Von Volkmar Draeger
29.03.2012

Fragmente zum Fragment

Der Theaterdiscounter will nach Büchners Vorlage »Woyzeck überschreiben«

Eine ungeheure Sache, ein Schauspiel ohnegleichen, so urteilt Rainer Maria Rilke 1915 in einem Brief über Büchners »Woyzeck«. Jenes Fragment gebliebene Sozialdrama, entstanden kurz vor dem Typhus-Tod des genialen Schriftstellers, erhalten in 31 Szenen, jedoch ohne Seitennummerierung und deren Anordnung von letzter Hand des Dichters. Mehrere Kriminalfälle boten die Vorlage für die tragische Geschichte vom Mörder Woyzeck, den jedoch selbst zuvor die Gesellschaft »gemordet« hat: als chancenloses Subjekt der untersten Klasse. Ausgebeutet vom Hauptmann, benutzt vom Arzt, zuletzt gedemütigt vom Tambourmajor, der ihm nicht nur Marie, die Geliebte und Mutter seines unehelichen Kindes, ausspannt, sondern sich darüber auch noch lustig macht. So jemand muss irgendwann explodieren, sich loslösen: Woyzeck ersticht am See unterm Mond »wie ein glühend Eisen« eifersüchtig Marie und führt hiermit gleichermaßen den für ihn freilich tödlichen Befreiungsschlag von der verlogenen Gesellschaft, etwa dem Hauptmann, der ihm nach eigenem Weltbild Unmoral vorwirft, ohne Verständnis für Woyzecks existenzielle Bedrängnisse.

Seit der Uraufführung des neu eingerichteten Stücks 1913 reißt seine Aufführungspraxis nicht mehr ab, wurde es von Oper, Film, Ballett adaptiert. In die Phalanx der Regisseure reiht sich nun auch Sebastian Blasius ein. Seine Version im Theaterdiscounter macht sich den fragmentarischen Zustand des Originals zunutze und fragmentiert ihn nochmals. »Woyzeck überschreiben« ist so keine Aufführung nach Büchner, wohl aber ein Spiel mit seiner Figurenkonstellation. Jeder der vier Akteure kann jede Rolle übernehmen, und weil drei von ihnen aus anderem Kulturkreis stammen, bekommt das Ausgegrenztsein Woyzecks hier noch eine zusätzliche Dimension. Cristina Nyffeler hat als Rahmen für die tänzerische Annäherung einen bürohaften Raum aus angeschrägten Gestellen geschaffen, darin allerlei Gerümpel.

Was Blasius besonders interessiert, ist die Konfrontation des Bühnenspiels mit Tonbanddokumenten nicht näher benannter alter Aufführungen des »Woyzeck« sowie dem gestischen Material der damaligen Protagonisten. Das überträgt er seinen Akteuren und lässt sie damit verfremdend umgehen. Kernszenen des Stücks hört man vom Band, auch aus dem Mund der Spieler, die sogar auf die Geräusche der Bandmitschnitte reagieren. Stetig entschleunigt sich eine Inszenierung, in der Bewegung maschinell ruckhaft und stupid wiederholt wird, so wie Woyzeck sich in permanenten Grübeleien verliert. Horch-Gestik, zerdehnte Bodenpassagen und anderes in Blasius‘ Choreographie sind häufig schwer zusammenzubringen mit den Bandausschnitten, die zumal zwingender wirken als das Live-Geschehen. Wiewohl es in seiner Zerfaserung auf Woyzecks Wahnsinn hinarbeitet. Seine Welt zerfällt so, wie die Bühne von den Akteuren demontiert wird.

In diesen Akt des Wüstwerdens verliebt sich die Inszenierung gegen Ende der gut anderthalb Stunden indes allzu sehr, weshalb spätestens hier die lähmende Langsamkeit aller Vorgänge quälend wird. Atmosphäre zeichnet das schon, bleibt allerdings anstrengend. Auch ein zerschlissener, zersplissener, zertrümmerter »Woyzeck« sollte, trotz oder gerade wegen seiner Fiebervisionen, nicht auf der Stelle treten.

29.3., Theaterdiscounter, Klosterstr. 44, Tel.: (030) 28 09 30 62