Von Nora Korte
13.04.2012
nd-extra

Die Szene ist tot - es lebe die Szene

Wie die Berliner Clubs in den Sommer starten

Über den Dächern der Haupstadt Cocktails schlürfen, gepflegtes Abrocken im Ambiente der Goldenen Zwanziger oder mit einem kühlen Bier in der Hand Neuköllns Paradiesvögel beobachten: Berlins Nachtleben glänzt mit Vielfalt. Jetzt steht der Sommer vor der Tür und die Party-Metropole blüht auf.

Wenn Lena Karow tanzen will, fährt sie mit dem Fahrstuhl. Dieser führt in die 12. Etage eines Hochhauses am Berliner Alexanderplatz, wo sich das Berliner Szene-Publikum zu finnischen Minimal-Beats auf der Tanzfläche drängt. Die 27-jährige angehende Architektin steht mit ihren Freundinnen an der Bar und beobachtet das Treiben. Um zwei Uhr nachts ist es im »Weekend« brechend voll. Rechts neben Lena unterhält sich ein Pärchen auf den Polstern an der Fensterfront - die atemberaubende Aussicht auf die historischen Bauten an der Karl-Marx-Allee interessiert sie in diesem Moment nicht.

Wenige Straßen weiter schallt die schwedische Rockband »The Hives« aus den Boxen. »Hate to say I told you so«, brüllt die Menge im Chor. Das Konzert eines skandinavischen Hip-Hop-Künstlers ist seit einigen Minuten vorbei, das Publikum im »Roten Salon« tanzt ausgelassen. Für ein paar Stunden scheint der Semesteranfang in weite Ferne gerückt zu sein, die Gäste Anfang zwanzig sind mit ihren Gedanken offenbar woanders. Das Berliner Pilsener zu 2,80 Euro fließt in Strömen - drei schüchterne Jungs klammern sich auf den roten Sofas am Rand an den Flaschen fest. Sie werden noch drei trinken, bevor sie sich zu den Mädchen auf die Tanzfläche trauen.

Im Keller des Neuköllner »Fuchs und Elster« geht es schon heißer her. Marius flirtet mit einer spanischen Erasmus-Studentin, im Nebenraum tanzen rund 150 Menschen dicht gedrängt zu 60er Jahre Rock’n’Roll, es ist heiß und stickig. Um in den Keller zu gelangen, muss man eine gespenstisch leere Bar durchqueren, in der hintersten Ecke führt eine kleine Treppe nach unten. Noch immer ist es still. Öffnet man dann die Tür vor sich, ist man plötzlich mitten im Geschehen.

Drei Szenen einer Samstagnacht im April - kleiner Ausschnitt, was Berlin Wochenende für Wochenende zu bieten hat. Die viel zitierte Party-Hauptstadt lockt jährlich rund eine Million Neugierige und Liebhaber aus Deutschland und der ganzen Welt. Rund 400 Tanzveranstaltungen veranschlagen allein die gängigen Stadtmagazine - wohlgemerkt an jedem Wochenende. Viele Clubs und Bars, wie auch das »Fuchs und Elster«, wird man dort vergebens suchen. Und gerade im Sommer erblüht eine Party-Szene unter freiem Himmel, die in keinen Veranstaltungskalender passt. Mehr als einen Generator und einen Computer braucht es dazu nicht. Kleine Openair-Festivals gibt es in der Neuköllner Hasenheide, vielen anderen Parks oder auch schon mal in der S-Bahn. Meist sind sie genauso schnell verschwunden wie sie aufgetauchten. Viele Clubs wie das »Sisyphos« in Lichtenberg oder der »Club der Visionäre« in Treptow haben nur in den Sommermonaten geöffnet. Auch der Bar25-Nachfolger »Kater Holzig« nutzt im Winter nur einen kleinen Teil seiner Fläche. Alles scheint hier nur darauf zu warten, bis die ersten Sonnenstrahlen endlich das Startzeichen geben.

Derzeit wird aber drinnen gefeiert. Was ist das Besondere am Berliner Nachtleben? »Die Party-Szene hier ist heute so vielfältig wie nie«, sagt Lena Karow, während sie an der Bar auf ihren Cocktail wartet. »Ständig kommen neue Läden dazu, trotzdem haben die alt eingesessenen Clubs immernoch ihren Reiz.« Wie eben das »Weekend«, das seit sieben Jahren im ehemaligen Haus des Reisens, einem Hochhaus in der Alexanderstraße, residiert und eine der ersten Adressen für hochwertige Elektronikmusik ist.

Abseits der Elektro-Szene wird auch getanzt: Insbesondere der »Rote« und der »Grüne Salon« in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz sind für Berliner Indiependentszene und Konzert-Fans beliebte Anlaufpunkte. Das ungewöhnliche Interieur mit roten Samtvorhängen und Polstermöbeln versprüht Charme der dekadenten 20er Jahre. Auch die »Karrera-Klub-DJs«, seit über zehn Jahren das Aushängeschild Berliner Indiependent-Parties, gastieren hier regelmäßig.

Besonders in Neukölln und Lichtenberg werden derzeit Freiräume zurück erobert, deren Verschwinden in Mitte und Prenzlauer Berg bedauert wurde. Rund um den Hermannplatz entwickelte sich eine neue kreative Szene. In Clubs wie dem »Fuchs und Elster«, der »Loftus Hall« oder dem »Cube Club« in der alten Schultheiss Brauerei tanzt ein internationales Bohémien-Publikum zu Elektro, Swing oder osteuropäisch geprägten Balkanbeats.

»Natürlich ist es schade, dass in den letzten Jahren so viele Clubs zumachen mussten«, sagt Marius Ottis und nimmt einen Schluck von seinem Bier. Der 25-jährige Politikstudent, Stammgast im »Fuchs und Elster«, ist dennoch zuversichtlich. »Berlin lebt davon, dass immer wieder Neues entsteht.« Die Verbindung von alter und neuer Szene, die Mischung aus etablierten Clubs und junger Subkultur lässt es nie langweilig werden. »Das ist es was Berlin von anderen Städten unterscheidet,« findet Marius, »Auch ich als Einheimischer stolpere oft über neue Läden.« Vor allem erhält sich Berlin nach wie vor eine offene und freie Ausgehkultur. In der Vielfalt der Möglichkeiten kommt kein Musikgeschmack zu kurz. Die Eintritts- und Getränkepreise sind vergleichsweise moderat - ein wichtiger Faktor in der von Arbeitslosigkeit geplagten Hauptstadt. Das Berliner Nachtleben ist eine Marke, die die Stadt lebens- und liebenswert macht. Hier feiern durch alle Schichten und Altersklassen hindurch alle bis in den Morgen hinein

Im »Week-End« tanzen Lenas Freundinnen noch immer zu den dumpfen Bässen aus den Boxen. Lena ruht sich auf den Polstern an der Fensterfront aus und schaut fröstelnd zu, wie draußen die Sonne aufgeht. »Wer will da schon schlafen gehen«, sagt sie und verschwindet Richtung Tanzfläche.