Von Martin Kröger
07.04.2012

Auf holprigen Wegen

Der Senat wollte Mittel für den Radverkehr kürzen, nach Protesten ist das vom Tisch

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Radfahren kann lebensgefährlich sein: Weiß lackierte Geisterräder mahnen an die Toten.

Jede neue Erhebung schmerzt. Wer auf dem gepflasterten Fahrradweg in der Prinzenstraße in Kreuzberg schnell mit dem Rad unterwegs ist, kann die mangelnde Instandhaltung heftig physisch spüren. Nämlich immer dann, wenn das Fahrrad wieder von durch die von Wurzeln hochgedrückten Pflastersteinen aus der Bahn geworfen wird. Das erinnert ein bisschen an Surfen auf Wellen. Doch bringt es im Gegensatz zu diesem gar keinen Spaß, sondern ist ziemlich gefährlich. Der Fahrradweg in der Kreuzberger Prinzenstraße ist nur ein Beispiel von vielen, er steht symbolisch für den Sanierungsstau, ein Großteil der Berliner Fahrradwege müsste dringend in Schuss gebracht werden.

Schließlich beginnt zurzeit die Saison und auf Berlins Radrouten wird es wieder voll. Radfahren boomt insbesondere in den Innenstadtbereichen, wo immer mehr Menschen auf zwei Rädern unterwegs sind. Doch die Infrastruktur hält mit der durchaus von der Politik gewünschten Steigerung nicht mit. Als umso unverständlicher waren aus Sicht von Organisationen wie dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) die geplanten Kürzungen des rot-schwarzen Senats bezüglich der Sanierungsmittel zu sehen: Im Entwurf zum Doppelhaushalt 2012/2013 sollten diese Mittel von zwei auf eine Million Euro pro Jahr reduziert werden. Dieses Vorhaben ist nach Protesten wieder vom Tisch, der Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses nahm die Kürzungen zurück.

»Alles andere als die Rücknahme der Kürzung wäre fahrlässig gewesen«, sagt die frisch gebackene Landesvorsitzende des ADFC, Eva-Maria Scheel. Der Fahrradverband besteht auf die Notwendigkeit, den über die Jahre aufgelaufenen Rückstand bei den Sanierungen der Radwege abzubauen. Da wären die nun vorgesehenen zwei Millionen Euro ein Minimum dessen, was wirklich gebraucht wird. Denn intakte Radwege seien für die Verkehrssicherheit unerlässlich, sagt Scheel.

Nach der massiven Kritik wurden indes nicht nur die Kürzungen bei den Sanierungen zurückgenommen, der Senat kündigte unlängst auch an, die ausgelaufene Radverkehrsstrategie neu aufzulegen. »Ich gehe davon aus, dass wir die aktualisierte Strategie in den nächsten Monaten dem Senat zum Beschluss vorlegen können«, äußerte sich der zuständige Staatssekretär Christian Gaebler dazu jüngst auf einer Fahrradmesse. Dazu zähle auch eine angemessene Finanzausstattung für Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs. Die Strategie soll mit allen Akteuren abgestimmt werden. Im Zeitraum zwischen 2004 und 2010 funktionierte das nicht schlecht: Das Ziel, 15 Prozent des Verkehrs soll auf Fahrrädern erfolgen, wurde fast erreicht.

Doch wo sich viele Radfahrer drängeln, gibt es auch mehr Unfallgefahren. Besonders will in dieser Saison auch die Berliner Polizei verfahren: Die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers hat ihre Beamten angewiesen, sich gezielt um die Sicherheit von Fahrradfahrern zu kümmern. Parkende Autos auf Fahrradwegen und Angebotsstreifen etwa sollen nicht mehr wie in der Vergangenheit toleriert werden. Gefährliche Mängel in der Infrastruktur behebt das freilich nicht.


Fakten Radverkehr Berlin

  • 1,5 Millionen Wege legen die Berliner jeden Tag per Rad zurück. Das entspricht einem Anteil am Gesamtverkehr von 13 Prozent. Im Innenstadtbereich liegt der Anteil sogar bei 25 Prozent.
  • Radfahren ist gefährlich: 2011 waren 1441 Radfahrer bei Abbiegeunfällen verunglückt, 20 Prozent mehr als 2010. Insgesamt starben im vergangenen Jahr elf Fahrradfahrer im Berliner Straßenverkehr, sechs von ihnen wurden von abbiegenden Autos erfasst, weshalb der ADFC die Polizei auffordert, die Hauptverursacher stärker zu kontrollieren.
  • Seit 2001 wurden in Berlin weit über 1500 km Radverkehrsanlagen, davon 650 km bauliche Radwege an Straßen und 125 km Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, errichtet. Rund 250 Einbahnstraßen wurden für Radfahrer/innen gegen die Fahrtrichtung geöffnet. Ein Großteil der Anlagen ist jedoch inzwischen wieder Sanierungsbedürftig. Angaben: Senat für Stadtentwicklung/ADFC