Von Ralf Klingsieck, Paris
22.03.2012

Nervenkrieg in »La Ville Rose«

Mutmaßlicher Serienmörder in Toulouse von der Polizei belagert

Der Mittwoch stand in Frankreich im Zeichen des Nervenkriegs zwischen der Polizei und dem mutmaßlichen Serienmörder, der sich in Toulouse in einem Haus verschanzt hatte. Toulouse, aufgrund der zahlreichen Bauwerke aus roten Ziegelsteinen auch »La Ville Rose« (rosarote Stadt) genannt, war im Schockzustand.

Weniger als 48 Stunden nach seinem letzten blutigen Verbrechen vor einer jüdischen Schule in Toulouse konnte der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse durch die Polizei identifiziert und in seiner Wohnung geortet werden. Den ganze Mittwoch über wurde er dort belagert, konnte aber zunächst nicht verhaftet werden.

Bei dem Täter soll es sich um Mohamed Merah handeln, einen 23-jährigen Franzosen algerischer Herkunft. In den frühen Morgenstunden war es nicht gelungen, das in einem ruhigen Wohnviertel gelegene vierstöckige Mietshaus überraschend zu besetzen und die Wohnung zu stürmen.

Statt dessen wurden die Bewohner der Umgebung kurz nach 3 Uhr durch einen heftigen Schusswechsel aus dem Schlaf gerissen. Merah hatte die Polizisten hinter der verbarrikadierten Wohnungstür erwartet und durch diese geschossen, wobei er drei Polizisten leicht verletzte. Daraufhin setzte die Belagerung der Wohnung ein, während der Polizei und Täter durch die Wohnungstür miteinander sprachen und über eine eventuelle Aufgabe verhandelten. Dabei bekannte sich Mohamed Merah zu seinen drei Mordanschlägen, bei denen er zunächst am 11. März in Toulouse und dann am 16. März in Montauban insgesamt drei Soldaten getötet und einen weiteren schwer verletzt hatte und schließlich am Montagmorgen vor einer jüdischen Schule in Toulouse einen Lehrer und drei Kinder erschoss.

Merah erklärte, für Al Quaida gehandelt zu haben. Seine Morde an den Militärs würden der Armee gelten wegen ihrer Einsätze in Afghanistan und mit dem Mord vor der jüdischen Schule wollte er »die Morde der Israelis an palästinensischen Kindern im Gaza-Streifen rächen«. Die Mutter des Täters, die von Polizei herbeigebracht wurde, um ihn zur Aufgabe zu bewegen, wollte nicht mit ihm sprechen und versicherte, dass sie keinerlei Einfluss auf ihn habe. Zwei Brüder und zwei Schwestern des Täters wurden verhaftet. Sie werden verdächtigt, von den Taten gewusst und logistische Hilfe geleistet zu haben.

Die mehrstündigen Gespräche der Polizisten mit dem ungewöhnlich mitteilsamen Täter durch seine Wohnungstür während der Belagerung erhärteten das Persönlichkeitsbild, das sich die Fahnder schon von ihm gemacht hatten. Danach gehört Mohamed Merah einem extremen Zweig der fundamental-islamischen Salafistenbewegung an. Er war zweimal nach Pakistan gereist und hatte im Grenzgebiet zu Afghanistan an militärischen Ausbildungen und Manövern teilgenommen. In dieser Zeit wurde er Ende 2010 in Kandahar als Kleinkrimineller von der pakistanischen Polizei verhaftet, doch bei einem Angriff der Taliban auf das Gefängnis kam er frei. Nach der Rückkehr nach Frankreich verhielt er sich unauffällig, so dass eine zeitweilige Beobachtung durch die Antiterrorabteilung der Polizei wieder gelockert wurde.

Zweimal hat Merah versucht, sich als Berufssoldat in der Armee zu engagieren, doch wurde er abgewiesen. Ein Anwalt, den Merah wegen eines Verkehrsdelikts engagiert hatte, schilderte den Mordschützen als »höflichen und freundlichen jungen Mann, der einen eher weichen Eindruck machte und dem man keinesfalls fanatische Morde zugetraut hätte«.

Von dem schnellen Fahndungserfolg verspricht sich Präsident Nicolas Sarkozy offensichtlich einen Schub für den gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf. Er war schon am Montag nach den Morden vor der jüdischen Schule unverzüglich nach Toulouse geeilt, um vor Ort sein Mitgefühl auszusprechen und eine unnachsichtige Bestrafung des Täters zu versprechen. Um Druck zu machen, wies der Präsident seinen Freund und Innenminister Claude Guéant an, in Toulouse persönlich die Fahndung zu leiten. Ein weiteres starkes Signal setzte Sarkozy, als er am Mittwochnachmittag bei den Polizisten auftauchte, die den Täter in seiner Wohnung belagerten.

Anschließen flog der Staatschef ins nahe Montauban, um in der Kaserne der am vergangenen Freitag ermordeten Soldaten die militärische Ehrung für die Opfer des Serienmörders zu leiten. Daran nahmen neben dem Premier und mehreren Ministern weitere Präsidentschaftskandidaten teil, darunter Marine Le Pen. Die Vorsitzende der Front National hatte zuvor gegenüber der Presse ein »scharfes Vorgehen gegen radikale Muslime« verlangt und ein Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe vorgeschlagen.

Wie es hieß, wollte der Attentäter am Mittwoch erneut zuschlagen. Er habe einen weiteren Soldaten und zwei Polizisten im Visier gehabt, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Fajad verwahrt sich

Unterdessen hat sich der palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad gegen den Missbrauch der Anliegen seines Volkes durch Terroristen verwahrt. »Es ist höchste Zeit, dass solche Kriminellen aufhören zu behaupten, sie verübten ihre Terrorakte zur Unterstützung palästinensischer Kinder«, hieß es in einer schriftlichen Erklärung Fajads, die in Ramallah im Westjordanland verbreitet wurde.