Die Berlinale bringt alle Jahre wieder Glamour in die deutsche Hauptstadt. Doch viel fällt von dem Glanz nicht ab: Diejenigen, die hinter den Kulissen arbeiten, als Portier, Platzanweiser oder an den Garderoben, verdienen oft erschreckend wenig.
Jens Hosch* zum Beispiel war »echt schockiert«, als er hörte, was er verdienen soll. Der junge Mann, der sonst freischaffend im Kulturbereich tätig ist - wie viele der Berlinale-Jobber - hatte sich auf eine Zeitungsanzeige beim Veranstaltungsdienst Busch/Dähn beworben, der die Filmfestspiele mit hunderten Aushilfskräften versorgt: Leute für Einlass und Garderobendienst, Kartenabreißer, Platzanweiser, Ansprechpartner. Sie seien, hieß es in der Einweisung, »die Gesichter der Berlinale«. Ein wichtiger Posten also. Bezahlt werden »die Gesichter« aber wenig elitär - gerade mal 6,53 Euro brutto gibt es pro Stunde plus 0,33 Euro Urlaubszuschlag, bei Arbeitszeiten von 8.30 bis 17 bzw. 17 bis 1.30 Uhr. Ab 23 Uhr fällt ein Nachtzuschlag von 65 Cent pro Stunde an, am Sonntag sogar 1,31 Euro. Dafür muss die schicke rot-schwarze Arbeitskleidung, die Busch/Dähn stellt, am Ende auf eigene Kosten gereinigt werden, eine Quittung ist vorzulegen. Wer dies versäumt, für den reinigt Busch/Dähn die Dienstkleidung - und zieht 15 Euro vom Lohn ab.
»Bin mal gespannt, was nach Abzug von Steuern und Abgaben übrig bleibt«, spottet Hosch. Da er sich fest auf den elftägigen Job eingestellt hat und mit dem Geld rechnet, zieht er die Sache trotzdem durch. Doch findet er es schlimm, dass ein hochkarätiges und international bekanntes Filmfestival mit einer »Lohndumping-Firma« wie Busch/Dähn kooperiert. Etliche Bewerber, erzählt er, sind nach den Lohn-Infos aufgestanden und gegangen - immerhin hatte das Unternehmen mit »gut bezahlten Jobs« geworben.
Zum Teil sind die auf der Berlinale Beschäftigten allerdings fest beim Veranstalter KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH) engagiert, für dessen Angestellte der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes gilt. Praktikanten erhalten 400 Euro monatlich, was in der chronisch schlecht bezahlten Kulturbranche schon als üppig gilt.
»Bei der Ausschreibung von Personaldienstleistungen, wie sie das Unternehmen ›Busch/Dähn‹ erbringt, sind wir gesetzlich verpflichtet, darauf zu achten, dass die Bezahlung der Mitarbeiter des Dienstleisters mindestens dem jeweils geltenden Tarif entspricht. Dies ist auch bei ›Busch und Dähn‹ der Fall«, argumentiert Festival-Manager Johannes Wachs.
Trotzdem gab es in der Vergangenheit immer wieder Proteste auf der Berlinale. 2005 hatten Beschäftigte der Cinemaxx-Kette gegen die Senkung der Löhne protestiert, 2008 veranstalteten linke Gruppen im Rahmen der Kampagne »Mir reicht's nicht« eine »Gala der prekären Perspektiven«, um auf die schlecht bezahlten Arbeitsverhältnisse im Umfeld der Filmfestspiele aufmerksam zu machen. Im Vorfeld hatten sie mit vielen Beschäftigten der Berlinale oder der documenta in Kassel Gespräche geführt und deren Probleme in einem Film dokumentiert. »Ich habe im Sommer gekellnert, um mir das Praktikum leisten zu können. Ich möchte gerne einmal in diesem Bereich arbeiten«, erzählt darin etwa eine Berlinale-Praktikantin. Ein Volontär »verdient zwar wenig, schaut aber viele Filme an und rechnet dann aus, was er gespart hat. Die Freiwilligen arbeiten gar ganz umsonst, ihr Lohn ist die ›Nähe zu den Stars‹ und die tolle Atmosphäre«, schwärmt ein anderer.
Für die meisten aber bedeuten die prekären Arbeitsbedingungen einen täglichen Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Nicht nur viele Kartenabreißer, Klofrauen, Filmfahrer und -vorführer, Wachschutzleute und Praktikanten, also die »Unsichtbaren« der Kinowelt, können nur als Hartz-IV-Aufstocker überleben, auch unter den Filmleuten selbst gibt es massenhaft Probleme. Zwar habe sich für Darsteller, Kameraleute, Drehbuchautoren und Cutter in den letzten Jahren einiges zum Besseren verändert, sagt Kathlen Eggerling von connexx, der Verdi-Interessenvertretung für Filmschaffende. So brachte ein neuer Tarifabschluss bessere Gagen, die Neuregelung der Sozialgesetzgebung 2009 sollte Film- und Kulturschaffenden einen verbesserten Zugang zu Arbeitslosengeld ermöglichen.
Doch laut ver.di haben noch immer etwa 50 000 meist nur befristet angestellte Kultur-, Medien- und Filmschaffende keinen Anspruch auf ALG I in den Beschäftigungspausen, obwohl sie während ihrer Tätigkeit häufig hohe Beiträge an die Arbeitslosenversicherung leisten; kaum jemand kommt auf die Anzahl der Tage, ab dem ein Anspruch besteht. Insgesamt sei es »haarsträubend«, wie sich viele Kulturschaffende ausbeuten lassen, erklärte auch der DGB. Arm aber sexy, dieser Satz passt auf die Dienstleistungs- und Kreativjobs in der Kulturszene wie die Faust aufs Auge - selbst beim Vorzeigeunternehmen Berlinale.
*Name geändert
Vom 9. bis 19. Februar war in Berlin die 62. Berlinale zu erleben. Bis zum 19. Februar wurden rund 400 Werke aus aller Welt gezeigt. Im Wettbewerb der Berlinale konkurrierten acht Filme um den Goldenen und mehrere Silberne Bären. Filmquiz ist beendet, wir haben die Rätsel aufgelöst. Mehr
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Als »Rest-Körper« seines Euro »Der Anfang bricht das Schweigen, das Ende das Genick« im Ballhaus Ost
Ödnis auf der ganzen Linie Enquete-Gutachten: Im Agrarbereich setzten sich Monokulturen durch
Preis: 14,95 €
Preis: 11,95 €
Werbung:
Werbung: