Es ist nicht der erste Skandal dieser Art. Zuletzt machte ein Video Schlagzeilen, auf dem zu sehen ist, wie US-Marineinfanteristen in Kampfanzügen lachend auf tote Taliban urinieren. Und nun sollen auf dem Militärstützpunkt Bagram Koran-Exemplare verbrannt worden sein. Hunderte wütender Demonstranten haben am Dienstag vor der US-Basis gegen diese Schändung protestiert. Die Schrift gilt den Muslimen als heilig, jede Entweihung als Todsünde. Der NATO-Oberbefehlshaber am Hindukusch bemühte sich, die Wogen der Entrüstung mit dem Hinweis zu glätten, niemand habe aus Vorsatz den Koran oder andere religiöse Schriften unangemessen behandelt.
Doch ob nun Dummheit oder bewusste Provokation, Vorfälle wie der in Bagram ziehen sich wie ein roter Faden durch die Feldzüge und Besatzungen in Irak und Afghanistan. Der Skandal um das berüchtigte Foltergefängnis Abu Ghraib unweit von Bagdad mit Missbrauch und Demütigung perfidester Art steht da wie das Gefangenenlager Guantanamo für eine Deformation in Denken und Tun, für die die Politik in Washington mit ihrem rechtsstaatliche Regeln eliminierenden »Anti-Terrorkrieg« verheerende Grundlagen gelegt hat. Auch in den USA selbst, wo Muslime nach den Anschlägen von 2001 unter Generalverdacht gestellt wurden und etwa ein Prediger in Florida im Vorjahr öffentlich einen Koran verbrannte. In Bagram übrigens unterhalten die USA ein Lager mit rund 3000 Gefangenen, das wegen Folter- und Missbrauchsvorwürfen als »schwarzes Gefängnis« und »afghanisches Guantanamo« bezeichnet wird.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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