14.04.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Zwei Buchen beim Zwiegespräch belauscht

Schön ist es, so dahinzurollen. Bei Steigungen hilft mir »Johann«, mein Akku. Aber nun habe ich mir eine Pause verdient. Ich stelle mein Dreirad an den Rand des Weges. Ich breite meine Jacke aus und lege mich für ein paar Minuten lang. Das bin ich meiner Wirbelsäule schuldig.

»Oma, kennst du den Unterschied zwischen Wirbelsäule und Rückgrat«, hatte mich mein Enkelsohn neulich grinsend gefragt. Als ich zurück lächle, antwortet er selber auf seine Frage: »Na, eine Wirbelsäule hat jeder.«

Aber jetzt schließe ich die Augen, höre nur noch in mich hinein. Stille. Herrlich! Doch viele Geräusche sind im Wald - über mir das Rauschen der Baumkronen, das Zwitschern der Vögel, neben mir das Rascheln, Knacksen, Wispern. Kaum zu glauben, wie vielerlei im Wald zu hören ist.

Den Kuckuck und den Zilpzalp kann ich verstehen. Bei den Meisen wird es schwieriger. Die Laubsänger verstehe ich überhaupt nicht. Doch was sagen die Mäuse und die Kaninchen, was die Borkenkäfer? Auch die verständigen sich. Was rauschen die Wipfel der Kiefern einander zu und was die Fichten? Langsam beginne ich zu verstehen, was da gesprochen und gewispert wird.

Die winzige Rotbuche fragt nach oben zur Krone ihrer Mutter: »Was lärmt da so entsetzlich? Das habe ich noch niemals gehört.« Die Buche rauscht aus der Krone hinab: »Das sind die Forstarbeiter mit ihren Motorsägen. Hab keine Angst! Die sind noch weit weg.« »Was machen die da? Warum lärmen die so? Das gefällt den Kaninchen sicher auch nicht; gerade, wo die jetzt Junge haben.« Der Keimling ist neugierig. Nachdenklich antwortet seine Mutter: »Die fällen Bäume. Die wollen die Baumstämme verkaufen und Geld dafür bekommen. Die Menschen brauchen das Holz.« Lange Pause. Dann erzählt die Buche weiter: »Aus dem Holz machen die Menschen Möbel für ihre Wohnungen und auch für ihre Gärten. Sie brauchen Balken für ihre Hausdächer; ja, sogar Streichhölzer mache sie daraus - und Papier.« »Was ist das, Papier?«, fragt nun Klein Buchchen zurück. Jetzt muss die alte Buche lange erzählen, wie aus den Baumstämmen Papier hergestellt wird und wozu. Wie viel Wasser dafür verbraucht wird. Wie viele giftige Chemikalien dazu gebraucht werden, die dann mit dem Wasser wieder abfließen. »Wohin fließt das Gift?« Aber das kann die Mutter Buche auch nicht erklären. Sie ist schließlich hier im Wald schon viele Jahrzehnte fest verwurzelt. Die junge Buche meint, dass doch die Mensch einmal aufhören müssten, Papier zu brauchen. Und sie fragt: »Kann man das Papier nicht immer wieder von neuem verwenden?« »Ja«, bestätigt Mutter Buche, »aber dazu wird viel Energie verbraucht und wiederum Wasser. Außerdem ist das Papier mit Druckerschwärze bedruckt. Die Menschen wollen doch weißes Papier.« Die Buche hatte aus Gesprächen von Wanderern erfahren, dass es in Heidenau ein Institut gibt, in dem die Wissenschaftler erforschen, wie man die Druckerfarbe wieder aus dem Papier herausholen kann. Für so ein Institut wird viel Geld gebraucht.

»Aber mach Dir keine Sorgen, mein Kind! Bald wird nicht mehr so viel Papier verbraucht. Die Menschen erfinden doch immer Neues. Im vergangenen Jahrtausend haben sie die Computer erfunden. Da können die Menschen ihre Briefe hinein schreiben. Inzwischen wurden nämlich auch Internet und E-Mail erfunden. Damit kann man die Briefe sogar weg schicken, ganz ohne Papier, einfach so, durch die Luft.« »Hier durch die Luft? Durch unseren Wald? Ich habe noch keinen Brief gesehen«, bemerkt die Kleine voller Empörung. Die Mutter belehrt sie: »Die kann keiner sehen. Und ob die Briefe hier zwischen den Bäumen herumfliegen oder über meine Krone hinweg, das weiß ich auch nicht.«

Buchchen wird nachdenklich. Aus der Krone aber kommen weitere Erklärungen: »Wichtig ist, dass die Menschen darüber nachdenken, warum sie Papier sparen und nicht die Bäume abholzen sollen. Die Menschen wissen das eigentlich schon lange. Im Biologieunterricht lernen sie, dass wir Pflanzen es sind, die den gesamten Sauerstoff produzieren, den sie für ihre Atmung, für die Benzinverbrennung im Auto und für viele andere Dinge brauchen. Und schon als Kinder haben die Menschen im Chemieunterricht gelernt, dass wir Pflanzen es sind, die das CO2 wieder verarbeiten, welches die Menschen und Tiere ausatmen und das von der Industrie und beim Autofahren produziert wird. Die Menschen würden ersticken ohne uns. Das Klima würde sich total verändern auf der ganzen Erde.«

»Und warum fällen die Forstarbeiter weiterhin Bäume? Wissen die das nicht?«, fragt die junge Buche. Die Mutter weiß nur einen Rat: »Es muss mehr Papier gespart werden. Alles, was ohne Papier möglich ist, müsste ohne Papier getan werden. Das hat nämlich auch noch einen großen Vorteil. Wenn so ein Brief per E-Mail ankommt, kann jeder Empfänger selber entscheiden, ob und in welchem Format er ihn ausdrucken will.« Buchchen wünscht sich einen Computer: »Dann würde ich an alle Menschen eine E-Mail schicken und ihnen erklären, warum sie Papier sparen sollen. Dann würde ich, wenn ich groß bin, nicht der Motorsäge zum Opfer fallen. Ich würde ewig grünen.« Doch da widerspricht ihr die alte Buche. Sie kennt die Alternative. »Wenn du sehr alt wirst, wirst du eines Tages sterben. Die Insekten werden dich fressen. Die Reste werden verfaulen und in die Erde gelangen als Pflanzennahrung.« »Au, fein!« freut sich der Buchenkeimling, »Da werde ich zu Nahrung für die Insekten und auch für die anderen Pflanzen.«

Ich steige auf mein Dreirad und radele nach Hause. »Was für eine Perspektive«, denke ich.

Helga Lorenz
01239 Dresden