Von Lucía Tirado
02.04.2012

Nicht wirklich, aber wahr

Johannes Müllers Apokalypseberatung »One day more« in den Sophiensaelen

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Brutalität und Kitsch in »One day more«

Grotesk, wie der Mann am Fenster seines Appartements in der 51. Etage agiert. Er führt sich und seine luxuriöse Behausung vor. Einen Markennamen nach dem anderen faselt er. Der Anzug von dem, die Schuhe von dem... Da steckt er drin, der junge Investmentbanker. Persönlichkeit hat er nicht. Das weiß er. »Ich fühl' mich wie Scheiße, seh' aber toll aus.«

Mit »One day more / Extravaganza« begann Johannes Müller in den Sophiensaelen seine Endzeit-Trilogie. Bei der Produktion von »ehrliche Arbeit - freies Kulturbüro« will er sich als vom Hauptstadtkulturfonds geförderter künstlerischer Apokalypseberater noch Politik und Klima widmen. Soll das als Grand Operá und mit Neuer Musik vonstatten gehen, lehnt er sich im ersten Teil an das Genre Musical. Dabei verhohnepipelt er schon den Begriff Extravaganza, den in Amerika bereits um 1860 für groß ausgestattetes Unterhaltungstheater erfundenen Begriff, aus dem später Musical entstand. Müllers Spiel-Raum ist kahl. In der Mitte positionierte er ein Gerüst für die Lautsprecher.

Der Regisseur geht mit dem Stück ins Jahr 1987, bezieht sich auf die damalige Broadway-Produktion des Musicals »Les Misérables« und auf den ersten Börsenkrach nach dem Zweiten Weltkrieg am 19. Oktober des Jahres, einem Schwarzen Montag also. Zu dieser Zeit hatte sich eine neue Generation von Börsen-Spekulanten etabliert, die er als draufgängerisch wie hemmungslos sich selbst überschätzend klassifiziert. Sein Held ist solch ein Typ, der neben den Geldgeschäften auch die Studioaufnahmen von »Les Misérables« managt. Kalt schlägt er für sich Gewinn aus dem fallenden Yen, achtet kein Leben, sieht nicht das Leid anderer. Leichen säumen seinen Weg. Was soll's. Am Ende wird er abgeknallt. Das muss schon sein im Musical. Die Guten gewinnen vorm Abgesang.

Bei »One day more« wird es natürlich nicht wirklich tragisch. Müller treibt Brutalität und Kitsch derart auf die Spitze, dass alles kippt. Sein sich an Statussymbole klammernder 27-jähriger Banker ist ebenso gefährlich wie nicht ernst zu nehmen. Das große Börsentheater, das Müller hier karikiert, hat so wenig mit dem Leben zu tun wie das seines fragwürdigen Helden mit der Realität. Der Bezug zum Irrtum, mit bekanntem Label am Körper jemand sein zu können, wird in dem Stück ebenso hergestellt wie der zum Irrglauben, als jedermann mit seinen popligen Ersparnissen im Poker der Banker gewinnen zu können.

Diesen und jenen vom Einzelnen aus Unwissen oder Eitelkeit ungleich teuer bezahlten Handel ins Absurde zu führen, ist Müller gelungen. Er treibt es noch weiter, indem er beschreibt, dass der von diesem jungen Banker einzig als echt wahrgenommener Wert in einem von ihm in der Kirche ehrlich selbst geklauten silbernen Leuchter besteht.

Zu Herzen gehend einlullend, wie ein Musical es braucht, sind die Songs gemacht. Dem spröden Stoff trotzend von Jill Emerson und Jessica Gadani schön gesungen (Arrangements: Santiago Blaum). Hauke Heumann als des Helden Widerpart und vor allem Sebastian Straub in der Titelrolle können singend stimmlich nicht mithalten, beweisen dafür schauspielerisches Können. Herrlich, wie Straub den wie in einen Anzug gesteckten Spätpubertären spielt. Der Berliner Jazz- und Gospelchor »The Melodetts« verkörpert diszipliniert arbeitend das zeitweise revoltierende Volk. Geschickt lässt Müller die Menschen mal gesichtslos erscheinen, mal aufs Publikum zu marschieren.

Das Publikum nimmt der Regisseur dann auch noch dran. Beim Hinausgehen gibt es eine Parfümprobe in die Hand. Betörend süß duftend. »Kinski«. Aha, eine Marke! Draußen im Kiez, der sich diesem Begriff inzwischen sträubt, zieht es einen weiter durch den Markenrausch. Ein Label neben dem anderen wirbt in großen Schaufenstern. Auch das ist nicht wirklich. Aber wahr.

»One day more, 3., 4.4., 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr.18, Mitte, 2 83 52 66, www.sophiensaele.com

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