Von Gesa von Leesen
13.04.2012

Schlechte (Ab-)Stimmung

Am Mittwoch hat die Gewerkschaft ver.di begonnen, ihre Mitglieder über das Tarifergebnis für den öffentlichen Dienst abstimmen zu lassen. Bis zum 24. April dauert die Mitgliederbefragung und es braucht keinen Propheten, um das Ergebnis vorauszusagen: Die Mitglieder werden die über zwei Jahre gestreckten 6,3 Prozent Lohnerhöhung mehrheitlich akzeptieren.

Gut Sechs Prozent Lohnerhöhung - das hört sich ja auch gut an und ist besser als die Tarifabschlüsse der vergangenen Jahre, in denen meist eine eins oder zwei vor dem Komma stand. Doch es sollte wundern, wenn die Zustimmung überbordend ausfiele. Dass ver.di die Sozialkomponente - Anhebung der unteren Lohnklassen um 200 Euro - komplett aufgeben musste, wurmt viele Gewerkschafter.

Im ver.di-Mitgliedernetz machen manche dieser Wut Luft. Der Vorsitzende Frank Bsirske wird dort in einigen Beiträgen heftig angegriffen, die Tarifkommission, die in Potsdam dem Ergebnis zustimmte, ebenso. »Versager«, »Weicheier« und ähnliches ist da an die Adresse der Verhandler zu lesen.

Einerseits ist die Wut nachvollziehbar. Da haben viele Tausende gewarnstreikt, hofften auf ein diesmal richtig gutes Ergebnis - und dann das: zwei Jahre Lohnerhöhungen knapp über der erwarteten Inflationsrate. Aufgeholt haben die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, die de facto in den vergangenen Jahren Lohnkürzungen hinnehmen mussten, damit kaum etwas.

Aber: Bei Verhandlungen stehen sich immer zwei Seiten gegenüber. Wer verlangt, die Gewerkschaft solle ihre ursprünglichen Forderungen nahezu eins zu eins umsetzen, verkennt die Machtverhältnisse. Allerdings muss die Gewerkschaftsleitung sich vorwerfen lassen, Hoffnungen geweckt zu haben, die unerfüllbar waren. Das mag bei der Mobilisierung helfen, schafft aber auch Frust und provoziert Austritte.

Aber - auch wenn es abgegriffen ist - Gewerkschaften brauchen viele Mitglieder, die bereit sind, lange zu streiken. Wenn sie damit nicht drohen können, können sie wenig durchsetzen. Eben diese Drohung konnte ver.di nicht glaubhaft aufbauen, auch, weil gut organisierte Bereiche, wie Flughafenmitarbeiter oder Busfahrer, dazu in der Masse nicht bereit war. Das ist schade, aber Realitäten sind anzuerkennen.