Henry Hübchen, soeben 65 geworden, ist heute Abend noch mal im Film »Hoffnung für Kummerow« (Regie: Jan Ruzicka) zu sehen. In der Rolle eines Bürgermeisters auf zuverlässig verlorenem Posten. Oskar Kubiczek hat eine Mission: Er wird die Welt nach Kummerow holen - und sei es nur den Zulieferer für Fertigteile eines bayrischen Kanuherstellers. Der ließ durchblicken, Kummerow als Standort in Erwägung zu ziehen.
Oskar hat auch herausbekommen, dass die Bayern verdeckte Ermittler ins Dorf schicken werden. Sollten das die beiden »Weißwürste im Taucheranzug« sein, die vor der Kneipe eben von ihren Rädern steigen und in dem Moment ein Bier verlangen, als diese gerade schließt? Oskar weiß, in diesen Zeiten muss man bereit sein, fast jedes Opfer zu bringen.
Bürgermeister Kubiczek ist in seinem Optimismus nicht zu bremsen. Es ist eine wunderbare Komödie über das Leben auf dem Dorf geworden, die wie jede echte Komödie aus lauter enttäuschten Hoffnungen gemacht ist. Was für Schauspieler! Henry Hübchens Oskar: auf der Flucht vor der Melancholie pausenlos geschäftig, aus Angst vor der eigenen Schwarzseherei alles rosarot malend. Da stellt sich einer blind, um anderen einen Weg weisen zu können, den es gar nicht gibt. Dieser Oskar ist ein Don Quichotte im Gemeindeamt. Was ihm bleibt, sind seine Träume. Warum nicht aus der Dorfkneipe ein Fischrestaurant mit Pension machen, warum nicht ein Kanumuseum eröffnen?
Beim Stichwort Kanu fallen die Kummerower allerdings sofort in tiefe Depression. Die Eröffnungsszene: fulminant ins Bild gesetzt (Kamera: Gunnar Fuß). Ein Krebs wandert gemächlich über den Steg des Sees. Der Kran der Kanuwerft widersteht dem Drang, einfach umzufallen, einen einzigen Moment lang nicht - und schon geht das Dach der Bootsschuppen in die Brüche. Der Krebs, der sich bald schon als weiterer Hoffnungsträger für Kummerow erweisen wird, geht gemächlich seiner Wege.
Leider trügen Hoffnungen immer. Denn Kummerows gibt es bekanntlich mehrere. Aber warum nicht selber einmal wieder eine »Regatta der Befreiung« veranstalten gegen den einstigen Erzrivalen »Traktor Zechin«? Hübchen kanndas. den Kleinbürger spielen, der von Höherem träumt. Das ist von einer zärtlichen Grausamkeit sich selbst gegenüber.
Wenn Dagmar Manzel, als Frau des Bürgermeisters, über die Dorfstraße läuft, kommt sie kaum ihrem energisch ausschreitenden Mann hinterher. Aber das ist wie mit Hase und Igel. Sie ist immer schon da. Das hat die Ehe Jahrzehnte zusammengehalten. Doch nun will die Frau tatsächlich weg. Als Hebamme gibt es für sie hier nichts zu tun. Aber Kummerow hat einiges, was Hamburg nicht hat. Zum Beispiel den ortsansässigen Maler Niels Lause (herrlich bezopft: Uwe Kockisch). Der steckt gerade in seiner Blauen Periode fest, ist aber immer noch Schwarm des weiblichen Kummerow.
Christine Schorn, des Bürgermeisters demenzkranke Mutter, spielt das Verschwinden eines Menschen. Mit welcher Präsenz! Und Wolfram Koch muss gar nicht den Mund aufmachen für die gesammelte Traurigkeit eines Menschen. Das ist großartiges Schauspielertheater im Fernsehen.
Irgendwie sind alle in Kummerow von einer verzweifelten Beharrlichkeit im sparsamen Ausleben ihrer so sorgsam verborgenen Lebenslust. Die Provinz ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch, zumindest, wenn es darum geht, Tragödien in Komödien umzuarbeiten. Kummerow ist überall.
Heute in der ARD um 20.15 Uhr
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