Bevor Werner Herzog mit dem Mörder spricht, stellt er zwei Dinge klar: »Ich bin kein Freund der Todesstrafe - aber Sie muss ich trotzdem nicht mögen.«
Ein starker Einstieg in ein starkes Gespräch. Würdigung des Menschen, dessen Leben unantastbar ist - und es auch für den Staat sein sollte! Ein Abstandhalten auf Armeslänge, das sich nicht gemein macht mit den Taten des Gesprächspartners, auch wenn nun Möglichkeit geboten ist, über sich und seine Selbstsicht öffentlich zu sprechen.
»Was wir hier machen, ist nicht geeignet, Ihrem Gnadengesuch, Ihrem Bemühen um Berufung, Ihrer Sache zu dienen« - die Ansage ist klar umrissen. Klar wie die Taten, für die diese vier Männer und eine Frau in den Todeszellen von Texas und Florida sitzen und auf den Tag der Giftspritze warten.
Falsche Sentimentalität ist Herzogs Sache nicht, jedenfalls nicht hier. »Death Row« ist eine Miniserie, ein vierteiliges Fernsehprojekt von in sich abgeschlossenen Kurzporträts von je 47 Minuten. Drei Einzel- und ein Doppelporträt, vier Männer, eine Frau.
Zu Beginn jeder Episode führt Herzogs Stimme in die moralische Spannweite seiner Fahrten in die Todestrakte ein, während die Kamera sich in der Todeskammer umsieht. 34 Staaten in den USA erlaubten die Todesstrafe bis heute, so Herzog, sechzehn praktizierten sie tatsächlich.
Erzählt werden die Fälle, die Verurteilten werden vorgestellt, dann die Fragen. Jedes Gespräch setzt die schriftliche Einladung der kontaktierten Insassen voraus, anders ist eine Annäherung an die Todgeweihten nicht möglich Aber selbst dann kann es Monate dauern, bis ein zweiter Besuch mit der Kamera gestattet wird.
»Death Row« ist Nebenprodukt eines Films mit dem Titel »Into the Abyss« (In den Abgrund), den Herzog über Tat und letzte Tage eines schließlich hingerichteten Verurteilten drehte. Ein Häftlingsbesuch führte zum nächsten, und man versteht die Faszination, die Herzog bewog, immer weiterzumachen.
Mal trennt eine Glasscheibe Filmemacher und Gefangenen, mal sitzen sie sich an einem Tischchen gegenüber, der Gefangene in schweren Fesseln. Mal schreit das leuchtende Orange der Kleidung schon von Weitem »Häftling«, mal sind es vor der Brust gebundene Baumwollkittel, die die Insassen bedecken. »So weiß kommen die aus keiner Waschmaschine«, sagt einer - und zeigt auch gleich die in siebzehn langen Jahren zwischen Waschbecken und Faser abgearbeiteten Fingerknöchel vor.
Es sind seltene Einblicke, die sich durch die teils entwaffnenden Fragen des Filmemachers ergeben. Der seine Gesprächspartner nicht schont, wenn sie sich selbstmitleidig zu entschuldigen suchen und in Gefahr geraten, die teils üblen Taten schönzureden, die man ihnen zur Last legt. Einer hat mehrere Morde schon gestanden, aber offenbar noch etliche weitere begangen. Ein anderer ist möglicherweise Opfer eines Justizirrtums, aber auch der einzige, der die Erfahrung kennt, am Ende einer Henkersmahlzeit doch noch einmal davongekommen zu sein. Zwei hatten versucht, ihren unerträglich langen Haftstrafen zu entkommen und brachten auf der Flucht einen Polizisten um, der sie bei einem Raub erwischte.
In einem weiteren Fall ist die Faktenlage so diffus, dass der Prozess wohl noch einmal aufgerollt wird. Der Staatsanwältin, der die Vorverurteilung gleichsam ins Gesicht geschrieben steht, fährt Herzog jedenfalls schon mal verbal in die Parade: Die Angeklagte - von deren Unschuld der Zuschauer am Ende ebenso wenig überzeugt ist wie von ihrer Schuld - müsse er gar nicht erst »vermenschlichen«. Denn genau das sei sie schließlich, und zwar von Anfang an: ein Mensch.
Vom 9. bis 19. Februar war in Berlin die 62. Berlinale zu erleben. Bis zum 19. Februar wurden rund 400 Werke aus aller Welt gezeigt. Im Wettbewerb der Berlinale konkurrierten acht Filme um den Goldenen und mehrere Silberne Bären. Filmquiz ist beendet, wir haben die Rätsel aufgelöst. Mehr
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Keine halben Revolutionen! Filme zum »Arabischen Frühling« im Panorama
Preis: 17,99 €
Preis: 75,00 €
Werbung:
Werbung: