Von Hans-Dieter Schütt
24.02.2012

Die Welt geht zum Teufel

»Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow am Staatsschauspiel Dresden

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Teufelstodestanz: Matthias Reichwald, Nele Rosetz

Die Welt besteht aus hohen fensterlosen Wänden. Jemand malt eine Ziffer ans kalte dreckige Dunkelgrau, das genügt als Ortskennung: die Zelle einer Irrenanstalt. Hier herrscht Heimatlosigkeit, in der Menschen groß tun müssen, um nicht ihre Geringfügigkeit zu spüren. Mit allem kann man groß tun: mit der Liebe, mit schriftstellerischem Talent, mit einer politischen Idee. Gott wäre es vielleicht peinlich, da hinabzusteigen, dem Teufel nicht.

Im Roman »Der Meister und Margarita« lässt Michail Bulgakow den Teufel nach Moskau reisen, verbindet dessen zynische Menschenfopperei mit der Geschichte des von der Volksmacht weggesperrten Romanciers, dem Margarita Muse, Liebende wird.

Wolfgang Engel hat den Roman, in einer Fassung von Felicitas Zürcher, am Staatsschauspiel Dresden inszeniert (Bühne: Olaf Altmann). Drei Stunden tolldreistes, zirzensisch aufgeladenes Theater, bei dem ein vorwiegend jüngeres Ensemble, in wechselnden Rollen von Gut, Böse und Blöd, zur gelenkig spielerischen Hochform aufläuft; Theater, das sich ins aufgekratzt Komödiantische steigert, um plötzlich in tiefe Traurigkeit darüber zu stürzen, wie hilflos, brutal und unheilbar der Mensch im Teufelskreis selbstgemachten Elends steckt.

Dieser Teufel führt seine bunte Varieté-Truppe von Höllenknechten souverän fläzig durchs Stück (Philipp Lux: eine lüsterne Bohnenstange, Stefko Hanushevsky: der gedrungen-plauzige Kater Behemoth - zwei Monty-Python-Exemplare tückischst grotesker Art). Der Teufel lässt Papiergeld regnen, in Dresden schwebt in jeder Vorstellung ein echter 50-Euro-Schein von sehr weit oben herab. Wer wagt es, vorzeitig, zielgerichtet nach ihm zu schnappen? Jeweils für einen einzigen Zuschauer ist diese Inszenierung wortwörtlich ein - Gewinn.

Sie ist es auch für alle, die mit leeren Händen gehen. Sie ist lärmlustvoll, liebend, lästerlich, lebenserfahren, und sie hat einen atemberaubenden Höhepunkt: Der Teufel macht Margarita (Nele Rosetz) zur Tanzhexe seines Frühlingsballs. Sie gibt sich ihm hin, hoffend auf des Teufels Hilfe für ihren Schriftsteller; sie leckt dem Unhold schwärende Beinwunden, er treibt sich mit ihr in einen dämonisch rauschenden Tanz, lässt sie immer wieder von sich abfallen, greift erneut zu, wirft sie geradezu um sich; Margarita, erschöpft, taumelnd, stürzt erneut in seine Arme; das Opfer und sein Peiniger, ein furchtbarer Kampf, eine furchtbare Paarung, hier wird Begehren wie Unheil ausgeschwitzt - welch eine Szene!

Der Teufel des Matthias Reichwald braucht nur immer elegant schlurfig, aufreizend beiläufig um eine Ecke lugen - er sieht sein Werk jederzeit lebendig in diesen haspelnden, schleimerischen, gierigen, in allem Unglauben so rohen, kecken Menschen. Er darf quasi neben sich stehen und ist doch Zentrum: das Wesen der Welt. Die zum Teufel geht, weil es alle Welt zum Teuflischen drängt. Der Teufel schaut sich Moskau an, aber blickt ins deutsche Publikum.

Reichwald ist ein faszinierend aasiges Leuchten. Dieser Kraftkerl verrät uns ganz und gar ans Glück, dem Bösen so zuzuschauen, dass nicht mal die Erkenntnis stört: Es ist der Blick in einen Spiegel.

Nächste Vorstellung: 1. März

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