Heidi Diehl
13.03.2012

Check-in nach Nirgendwo

10 000 Komparsen testen bis Mai den neuen Flughafen Berlin Brandenburg auf Herz und Nieren

Der Weg ist das Ziel – zumindest für die »Fluggäste«, die den neuen Flughafen Berlin Brandenburg testen. Sie checken ein, ohne abzuheben, legen freiwillig lange Wege ins Nichts zurück. Und manche werden gar »kriminell«. Und das alles, damit ab der Eröffnung am 3. Juni der Flugbetrieb reibungslos läuft.
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Noch geht vieles schief beim Einchecken, doch in knapp drei Monaten soll alles wie am Schnürchen laufen.

Anna reist gern, und Anna ist neugierig. Deswegen ist sie heute morgen zeitig aufgestanden und zum neuen Flughafen nach Schönefeld gefahren. Gleich wird sie hier einchecken. Wohin? Es ist ihr völlig egal, sie nimmt, was sie kriegt.

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Anna mit ihrem »Ticket« nach London

Genau wie die etwa 250 Anderen, die wie die 22-jährige Studentin für italienische Philologie und Publizistik heute den Flughafen auf Herz und Nieren prüfen wollen. Was auf den Einzelnen zukommt, weiß noch niemand, doch die Stimmung im Zelt, wo jeder gleich seine Rolle verpasst bekommt, ist locker. Alle fühlen sich als Auserwählte und Gewinner – und das sind sie auch. Denn als im Frühsommer des vergangenen Jahres 10 000 Komparsen gesucht wurden, die vor der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg am 3. Juni 2012 die Abläufe testen sollen, meldeten sich in kürzester Zeit fast 18 000. Noch bis Mitte Mai werden Woche für Woche Menschen wie du und ich sich eine grüne Sicherheitsweste überziehen und einen Sturzhelm aufsetzen, um dann einen Tag lang nach Nirgendwo einzuchecken.

Christoph Aumüller ist heute der Oberanimateur, er erklärt den Ablauf. »Einige von Ihnen bekommen Flugtickets in verschiedene Städte. Zum Beispiel nach Wien, die schönste Stadt der Welt«, macht er für seine Heimatstadt gleich ein wenig Reklame. »Sie holen sich einen Trolley, lassen sich zwei Koffer draufladen und checken ein. Danach geht's durch die Sicherheitskontrolle und dann zum Gate. Alles wie im normalen Flugverkehr, nur dass keiner abfliegt.« Andere spielen Transferreisende, wieder andere sollen ankommende Gäste sein. Manche werden zusätzlich Ereigniskarten bekommen. Auf denen steht dann zum Beispiel, dass man kurzfristig umbuchen oder vor lauter Flugangst doch lieber am Boden bleiben will, obwohl man bereits eingecheckt hat.

Anna erwischt ein Ticket nach London, lässt sich zwei schwere zerschlissene Koffer auf den Trolley hieven und geht zum Schalter von British Airways. Sie gibt ihr Gepäck auf, bekommt ihr Ticket und den netten Hinweis vom Mann hinterm Schalter, dass sie ja noch Zeit habe und solange die (imaginäre) Lounge nutzen könne. »Toll«, freut sich die 22-Jährige, »gibt's auf dem neuen Flughafen auch Lounges für Economy-Reisende?« Etwas verdutzt schaut der Mann auf das Ticket: Obwohl Anna Economy gebucht hatte, gab der Computer ein Business-Ticket aus. Im richtigen Flugbetrieb sollte so etwas natürlich nicht passieren, im »Sandkasten« kommt's vorerst auf die Liste der zu lösenden Probleme.

Anna zieht weiter in Richtung Sicherheitskontrolle. Dort staut es sich, doch erstaunlicherweise löst sich die Traube dank eines ausgeklügelten elektronischen Einlasssystems schnell auf. Ganz anders das Bild hinter der Sicherheitskontrolle. Der Raum ist viel zu klein bemessen, jeder behindert jeden, hier muss in den nächsten Wochen unbedingt nachgebessert werden. Sehr gut indes funktionieren die nagelneuen Handgepäckbänder. Nicht nur, dass nachzukontrollierendes Gepäck automatisch per Knopfdruck auf ein Seitengleis umgeleitet wird, auch die Gepäckwannen gleiten, wie Bowlingkugeln, automatisch zurück, was eine große Erleichterung für die Sicherheitsmitarbeitern bedeutet.

Anna passiert die Kontrolle ohne Probleme, andere versuchen Flüssigkeiten durchzumogeln oder haben irgendetwas anderes Verbotenes im Handgepäck. Den Mitarbeitern entgeht nichts, sie und das System arbeiten akkurat. Am Schalter von British Airways hingegen ist inzwischen das komplette System zusammengebrochen – nichts geht mehr, der Fehler ist so schnell nicht zu finden, für die Komparsen ist hier erst mal Schluss. Warten ist angesagt, doch keinen stört's. Sie stehen in Grüppchen zusammen und erzählen sich gegenseitig, warum sie unbedingt an diesem Test teilnehmen wollten. Wie Emil Koch, der seit 50 Jahren in Bohnsdorf lebt, nur rund 450 Meter neben der Einflugschneise. »Nein, ich gehöre nicht zu den Flughafengegnern«, stellt er klar. »Alle wollen fliegen, nur vom Lärm will niemand betroffen sein. Ich kann damit leben, die Schallschutzfenster halten eine Menge ab.« Er habe die Arbeiten am neuen Flughafen von Anfang an verfolgt, nun freue er sich, dass er zu den ersten gehört, die ihn ansehen und testen dürfen. Auch Norbert Paß aus Lichtenrade trieb die Neugierde her, er allerdings hat an vielen Demos gegen den Standort und den Fluglärm teilgenommen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er sich bis heute darüber ärgert, dass die »Politiker uns nicht von Anfang an die volle Wahrheit gesagt haben«. Zwar sei sein Wohnort nun raus aus der am meisten vom Lärm betroffenen Zone, und er gehöre auch nicht zu denen, die hinter vorgehaltener Hand Mutmaßungen anstellen, ob die wundersame Wende für Lichtenrade wohl daran liegen könnte, dass der Regierende Berliner Bürgermeister hier seine Wurzeln hat. Dennoch hätte er sich den Flughafen woanders vorstellen können, was nichts damit zu tun hat, dass er ihn gelungen empfindet. »Sieht gut aus mit dem vielen Holz, den großen Glasflächen, seiner großzügigen und schnörkellosen Gestaltung. Überrascht bin ich von den Dimensionen, da kann man sich schon 'nen Wolf laufen«, resümiert er.

Nach der Mittagspause werden die Rollen neu verteilt. Anna ist nun eine Transitreisende, kommt aus Singapore und will weiter nach Oslo. Auch wenn sie aussieht, als könnte sie kein Wässerchen trüben, diesmal hat sie es faustdick hinter den Ohren. Sie reist mit einem gefälschten italienischen Pass ein und fliegt glatt auf. Von ihrem Können-diese-Augen-lügen-Blick lässt sich der Polizist nicht beeindrucken und nimmt sie in Gewahrsam, um ihre Identität zu klären. Am Nachbarschalter steht eine etwas lärmige »Großfamilie«, die die Kontrolleure in ein Gespräch verwickeln will, um einen aus ihrer Mitte unbemerkt an der Kontrolle vorbeizuschleusen. Der Trick funktioniert nicht, die Polizisten verstehen ihr Handwerk. Sie machen den Eindruck, als würden sie schon lange hier arbeiten, dennoch müssen sich die meisten, genau wie die Komparsen, erst einmal auf dem neuen Flughafen orientieren. »Ich bin heute den ersten Tag hier«, erzählt ein etwa 30-Jähriger, der am 3. Juni mit vom Flughafen Tegel nach Schönefeld umziehen wird. Der erste Eindruck von seinem neuen Arbeitsplatz sei sehr gut, sagt er, nur mit dem extrem längeren Arbeitsweg muss er sich erst noch anfreunden.

Für die Probepassagiere ist der Tag ein aufregendes einmaliges »Spiel«, für die Menschen hinter den Countern, in den Sicherheits- und allen anderen Bereichen eine Trainingsrunde von vielen, bevor es für sie in wenigen Wochen ernst wird. Seit November des vergangenen Jahres bis Ende Mai werden insgesamt etwa 15 000 Mitarbeiter der Bodenverkehrsdienste, der Airlines, der Sicherheit und des Flughafens theoretisch geschult und nehmen an verschiedenen Tests teil. Für jeden Probebetriebslauf wurde ein anderes Szenario entwickelt. Ziel ist es, alle Systeme und Prozesse auf Herz und Nieren zu prüfen, um Fehler schon im Vorfeld der Eröffnung zu erkennen und zu beheben, damit am 3. Juni der Start reibungslos verläuft. Solch ein Chaos wie im März 2008 bei der Inbetriebnahme vom Terminal 5 in London-Heathrow, als das Gepäcksystem zusammenbrach und Hunderte Flüge gestrichen werden mussten, soll es nicht noch einmal geben.

Anna fand ihren Probeflugtag nach Nirgendwo spannend und aufregend, und sie ist froh, dass sie dabei sein durfte. In wenigen Tagen fliegt sie wirklich, zum letzten Mal vom alten Flughafen Schönefeld. Ohne Wehmut, ganz im Gegenteil!

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