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Von Hans-Dieter Schütt
07.04.2012

Grass: »Kein Widerruf!«

Kritik des Literatur-Nobelpreisträgers an Israels Politik sorgt weiter für Aufregung

»Was gesagt werden muss« - das Gedicht von Günter Grass sorgt weiter für ein heftiges Für und Wider in der deutschen Öffentlichkeit. Grass selbst: »Kein Widerruf!«

Da Günter Grass seine heftige Kritik an der Atommacht Israel in ein »Gedicht« gekleidet hat, darf gesagt werden: Selten hat ein Produkt deutscher politischer Lyrik derartige Wellen ausgelöst.

Die verbale Erregung über den Vorwurf, Israels Regierung gefährde durch ihre Atomwaffen-Drohung gegen Iran den Weltfrieden, zieht sich fast unisono durch Parteien und durch Institutionen des gesellschaftlichen Lebens.

Scharf attackiert wird Grass von Beate Klarsfeld, vor wenigen Wochen Kandidatin der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten: In einer Mitteilung zitiert sie aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen »das internationale Finanzjudentum« gehalten habe. Wenn man den Ausdruck »das internationale Finanzjudentum« durch »Israel« ersetze, »dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Grass - d.Red.) die gleiche antisemitische Musik hören«.

Zu den Verteidigern von Grass gehört die Organisation »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.«. Sie sieht die Tendenz, »jegliche Kritik an der israelischen Politik abzuwürgen«, daher »gratulieren wir« dem Schriftsteller für seine »aufrichtige Aussage«. Wolfgang Gehrcke, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, erklärte: »Grass hat Recht und den Mut, das auszusprechen, was weithin verschwiegen wird.« Der Romancier beschäme die deutsche Politik, »die damit beschäftigt ist, die diplomatischen Folgen eines israelischen Angriffs auf den Iran zu kalkulieren, statt alles zu tun, um diesen Krieg zu verhindern«.

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, stellt sich ebenfalls hinter den Schriftsteller. »Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden. Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.« Die Organisatoren der Friedensmärsche zu Ostern sehen in Grass' Gedicht »nichts Irres und keine Spur von Antisemitismus«.

Grass selbst fühlt sich als Objekt einer »Kampagne«. Trotz der vehementen Kritik an seinem Pamphlet sieht er keine Pflicht eines »Widerrufs«. Ihn so zu verurteilen und ihm gar Antisemitismus vorzuwerfen, bezeichnete der Künstler als »verletzende Gehässigkeit ohne gleichen«; er werde »an den Pranger gestellt«. Aber mit »kritikloser Hinnahme« dessen, was die Regierung Israels betreibt, so der Autor im TV-Sender 3sat, »hilft man Israel nicht, das ist Nibelungentreue, wir wissen, wohin die führt«.

Gleichzeitig betont der Angegriffene: Die Debatte über sein Gedicht habe er erhofft, »denn es muss endlich mal zur Sprache kommen«. Dass er sich nicht gleichzeitig kritischer über Iran äußerte, begründete er damit, dass die Missstände dort ausreichend bekannt seien.

Inzwischen hat sich auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu Wort gemeldet. Er wirft dem deutschen Schriftsteller einen unannehmbaren Vergleich Israels mit Iran vor, das sei »schändlich«.» Iran, nicht Israel sei eine Bedrohung für die Sicherheit der Welt«.

Aus Netanjahus Büro kam der Gegentext - ebenfalls als Gedicht deklariert. Fast ein Gran Heiterkeit im bitteren Pro und Kontra. Ein noch holpriger Übergang der politischen Rede in einen poetischen Umgangston? Wege zum Frieden können in seltsamster Form beschritten werden ...

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