Elsa Rassbach
10.04.2012

Gewaltloser Widerstand ist wirksamer

Dr. Mustafa Barghouti: Israelis werden nicht frei sein, solange Palästinenser nicht frei sind

Dr. Mustafa Barghouti (58), Generalsekretär der Palästinensischen Nationalen Initiative (Al Mubadara-Partei), spielte eine führende Rolle bei der Organisation des Globalen Marsches nach Jerusalem am 30. März (siehe ND 26.3.2012). Die Marschteilnehmer wollten versuchen, sich Jerusalem friedlich so weit wie möglich zu nähern: an den Grenzen Libanons und Jordaniens, an Kontrollposten im Westjordanland oder am Grenzübergang Erez in Gaza. An diesem Tag, von den Palästinensern als Tag des Bodens begangen, wurde Barghouti nahe dem Kontrollpunkt Kalandia – zwischen Ramallah und Jerusalem – verletzt, worüber es in der israelischen Presse widersprüchliche Berichte gab. Elsa Rassbach befragte Barghouti für »nd«.
nd: Am 30. März forderte eine Vertreterin von Amnesty International Israel auf, die Anwendung exzessiver Gewalt zu beenden. Hat Israel die Gewalt gegenüber den Palästinensern verstärkt?
Barghouti: Während dieser absolut friedlichen, gewaltfreien Demonstrationen sind mindestens 320 Menschen verletzt worden, einschließlich eines Toten in Gaza, der von einem Hochgeschwindigkeitsgeschoss getroffen wurde. In Kalandia haben sie angefangen, Tränengas und mit Gummi ummantelte Metallgeschosse einzusetzen, bevor wir überhaupt die Checkpoints erreicht hatten. Ich selbst wurde von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen.

Amnesty International hat erklärt, dass auch die Hamas Demonstranten in Gaza geschlagen habe und dass Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde versucht haben, Proteste im Westjordanland zu verhindern. Gab es also Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern am Tag des Bodens?
Palästinensische Sicherheitskräfte haben vergeblich versucht, die Demonstration in Bethlehem zu stoppen. In Kalandia griff ein Mob von Leuten in Zivilkleidung die Demonstration an und versuchte, uns davon abzuhalten, den Kontrollposten zu erreichen. Wir wissen nicht, wer sie waren und wer hinter ihnen stand. Nachdem ich verletzt worden war, griffen einige dieser Leute mich an, als ich in den Krankenwagen steigen wollte. Dann begannen sie, auf diesen und zwei andere Krankenwagen einzuschlagen.

Waren das Fatah-Aktivisten, wie einige israelische Berichte behaupten?
Das wird untersucht. Ich habe zwei Mal mit Mahmud Abbas über diese Sache gesprochen. Jeder, der Demonstrationen angegriffen hat, dient absichtlich oder unabsichtlich israelischen Interessen, und wir werden es nicht zulassen, dass Israel sich in unsere Angelegenheiten einmischt. Der Globale Marsch nach Jerusalem wurde in sehr enger Zusammenarbeit zwischen allen politischen Parteien und Institutionen der Zivilgesellschaft organisiert. Führer von Fatah, Hamas, und PFLP haben mich im Krankenhaus besucht. Wir werden es nicht zulassen, dass diese internen Spaltungen die Oberhand gewinnen. Politische Organisationen, die in der Vergangenheit gewaltlosen Widerstand für wirkungslos hielten, übernehmen ihn jetzt. Gewaltloser Widerstand ist wirksamer, weil jeder sich daran beteiligen kann. Dieser Tag des Bodens war tatsächlich ein großer Tag, um die palästinensische Einheit in Bezug auf die gemeinsamen Ziele wiederherzustellen – in Israel, im Westjordanland, in Gaza, in Jerusalem und in der Diaspora. Es war auch ein großartiges Zusammenkommen des gewaltlosen Widerstands in Palästina mit der internationalen Solidaritätsbewegung.

In Deutschland ist die Solidarität mit den Palästinensern besonders schwierig, weil Kritik an Israel oftmals als antisemitisch gilt.
Wir möchten, dass die Deutschen verstehen: Unser Kampf zur Befreiung Palästinas verneint nicht das Leiden des jüdischen Volkes während des Holocaust oder auch während der Pogrome in Russland und der Inquisition in Spanien. Bei unserem gewaltlosen Widerstand geht es nicht nur darum, das palästinensische Volk zu befreien, sondern auch darum, die Israelis selbst von dem letzten System des Siedlungskolonialismus in der modernen Geschichte und vom schlimmsten Apartheidsystem der neueren Zeit zu befreien. Die Israelis selbst werden nicht frei sein, solange die Palästinenser nicht frei sind. Wenn die Menschen in Deutschland das verstehen, werden sie begreifen, dass unseren Kampf zu unterstützen, bedeutet, beide Völker zu unterstützen und Leben auf beiden Seiten zu retten.

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