Von Andreas Fritsche
13.04.2012
Brandenburg

Diagnosen für Babys und Senioren

Das Gesundheitswesen muss sich auf den demografischen Wandel einstellen

Das St. Marienkrankenhaus in Brandenburg/Havel sieht auf den ersten Blick gar nicht aus wie eine Klinik, eher wie ein durchaus gemütlich eingerichtetes Seniorenheim. Um die Mittagszeit liegen die Patienten nicht etwa in Schlafanzügen oder Nachthemden im Bett, sie sind auch gar nicht auf den Zimmern, sondern sitzen in kleinen Speisesälen an Tischen, essen und unterhalten sich. Die Männer und Frauen hier sind im Durchschnitt 82 Jahre alt. Das katholische Krankenhaus ist eine Fachklinik für Geriatrie. Gestern kam Gesundheitsministerin Anita Tack (LINKE) zu Besuch. Sie schaute auch im unweit gelegenen Städtischen Klinikum vorbei und besichtigte dort die Abteilungen für Frühgeborene und für Telemedizin. Im Schlepptau hatte die Ministerin etliche Journalisten. Denen wollte sie zeigen, dass die Menschen im Land Brandenburg medizinisch gut versorgt werden - vom Jüngsten bis zum Ältesten.

Das Gesundheitswesen muss sich auf einschneidende Veränderungen einstellen. Im Jahr 2020 wird jeder vierte Einwohner des Bundeslandes älter als 65 Jahre sein. Es wird dann gleichzeitig noch weniger Geburten geben und auch die Bevölkerungszahl schrumpft. Trotzdem müssen die Kliniken in der Lage sein, Patienten aus jeder Generation optimal zu behandeln.

»Unsere Krankenhäuser sind uns sehr wichtig«, sagt Gesundheitsministerin Tack. »Wir haben den politischen Anspruch, alle 53 Krankenhäuser zu erhalten.« Ab Januar 2013 soll die Finanzierung von Investitionen umgestellt werden. Fördermittel sollen dann nur noch pauschal fließen. Bisher musste Geld für jeden Neubau einzeln beantragt und bewilligt werden.

33 Millionen Euro kostet beispielsweise die Errichtung eines neuen Bettenhauses für das Asklepios-Krankenhaus in Schwedt. Ein nicht unerheblicher Teil des Geldes sind Fördermittel. Nicht zuletzt deswegen erwartet Ministerin Tack, dass bei der Inbetriebnahme des Bettenhauses im Oktober auch wieder die Kinderklinik öffnet, für die eine Etage reserviert ist. Wie berichtet, schloss das Asklepios-Krankenhaus die Kinderklinik wegen Ärztemangels auf unbestimmte Zeit. »Druckmittel haben wir nicht«, bedauert Anita Tack. Glücklicherweise schafft es das Städtische Klinikum Brandenburg, junge Ärzte zu gewinnen. Ein Mittel ist die monatliche Unterstützung in Höhe von 500 Euro für Medizinstudenten, die sich verpflichten, nach der Ausbildung im Klinikum zu arbeiten. Hilfreich sei auch ein gutes Betriebsklima, heißt es.

Ganz unproblematisch ist es trotzdem auch hier nicht, Kinderärzte dauerhaft zu binden. Meist sind die Kollegen Frauen und wollen sich irgendwann mit einer eigenen Praxis niederlassen, weil dies familienfreundlicher sei als der Schichtdienst im Krankenhaus, weiß Chefarzt Hans Kössel. Für den Doktor ist seine Frühchenstation der Beweis, dass auch kleine Einrichtungen dieser Art sehr gut sein können. Manchmal werden im Städtischen Klinikum zwar gleich fünf oder sechs Frühgeborene gleichzeitig betreut, manchmal aber auch kein einziges. Nur 17 Frühchen waren es im gesamten vergangenen Jahr. Und trotzdem: Die Überlebensrate liegt hier bei 91 Prozent und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die Medizin sei heute in der Lage, Neugeborene ab der 23. Schwangerschaftswoche durchzubringen, erklärt Kössel. Normal sind 40 Schwangerschaftswochen.

Gestern strampelte ein erst am Mittwoch geborenes Kind in seinem warmen Kasten. Mit im Zimmer liegt der kleine Maximilian aus Neuss bei Düsseldorf. Weil der Vater beruflich in der Gegend zu tun hat, wurde Maximilian am 28. März im Städtischen Klinikum Brandenburg geboren, seine Mutter war erst in der 34. Schwangerschaftswoche. »Ich würde immer wieder hier entbinden«, erzählt Maximilans Mutter. Nur dass die Heimat Neuss 600 Kilometer entfernt liegt, stört sie.

Doch im hiesigen Klinikum spielen Entfernungen nicht unbedingt eine Rolle. Es gibt eine Abteilung Telemedizin, die inzwischen 43 Patienten mit Herzinsuffizienz betreut und weiter wachsen möchte. Die Kapazität reicht für 250 Patienten. Die Betroffenen messen zu Hause selbst den Blutdruck, wiegen sich und schreiben ein EKG. Die Daten werden ins Klinikum übermittelt und dort ausgewertet. Verschlechtert sich das Befinden rapide, wird sofort reagiert, erläutert Oberarzt Thomas Benke. Die Telemedizin gilt vor allem als Ausweg für ältere Menschen auf dem Lande. In den Weiten Skandinaviens wurden damit gute Erfahrungen gemacht. In Brandenburg gibt es noch ein Finanzierungsproblem. Bisher zahlt die AOK als einzige Krankenkasse dafür.

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