Von Irmtraud Gutschke
08.03.2012

Eine Welt »als ob«

Rayk Wieland vor virtuellen Kaminen

Wie soll das bloß weitergehen mit W.? Im Kempinski-Hotel »Commune by the Great Wall« (das gibt es wirklich) hat er Hunderte von Dollars ausgegeben - Tausende gar - und kein Scheinchen mehr in der Tasche. Die letzten Münzen legte er für ein irres Foto hin, das ihn vor der Chinesischen Mauer auf einem Dromedar zeigt. Zudem hat er in einem Anflug von Übermut seinen Pass verbrannt, weil er echtes Feuer sehen wollte und nicht diese virtuellen Flammen vom Plasma-Bildschirm. Wird er nun von den Chinesen eingesperrt, von den Nordkoreanern freigekauft oder doch in Berlin Joschka Fischer gegenübergestellt?

Wer auf Ernsthaftigkeit in der Literatur Wert legt und auf ordentliche Romanabschlüsse, dem ist Rayk Wielands Buch sicher zu turbulent. »Auch Dostojewski nahm seinerzeit entschieden und mit gutem Grund Abstand von einem Projekt mit dem Titel Loslabern«, sagt der Autor auf Seite 70. Aber da kann er schon nicht mehr zurück, zumal W. bereits in der Klemme steckt. Kurz vorher hat er nämlich - auch vor so einem Pseudokamin - seine Entlassungspapiere bekommen und darf froh sein, dass ihm nichts Schlimmeres geschah. Denn er hatte die Leser der Zeitschrift »International Geographic Revue« schlichtweg betrogen. Ohne einen Schritt aus dem Haus zu tun, hatte er Berichte von angeblich sagenhaften Reisen verfasst (und dafür auch noch die Spesen eingesteckt). Aufgeflogen war die Sache nach einem Text über Nordkorea - »Das Drama in den Diamantenbergen«, woraufhin ein Attaché der nordkoreanischen Botschaft im Redaktionsbüro vorstellig wurde.

Bevor W. vor besagtem Bildschirmkamin einen großen Auftritt hat, wird er in einen Verkehrsunfall verwickelt - am Steuer des Taxis glaubte er, den früheren Außenminister zu erkennen -, wacht im Urban-Krankenhaus Berlin-Kreuzberg auf, flieht im Nachthemd mit Kopfverband in die Vertretung der KVDR, in der sich zugleich ein Hostel befindet, löst dort einen Feueralarm aus, ist wieder auf der Flucht ... Die ihn, wir lassen weitere Stationen mal weg, schließlich nach Shanghai und zur Großen Mauer führt.

Dabei wollte er doch seine Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg am liebsten gar nicht verlassen. Der Reisereporter kann nämlich Ortswechsel nicht leiden. Bis er unfreiwillig ins Urban-Krankenhaus kam, hat er es sogar tunlichst vermieden, den anderen Teil der Stadt zu betreten. (»Ich hatte die Gegend hinter der DDR-Grenze für nicht so, sagen wir, erheblich erachtet.«) Der Reflex des Mauerfalls: Müdigkeit. »Die lang erwartete Freiheit inspirierte nicht, sie lähmte mich nur.« - Nicht so den Autor. Rayk Wieland offeriert uns eine kabarettreife Passage über die Segnungen des Westens (z.B. 150 Zahnpastasorten), die Menschen wie W. auch überfordern.

Eine Zeit lang hatte auch W. Lust gehabt, Paris zu sehen, Amerika zu erkunden. »Doch in dem Moment, da alle es taten, mußte ich es nicht mehr tun.« - Genau so ist es ja: Reisefreiheit und Massentourismus sind ein Paar. Alles vor uns schon in Besitz genommen, abgenutzt die Bilder und die Worte. Was da bei Rayk Wieland wie »Labern« wirkt, dahinter verbirgt sich ein Unbehagen, das viele spüren. Dabei geht es nicht nur ums Reisen, wobei man sehen kann, was viele andere schon gesehen haben, sondern auch um das Gefühl von Ich-Verlust gerade in Zeiten größtmöglicher Individualisierung. Wenn die Welt »ein großes Schaufenster« ist, in dem man sich nur kurz spiegeln kann, was sucht man da in der Ferne? Vielleicht werden Reisen nur unternommen, um »nichts anderes tun zu müssen«?, überlegt W. Ist alles nur noch »Fake«, nachgemacht, vorgespielt? Und das Fernsehen - es flackert ein bisschen ... »Man bleibt unbehelligt ... Die Welt kann kollabieren ...«

Was ist noch echt? Jeder sein eigener Doppelgänger, dem er nicht gleicht? »Als was ging ich durchs Leben«? Dieses »Als ob« - man kann es beschreiben, kann es beklagen oder aber belachen, wie es Rayk Wieland tut. Erst wollte W. sich die Haare grau färben lassen, damit er seriöser aussieht, dann ist er von selber grau geworden, grau und grauer. Nichts, was ohne Folgen ist. Das vielleicht will uns der Autor mit dem seltsamen Titel seines Buches sagen.

Fortsetzung folgt gewiss, auch wenn W. durch das »I Ging«-Orakel prophezeit wurde: »Nicht fördernd ist es, wohin zu gehen.«

Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt. Roman. Verlag Antje Kunstman. 157 S., geb., 16,95 €.