten nach Babelsberg, darunter Schauspieler aus der Schule Max Reinhardts. Auch, nachdem in Zeiten wirtschaftlicher Not der rechtskonservative Pressezar und spätere Minister im Kabinett Hitler, Alfred Hugenberg, die Ufa gekauft hatte, konnte sie auf Expansion setzen. 1926 errichtete sie für die Produktion von Fritz Langs »Metropolis« ein Großatelier, die heutige »Marlene Dietrich Halle«, und 1929 baute sie das erste deutsche Tonatelier, das sogenannte »Tonkreuz«. Damit war sie für die Zukunft - und als Konkurrentin Hollywoods - aufgestellt.
Diese Außenkulisse wurde für Leander Haußmanns »Sonnenallee« (1999) errichtet. In wärmeren Jahreszeiten gibt es hier Führungen für Touristen.
Foto: Joachim Fieguth
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Und doch sollten den Patenschaften, denen die Ufa ihre Höhenflüge verdankte, auch ihre Sündenfälle geschuldet sein. 1933, als Deutschland sich eine nationalsozialistische Diktatur wählte, wurde Hugenberg von den Nazis genötigt, das Unternehmen zu verstaatlichen (jedoch großzügig entschädigt). Und 1942, im Zuge der Gleichschaltung, kam es zur Zusammenlegung der Ufa mit all ihren Konkurrenten, darunter Tobis, Terra, Bavaria Film, zum Ufa-Filmkonzern. Als Hausherr zog Joseph Goebbels ein. Produziert wurden aber selbst unter diesen Bedingungen nicht nur ideologie- triefende, kriegsverherrlichende und zum Durchhalten auffordernde Streifen, in Babelsberg entstand vor allem - Unterhaltung. Denn erstens blieb ein Unternehmen ein Unternehmen und sollte Geld einspielen, und zweitens musste die Volksgemeinschaft bei Laune gehalten werden. Mit bewährter Perfektion sorgten Werkstätten und Ateliers für Glitzer und Sinnenrausch, es wurde gesungen, getanzt, geturnt, geweint, gelacht, geliebt, geturtelt, geschnulzt und - hinters Licht geführt. Der letzte Film des Ufa-Konzerns, »Die Schenke zur ewigen Liebe«, konnte wegen der Tieffliegerangriffe auf Berlin nicht mehr fertiggestellt werden, vermutlich kein großer Verlust. Babelsberg fiel in sowjetische Hand, womit dort die Zeit der DEFA dämmerte.
Schon in der Moskauer Emigration hatten deutsche Kommunisten die Grundlagen einer neuen Kulturpolitik ausgearbeitet. Für Babelsberg hieß das: die Produktion von Filmen mit antifaschistischem und humanistischem Charakter. Die Dreharbeiten zum ersten deutschen Nachkriegsfilm, Wolfgang Staudtes »Die Mörder sind unter uns«, hatten schon begonnen, noch bevor die DEFA am 17. Mai 1946 von der Sowjetischen Militäradministration ihre Arbeitslizenz erhielt. Mit der Gründung der DEFA sind Namen wie Carl Haacker, Willy Schiller, Kurt Maetzig, Alfred Lindemann, Adolf Fischer, Hans Klering verbunden. Der Bruch mit der Ufa war vollzogen, nicht jedoch der mit einer anderen Tradition: Wiederum wurde Babelsberg, jetzt mit der DEFA, unter Vormundschaft gestellt. Sagen wir so: Anders hätte sich der neue Geist damals kaum durchsetzen können.
Die DEFA, ab 1953 ein Volkseigener Betrieb, sollte die bisher längste Periode der Studiogeschichte prägen. So bekannt wie die Produktionen der Ufa wurden die DEFA-Produktionen jedoch nie. Der einzige je für den Oscar nominierte DEFA-Film war »Jacob der Lügner« von Frank Beyer nach einem Buch von Jurek Becker. Was nicht viel zu sagen hat. Im Gegensatz zu Hollywood pflegte die DEFA eine eher sachliche, unauffällige Ästhetik: statt Ballroben quasi Buntkarierte. Künstlerisch wertvolle Filme neben »Jacob, der Lügner« entstanden bei der DEFA nicht wenige.
Freilich erblickten im DEFA-Spielfilmstudio auch Filme das Licht der Welt - ebenfalls nicht wenige -, die heute gnädigerweise vergessen sind. Geschichtslügen wie die über Ernst Thälmann. Helden präsentierte die DEFA auch gern in Stahlwerken, Betriebsleiterbüros oder bei der NVA. Zu den Filmen, die sich dagegen einen Platz in der Filmgeschichte sicherten, gehören die Kinder- und Märchenfilme. Mit Sicherheit Konrad Wolfs »Solo Sunny« und Heiner Carows »Die Legende von Paul und Paula« (1973), oder Konrad Wolfs »Solo Sunny« (1980). Ach, Paul und Paula, die liebten sich. Und Paula, statt sich auf die »Höhe« des staatstragenden Pauls zu »entwickeln«, zieht ihn in ihr Bett und in ihr Glück. So viel Glück durfte nicht ungestraft bleiben: Sollte der Film ursprünglich mit Pauls und Paulas Freude auf das gemeinsame Kind enden, wurde ein vermeintliches Ende mit Schrecken verordnet: Paula durfte die Geburt nicht überleben. Während »Die Legende von Paul und Paula« buchstäblich nur wenige Stunden vor der Premiere freigegeben wurde, fielen andere DEFA-Filme der Zensur zum Opfer. In der Lebensmitte der DDR, als eine junge Generation begann, nach anderen Lebensentwürfen zu suchen, sorgte 1965 das 11. Plenum des ZK der SED dafür, dass der Bann über Produktionen wie Ralf Kirstens Barlachfilm »Der verlorene Engel«, Kurt Maetzigs »Das Kaninchen bin ich« oder Frank Beyers »Spur der Steine« verhängt wurde. Mit dem Ende der DDR kam das Ende der DEFA. Auch das Schicksal der Babelsberger Studios schien besiegelt.
Niemand hat damals glauben mögen, dass der Standort noch eine Zukunft hätte. Ein langer, zäher Kampf Einzelner machte das Wunder dennoch möglich: Zwanzig Jahre ist es nun her, dass die Treuhand die einstigen DEFA-Filmstudios, verkehrsgünstig nahe Berlin gelegen, an den französischen Konzern Compagnie Géné- rale des Eaux, heute Vivendi Universal, verkaufte. 500 Millionen Euro investierte das Unternehmen in der Folge in die Studios und die Medienstadt: Botox für die alte Dame und chice Designerkleider. Die alte Dame auf Hochglanzpapier: die Erfahrene, Professionelle. Welch ein Bruch in ihrem Leben: Sie war Hure, züchtige Ehefrau und schnippische Geliebte gewesen, nun war sie zum ersten Mal Single. Was auch hieß, dass niemand sie alimentierte. Dass sie Dienstleisterin, also Dienende wurde. Dass Vivendi sie 2004 an die Beteiligungsgesellschaft FBB - Filmbetriebe Berlin Brandenburg GmbH weitergab, hinter der als Gesellschafter die Münchner Dr. Carl Woebcken und Christoph Fisser stehen. Dass sie heute mit 20 hochmodernen Studios, zahlreichen Backlots und Außenkulissen internationale Gäste anzieht.
Stefan Ruzkowitzky drehte hier »Die Fälscher«, Stephen Daldry »Der Vorleser«, und längst hat man die Heiner-Carow-Straße in Quentin-Tarantino-Straße umbenannt, weil Letzterer hier »Inglourious Basterds« inszenierte. Ein bisschen kalifornische Sonne fällt also auf Babelsberg, fast ist man ein Vorort von Hollywood. Was freilich auch daran liegt, dass Hollywoods Stern zu sinken droht. Vielleicht, weil es im 21. Jahrhundert weniger der Kinofilm ist, der die Massen fesselt, verführt und verzaubert. So wird auch Babelsberg auf seine alten Tage weiter um die Existenz kämpfen müssen. Dafür wünschen wir Glück.