31.03.2012

Fritz Rudolf Fries: Von Büchern und Menschen

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Fritz Rudolf Fries: Er wurde am 19. Mai 1935 in Bilbao, Spanien, geboren, kam 1942 nach Leipzig und wurde zu einem der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Beginnend mit »Der Weg nach Oobliadoh« und »Das Luftschiff« hat er an die 20 Bücher veröffentlicht. Verdient machte er sich auch als Herausgeber und Übersetzer aus dem Spanischen (z.B. von Julio Cortázar, Pablo Neruda, Luis Buñuel). Seinen Erinnerungen »Von Büchern und Menschen« hat er die Unterzeile »Notizen für den Hausgebrauch« gegeben. Mag Fritz Rudolf Fries diese lose Abfolge von Texten auch zunächst nur für sich selbst zu Papier gebracht haben, soll es dabei aber doch nicht bleiben. So wird vorliegender Erstveröffentlichung im »nd« womöglich zu gegebener Zeit eine weitere folgen.

Ich und die Leser

Zu spät erinnerte ich mich an den Ratschlag des Verlegers Rudolf Marx. Wir saßen in seinem Arbeitszimmer, in der Leipziger Innenstadt. Einst die deutsche Mitte verlegerischer und buchhändlerischer Unternehmungen. Umschlagplatz einer Weltkultur, die Geschäft und Geist zu vermählen trachtete. Im Austausch lebten hier Autoren und Übersetzer. Tauchnitz und Albatross druckten im Original die angloamerikanischen Autoren. Reclam demokratisierte den aristokratischen Umgang mit Literatur und bot am Kiosk dem flanierenden Studenten auf der Straße, dem müden Reisenden auf dem Bahnsteig für ein paar Groschen den philosophischen und dichterischen Extrakt aller Kontinente an.

In einer Nacht des Jahres 1943 aber brannte die Stadt, verbrannten die Bücher. Ein Trauerflor schwarzer Schneeflocken legte sich über Häuser und Straßen. Nein, die Stadt starb nicht. Wer seine Bücher gerettet hatte, suchte nach Trost, hoffte, dass nach jeder Sintflut eine neue Welt aus dem Nichts auftaucht ... Falls die Dichter und Denker logen, so taten sie es wie Ärzte am Krankenbett.

Rudolf Marx bekam nach dem Krieg eine Lizenz der sowjetischen Militäradministration und organisierte seine Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung. Was er druckte, musste in Berlin genehmigt werden. So entstand in Vor- und Nachworten eine merkwürdige Mischung von Essay und Propaganda - Texte, die Autor und Verleger als Alibi dienten, durchaus faktenreich durchsetzt, wenn die Abhängigkeit von Vita und Werk des Autors plausibel gemacht werden sollte. Miniaturen aus der Hand von Glasperlenspielern waren das zuweilen - sehr zum Vergnügen des grauhaarigen, gewitzten Rudolf Marx, der davon träumte, einmal ein Werk seines verehrten Gottfried Benn verlegen zu können. Er besuchte ihn in Westberlin und brauchte nicht lange zu warten, um das Neueste vom Leben des Arztes und Dichters in der Bozener Straße zu erfahren.

Doch schon sind wir bei dem Nachwort, das ich zu einer Ausgabe der »Exemplarischen Novellen« von Miguel de Cervantes geschrieben habe. Marx bittet mich, neben ihm auf dem Sofa Platz zu nehmen. Das Manuskript hält er in der Hand. Wie eine Kartenlegerin, denke ich, die mir die Zukunft voraussagen will. - Ich habe es mit Andacht gelesen, sagt der Verleger. Aber so kann ich es nicht drucken.

Dem Schreiber stockt der Atem. Das zu erwartende Honorar hatte er in Gedanken schon ausgegeben. Der Verleger legt ihm die Hand auf den Arm und erläutert ihm die Richtlinien des Amtes für Literatur für die Abfassung von Nachworten zu einer Ausgabe des klassischen Erbes. Eine Anweisung auf fünfzig Prozent des Honorars, sagt der Verleger, können Sie sich bei meiner Sekretärin abholen. Ich hatte Ihnen ... , sage ich. Er nickt und schlägt eine Mappe auf, darin eine Erzählung von mir und ein paar Gedichte mich anschauen, als wollten sie mich kompromittieren.

Ich habe es gern gelesen, sagt der Verleger. Doch sehe ich für Ihre Zukunft als Schriftsteller (ich nicke etwas zu heftig) ein Problem: Wer Sie nicht persönlich kennt, könnte Ihnen die Subjektivität Ihrer Arbeiten verübeln ... falls Sie nicht der Chronist Ihrer Altersgenossen werden, dann seien Sie besser der Chronist Ihrer Zeitgenossen ...

Als wir uns Jahre später wiedersehen, beglückwünscht er mich zu meinem letzten Roman. Ich bin stolz darauf, sagt er, Sie entdeckt und Ihnen den richtigen Weg gewiesen zu haben. Ich widerspreche nicht.

Einmal mehr denke ich heute über den Hinweis des Verlegers nach, die eigene Person weniger wichtig zu nehmen und Freunden, Feinden und Nachbarn die ersten Plätze einzuräumen. Doch wer hat in den letzten Jahrzehnten seine eigene Person mehr in den Mittelpunkt seiner Bücher gestellt als Max Frisch? Und wer war in seiner Generation erfolgreicher und wurde und wird als Zeitzeuge zitiert? Ein unerklärbarer Rest, ein magisches Geheimnis machen uns weiter neugierig auf die dialektischen Sprünge zwischen Autor und Werk.

Die enteigneten Bücher

Bücher lassen sich ebenso wenig besitzen wie Frauen. Das sage ich, der ich über meine Bücher wache wie Dagobert Duck über seine Zechinen. Haben Sie das alles gelesen? Eine Frage, die mich ärgert, wenn sie von wohlwollenden Besuchern beim Anblick meiner Bücherwände gestellt wird. Ich weiß nicht, welcher Autor auf diese Frage geantwortet hat: Sehen Sie, Madame, ich esse und trinke ja nicht jeden Tag aus den Tellern und Tassen meines Meißner Porzellans ... Will heißen, man nimmt ein gut gedrucktes, schön gebundenes Buch zur Hand - und legt es zurück für den Augenblick, wenn die Liebe zu einem bestimmten Buch von der Erkenntnis abhängt, die es uns schenkt. Und wie in der Liebe erfahren Bücher Jahre der Leidenschaft und Jahre der Enttäuschung.

Bekanntschaft mit Büchern zu schließen, in jungen Jahren eine schwierige Sache. Es gibt Leihbibliotheken, wo man für ein geringes Entgeld ein abgegriffenes, in grobem Schutzumschlag steckendes Exemplar erhält und nebenbei die Lesegewohnheiten des Vorgängers mitbekommt, der seine Lektüre mit Ausrufe- und Fragezeichen begleitet, mit Eselsohren markiert hat. Ein gewisser pfeiferauchender Autor verwendet abgebrannte Streichhölzer als Lesezeichen. Rätselhafte Spuren lassen vermuten, was einer beim Lesen gegessen und getrunken hat. In Romanen von Graham Greene erfährt man, wie Bücher unter Spionen als Kassiber und versteckte Botschaften dienen. Der künftige Büchersammler ist früh ein empfindlicher Ästhet, also sieht er sich nach anderen Quellen um. Da ist der Bücherschrank eines Onkels, der eine pädagogische Ader hat. Was er zusammengetragen hat, gibt dem Neffen Einblick in sein Leben.

Doch dann zieht zweimal im Jahr die internationale Buchproduktion in die Messestadt. Der mittellose Student wandert von Koje zu Koje, als trüge ihn ein Zaubermantel von Land zu Land. Der schwarze Buchhändler aus Paris, nennen wir ihn M. Dimanche, schaut lächelnd zu, wie ich seine Bücher aufschlage. Sein mit Gold repariertes Gebiss blitzt wie die Synkopen eines Charlie Parker. Apollinaires graphische Gedichte, Cocteaus Illustrationen und magische Kalligraphien ... M. Dimanche wendet sich anderen Besuchern zu. Es sind ganz zufällig Freunde von mir, und während sie den Buchhändler ablenken, stecke ich mir ein Bändchen Gedichte von Eluard in die Manteltasche. Eine Zeile von Eluard hat es mir angetan:

Die Welt ist blau wie eine Orange.

Zugegeben, wir klauten Bücher, die wir anders nicht besitzen konnten. Es ist eine Art sublimer Mundraub, der den Hunger in unseren Köpfen besänftigt. In unserer revolutionären Phase erklären wir jede Art Besitz, auch den von Büchern, als eine Diktatur der Bourgeoisie - enteignet die Besitzenden, die auch den Geist monopolisiert haben!

Sobald wir einen beneidenswerten Fundus an Büchern vorweisen können, aus denen wir unseren Freundinnen vorlesen, wollen wir mit niemandem teilen, die Bücher nicht, und noch weniger die Dame unseres Herzens. Es beginnt die Phase gegenseitigen Misstrauens: Noch gestern stand dieses und jenes Buch an seinem Platz. Es ist verschwunden. Jemand hat es eingesteckt, um es seiner Freundin zu schenken. Nicht immer wird der Dieb für seine Tat zu büßen haben, da er anonym bleibt. Ein anderer wird für ihn bezahlen, und dieses und jenes Buch vermissen. Am Ende der Kette hat ein vollkommener Austausch stattgefunden, die gestohlenen Bücher sind durch gestohlene Bücher ersetzt worden. Ich will zur Beruhigung des Lesers hinzusetzen, dass diese pubertäre Phase vorübergeht. Spätestens wenn wir selber zu schreiben beginnen, wir in einen Wettbewerb der Publikationen eintreten und kein gestohlenes Buch das gestörte Gleichgewicht unserer Bibliotheken wieder herstellen muss …

Ordnung oder Chaos

Ein Umzug. Eine größere Wohnung, ein größeres Haus. Mehr Platz für mehr Bücher. In Kartons, Koffern, Taschen warten die Bücher darauf, Flagge zu zeigen, Stellung zu beziehen. Was sie während des Transports im Dunkeln angezettelt haben, weiß ich nicht. Schlimme Liebschaften werden nicht geduldet. Nicht einmal eine zwischen Jean Paul und Jean-Jacques Rousseau oder zwischen Feuchtwanger und Beaumarchais.

Eine grauenhafte Vorstellung, jemand ordne seine Bücher nach deren Größe und Farbe. Also: angetreten nach den Sprachen, in denen die Autoren sich mitgeteilt haben. Doch schon zögere ich. Deutsch schrieben Kafka, Egon Erwin Kisch, Canetti, aber auch Robert Walser. Wäre es da nicht besser, die unsterblichen Autoren der K.-und-K-Monarchie, Robert Musil, Joseph Roth und auch Gregor von Rezzori blieben unter sich, die Schweizer Autoren, so sie Deutsch schrieben, bildeten mit Hermann Hesse als Brückenkopf die Vermittler zwischen Austria und Germania? Mit Goethe und Schiller an der Spitze imponiert die deutsch-nationale Abteilung mit ihren Reihen Gesammelter Werke. Und die Brüder Mann sind, da sie Rücken an Rücken stehen, nun für die Ewigkeit ausgesöhnt, weder von Ernst Jünger noch von Gottfried Benn werden sie kritisiert, weil sie die ohnehin untergegangene Welt von den Tribünen des Exils betrachtet haben. Wo aber endet diese Reihe?

Denn bei den noch lebenden Autoren, stellt man sie gut nachbarlich beisammen auf, weiß man nicht, wie sie gerade miteinander umgehen, ob denn Günter Grass mit Hermann Kant (oder vice versa) den gesamtdeutschen Dialog weiter führt oder als polemischen Pfeffer in die Suppenterrine, sprich Roman, streut. Besser, der Sammler trennt beide Herren mit einem Band Christa Wolf, einer erprobten Vermittlerin, die er jedoch ungern neben Irmtraud Morgner oder Monika Maron stellen würde, gewisser Meinungsverschiedenheiten wegen.

Nun aber rühren sich die anderen Bücher und verlangen Gerechtigkeit nach deutsch-deutschem Muster. Auf russisch-polnische Animositäten kann keine Rücksicht genommen werden. Leo Tolstoi und Tschechow, Dostojewski und Gontscharow sind die Magnetfelder der russischen Abteilung, und der Weg von Majakowski zu Zbigniew Herbert ist kürzer als man glaubt. Der Pole Witold Gombrowicz, der in Buenos Aires, in den Jahren seines Exils, mit Jorge Luis Borges die Klingen kreuzte, ist mir der willkommene Botschafter einer sich immer deutlicher artikulierenden Weltkultur ... Spanier und Portugiesen bekommen eine eigene Abteilung, in der, den Erhebungen in einer Gebirgskette gleich, die verschiedenen spanischen und deutschen Ausgaben des unsterblichen Don Quijote herausragen. Amerikaner und Engländer sollen ihre Probleme selber austragen und ihren Henry James, ihren T. S. Eliot nach deren Wünschen naturalisieren. Fehlte noch, dass Oscar Wilde und George Bernhard Shaw eine irische Abteilung verlangten. Der europäische Partikularismus kann jeden Sammler, jeden Bibliothekar zur Verzweiflung treiben. Die Franzosen sind einverstanden und doch ein wenig verwirrt, dass ich Sartres und Camus' Romane zu ihren philosophischen Texten stelle ...

Sollte ich, meine Bücher im Gepäck, noch einmal umziehen, würde ich sie nach Jahrhunderten ordnen. Warum sollte Voltaire nicht in die Nähe chinesischer Klassiker rücken, Schopenhauer sich nicht bestens mit Lawrence Sterne verstehen?

In den Jahren der DDR lag es nahe, die Bücher der DDR-Schriftsteller von den Büchern ihrer westdeutschen Kolleginnen und Kollegen zu trennen. Doch wohin dann mit den vertriebenen, in den Westen gegangenen Autoren? Etwa eine neue Abteilung für »Dissidenten«? Absurd. Kennzeichen von Literatur ist Qualität, nicht politische Konfession. Dennoch, ich lasse es mir nicht ausreden, es gab eine spezifische DDR-Literatur, die aus den vereinigten Büchern in meiner Bibliothek den Betrachter frech wie Konterbande anschaut.

Ich betrachte mein Werk und finde, dass es gut ist. Wohin nun, fragt meine Frau, mit den vielen Bildern, wenn du die Wände voll baust? Ich verweise auf die Sammlung großformatiger Kunstbände, die uns von Bosch bis Kandinsky die schönsten Galerien ersetzen. Eine mit Büchern kaschierte Tür fällt mir ein. Dahinter ein Geheimfach. Keine versteckte Bar, aber eine geheimnisvolle Sammlung bester Kriminal- und Agentenromane sowie die Biografien bekannter, im Kalten Krieg enttarnter Spione ...

Anderntags kommen die Kinder und Kindeskinder. Sie stöbern in den Kartons, misstrauisch die großen, ich könnte ihre Kinderbücher unterschlagen haben, und sie verstehen darunter nicht nur »Mischka, der Bär« oder »Die Mies mit den blauen Augen«. Hier habt ihr, sage ich, Grimms Märchen, und hier »Alice im Wunderland«, und wenn ihr wissen wollt, wie die kleinen Mädchen aussahen, für die der Autor Lewis Carroll eine Schwäche hatte, in diesem Bändchen sind sie abgebildet.

Die Enkel warten, mit einem neuen Kinderbuch beschenkt zu werden. Der Sammler betrachtet diese Schar mit Rührung, weiß er doch, dass die Zukunft seiner Bücher in ihren Händen liegt.

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