Von Hubert Fetzer
25.02.2012

Die ökologische Revolution

Vom Ende eines Produktionszeitalters - und vom Beginn eines neuen

Zwischen 1780 und 1790 wurden in der englischen Grafschaft Lancashire die ersten Spinnmaschinen aufgestellt. Es war ein regionales Ereignis, das außerhalb der Grafschaft keinen Briten interessierte. Stattdessen blickten nicht nur die Briten, sondern ganz Europa nach Frankreich, wo sich die politischen Auseinandersetzungen zu einem Ereignis zuspitzten, das als Französische Revolution in die Geschichte einging. In den Geschichtsbüchern konnte man später auch lesen, dass das provinzielle Ereignis in Lancashire der Beginn der Industriellen Revolution war, die die materielle Grundlage für den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus schuf.

Gegenwärtig deutet vieles darauf hin, dass eine ähnliche Situation auf höherer gesellschaftlicher Stufe entstehen könnte. Im Folgenden soll nicht auf die in der Öffentlichkeit breit diskutierten aktuellen politischen Ereignisse, sondern auf die kaum wahrgenommenen Veränderungen der materiellen Produktion eingegangen werden, und es soll die Frage beantwortet werden, ob die Menschheit am Beginn einer neuen Produktivkraftrevolution steht.

Wenn man die verschiedenen Sektoren der gesellschaftlichen Produktion betrachtet, zeigt sich überall die gleiche Situation: Die bisherige Art der Produktion stößt an Grenzen. In der Energiewirtschaft ist die Erschöpfung der Vorräte an fossilen Energieträgern absehbar. Das deutlichste Indiz ist der bereits erreichte bzw. kurz bevorstehende Gipfel der Erdölförderung (Peak Oil). In der Industrie zeigt sich eine zunehmende Rohstoffverknappung. Während sich der Bedarf an Kupfer und Aluminium in den letzten 20 Jahren verdoppelte, konnte die Ausbeutung der Erzlagerstätten nur um 65 Prozent gesteigert werden. Die landwirtschaftliche Produktion auf der Basis industrieller Monokultur stößt an die Grenzen des knappen Guts Ackerland, sodass ein immer größerer Teil des noch verbliebenen Urwalds in Farmland verwandelt wird.

Vergleicht man die verschiedenen Produktionsprozesse, so stößt man auf eine Gemeinsamkeit: Sie brauchen ständig immer mehr Naturgegenstände und zerstören dabei in wachsendem Maße die natürliche Umwelt. Das Ergebnis bisheriger Energiegewinnung und Industrieproduktion sind Abertausende stillgelegter Kohlebergwerke, Erzgruben und Ölfördertürme mit Geistersiedlungen und Bergen von Industrieabfall, die wie Schorfwunden den ganzen Erdball bedecken. Die Auspowerung des Bodens durch das Agrarkapital lässt immer mehr devastierten Boden zurück. Die Rückstände von Industrie und Landwirtschaft machen die Gewässer zur Kloake und die Atmosphäre zu einer großen Müllkippe. Der Bestand an Trinkwasser auf unserem Planeten wird immer kleiner. Die Aufheizung der Atmosphäre wird zu unabsehbaren Folgen für künftige Generationen führen.

Es besteht kein Zweifel: Die menschliche Gesellschaft zerstört ihre Beziehung zur Natur und damit die natürliche Grundlage ihrer Existenz. Sie kann auf die bisherige Weise nicht mehr ihre Existenzmittel aus der Natur gewinnen. Sie muss ihre Produktion grundlegend ändern. Das gesellschaftliche Bedürfnis für eine Produktivkraftrevolution ist so stark, dass alle Akteure zum Handeln gezwungen sind.

Am sichtbarsten ist der Wechsel in der Energiewirtschaft von fossiler zu regenerativer Energie. Das zeigt nicht nur die Zunahme von Solarmodulen auf den Dächern und von Windrädern in der Landschaft, das zeigen auch die Zahlen: 2008 wurden in Deutschland bereits 19 Prozent des Stroms durch erneuerbare Energie erzeugt. Weltweit betrug dieser Anteil 18 Prozent. Weniger sichtbar, aber ziemlich weit fortgeschritten ist der Wechsel in der Industrie von Technologien, die von der Ausbeutung der Naturressourcen leben, zu Technologien, die die vorhandenen Rohstoffe nutzen. Deren Grundmethoden sind Recycling und Materialeinsparung. Durch diese Methoden konnte in den letzten Jahren eine beträchtliche Erhöhung der Materialeffektivität erreicht werden. In Deutschland stieg sie zwischen 1991 und 2000 um 24 Prozent, in der Welt insgesamt zwischen 1980 und 2007 um 26 Prozent.

Ganz am Anfang steht der Wechsel in der Landwirtschaft von der industriellen Monokultur, die die Bodenfruchtbarkeit zerstört, zur Polykultur, die durch naturverträglichen Mehrfruchtanbau und natürliche Düngung die Bodenfruchtbarkeit erhält. Die Verbindung des naturnahen Wirtschaftens von Kleinbauern mit der Agroökologie bedeutete den Beginn ökologischer Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Im Jahre 2000 waren mindestens drei Prozent des Ackerlands in Asien, Afrika und Lateinamerika ökologisch bewirtschaftet. In den Industrieländern wächst der Bedarf an ökologisch produzierten Nahrungsmitteln, weil immer mehr Verbraucher die pestizidbelasteten Produkte der industriellen Landwirtschaft ablehnen. Dies führte zur Herausbildung der Biolandwirtschaft in den Industrieländern. 2006 wurden annähernd vier Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU ökologisch bewirtschaftet.

All diesen Produktionsveränderungen ist gemeinsam, dass die bisher naturzerstörerischen Technologien durch naturerhaltende Methoden ersetzt werden. Die menschliche Gesellschaft gewinnt ein neues Verhältnis zur Natur, das die Naturgrenzen respektiert und die Produktionsprozesse in den Naturrhythmus einbettet.

Mit der fossilen Energie, deren Träger nur an wenigen Stellen der Erde vorkommen und die sehr aufwendig zum Verbraucher transportiert werden muss, konnte nur ein Teil der Menschheit versorgt werden. Weltweit leben noch zwei Milliarden Menschen ohne Elektrizität. Dagegen ist das Potenzial der Sonnenenergie für die Menschheit unerschöpflich und erreicht prinzipiell jeden Menschen.

In der Industrie wird das Produktivitätspotenzial sprunghaft erhöht werden, wenn der Materialfluss als Kreislauf organisiert wird. Es wird dann im Prinzip nur noch zwei Arten von Produkten geben: Verbrauchsgüter, die vollständig biologisch abbaubar sind, und Gebrauchsgüter, die sich endlos weiterverwenden lassen - von der Wiege bis zur Wiege (Cradle-to-Cradle).

In der Landwirtschaft wird ein Qualitätssprung in der Produktivität erreicht, wenn die Monokultur durch Polykultur ersetzt wird. Aktuelle Vergleiche zeigen, dass Kleinbauern mit Polykultur pro Hektar mindestens zehn Mal so viel ernten wie Großfarmen mit Monokultur.

Beginnt eine neue Produktivkraftrevolution? Alle Anzeichen deuten darauf hin. Die bisherige Art der Produktion stößt an Grenzen. Ein neues Produktionsprinzip beginnt zu wirken und führt zu qualitativen Veränderungen in der Produktion. Dies ist verbunden mit der Nutzung einer neuen Energiequelle. Im Ergebnis vollzieht sich ein Qualitätssprung in der Produktivität. Zusammengefasst sprechen alle empirischen Belege dafür, dass wir uns gegenwärtig am Beginn einer neuen Produktivkraftrevolution befinden, deren Spezifik am ehesten mit dem Begriff Ökologische Revolution widergespiegelt werden kann.

Diese Revolution ist nicht nur eine Energierevolution, gepaart mit der schon seit Jahrzehnten wirksamen Informationsrevolution, wie J. Rifkin meint (ND vom 15./16. Oktober 2011), sondern auch eine Industrie- und Agrarrevolution, eine Revolution, die letztlich das gesamte gesellschaftliche Produktivkraftsystem erfasst.

Weitere Untersuchungen werden zeigen müssen, ob diese Produktivkraftrevolution zu einem grünen Kapitalismus führt oder materielle Voraussetzungen für eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus schafft.

»Die kapitalistische Produktion entwickelt [...] die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« Karl Marx in: Das Kapital, Bd. 1

»Also die (zukünftige) Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, [...] der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur.« (Karl Marx in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844)

Dr. Hubert Fetzer, ehemals Gesellschaftswissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften der DDR, beschäftigt sich mit der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Er publizierte dazu in »Utopie kreativ« und »Sozialismus«.

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