Von Valentin Falin
14.04.2012

Parallelen und Paradoxien

Vor 90 Jahren schlossen Sowjetrussland und Deutschland den Vertrag von Rapallo

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Reichskanzler Wirth (2.v.l.) mit den Vertretern der russischen Seite: Krassin, Tschitscherin und Joffe

Es sind Abertausende Bücher über das 20. Jahrhundert geschrieben worden und doch ist die Geschichte dieses Säculums noch längst nicht gerecht und ausgewogen dargestellt. Es gibt viele Hypothesen und noch mehr Unterstellungen. Doch ein Schwarz-Weiß-Denken dient nicht einer Geschichtsschreibung, die sich als Wissenschaft von der Geschichte versteht und helfen kann, aus der Vergangenheit zu lernen, um eine Wiederholung von Fehlern oder Verbrechen zu vermeiden.

Dafür ist es wichtig, sich auch ernsthaft und unvoreingenommen mit der Geschichte des Vertrages zwischen Deutschland und Sowjetrussland zu befassen, der am 16. April 1922 im italienischen Rapallo unterzeichnet wurde. Dessen Philosophie ist auch in Büchern aus marxistischer Feder nicht ganz exakt beschrieben worden. Es wurde immer betont, dass dieser eine Grundlage für Beziehungen von Staaten mit verschiedenen Gesellschaftsordnungen geschaffen hat. Das ist nur zum Teil korrekt. Für die sowjetische Seite war von großer Bedeutung, wie sie aus der Isolation, aus der Blockade durch die Westmächte herauskommen könne und endlich als völkerrechtliches Subjekt anerkannt werden würde.

Wirths Vision

Für den deutschen Reichskanzler Joseph Wirth hingegen waren andere Motive ausschlaggebend. Für ihn war, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, der Rapallo-Vertrag ein wirkliches Friedenswerk. Zum ersten Mal in der Geschichte, unterstrich er, habe Europa die Chance für eine völlig neuartige Gestaltung der Beziehungen zwischen den Völkern, Nationen und Staaten. Er sah in diesem Vertrag das Fundament gelegt für eine Ordnung - nicht nur auf dem europäischen Kontinent - , in der es keine Sieger und Besiegte gibt, keine Unterordnung kleinerer Nationen unter größere, keine Diskriminierung von Völkern.

Eines der ersten Dekrete der Sowjetmacht war das Dekret über den Frieden, der Aufruf an alle kriegführenden Staaten, das Völkermorden zu beenden. Joseph Wirth berief sich aber nicht auf Lenin, sondern auf Papst Benedikt XV. Am 1. August 1917, also drei Monate vor der Oktoberrevolution in Russland, appellierte er angesichts der Leichenfelder an die zivilisierte Welt, sich nicht länger vom allgemeinen Wahnsinn hinreißen zu lassen, in den Abgrund zu rennen, kollektiven Selbstmord zu begehen. In diesem Sinne wollte Wirth einen Schlussstrich unter blutige Vergangenheit ziehen und plädierte für einen Neuanfang in Europa. Warum gelang dieser nicht? Dazu muss man zurückschauen, in das 19. Jahrhundert.

1898 schlug die russische Regierung vor, das Wettrüsten zu stoppen: Einfrieren der Militärausgaben, keine Neuentwicklungen von Mordwaffen, keine Anwendung von Gift usw. Auf der internationalen Konferenz in Den Haag akzeptierten die anderen Staaten jedoch nur die Forderung nach Nichtanwendung von Giftgasen. Die Briten, die Deutschen und Österreicher und zum Teil die Franzosen bildeten eine Front gegen Russland: Egal, wer dort regiert, Russland gehört nicht zu Europa, soll aus Europa verdrängt werden, zumindest bis an die Grenzen zur Zeit Zar Peter I. Das war allgemeiner Konsens im Westen. Der damalige deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow fragte: Warum soll Russland Zugang zum Schwarzen Meer und zum Baltischen Meer haben? Und die Briten arbeiteten zu dieser Zeit an einem Bündnis mit Japan. Dass es dann im Ersten Weltkrieg zu anderen Bündnissen kam, kann hier nicht näher erörtert werden.

Nur noch folgendes dazu: Im Panzerschrank in Stalins Arbeitszimmer befand sich bis zu seinem Tode die Niederschrift von einem Gespräch zwischen Churchill mit Otto von Bismarck, dem Enkel des gleichnamigen Reichseinigers und »Eisernen Kanzlers«. Churchill schalt die Deutschen, dass sie nicht alle ihre Kräfte gegen Russland eingesetzt hätten. Und sagte sodann, man müsse dafür sorgen, dass Russland ein rückständiges Agrarland bleibe und Europa mit billigen Lebensmitteln versorge. Man dürfe keine Maschinen für den Aufbau einer Industrie nach Russland exportieren, keine Technologie, schon gar nicht Waffen.

Doch zurück zu Rapallo. In diesem Freundschaftsvertrag beschlossen Russland und Deutschland, auf Kriegsentschädigungen zu verzichten (Art. 1) und die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen (Art. 3); zugleich wurde Meistbegünstigung im gegenseitigen Handel (Art. 4) fixiert. Entsprechend entwickelten sich im nachfolgenden Jahrzehnt die deutsch-russischen Beziehungen positiv. Der Vertrag bewies, es gab eine Alternative zu einer Politik der Konfrontationen.

Bemerkenswert ist, dass es knapp ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des Rapallo-Vertrages, im November 1922, zu einem ersten Kontakt von Vertretern der USA mit Hitler kam. Die Nazis bekamen von den Amerikanern Geld. Ernst Hanfstaengl, der in Harvard studiert hatte, versteckte nach dem misslungenen Putschversuch von 1923 Hitler in seiner Villa bei München, in Uffing am Staffelsee, und gab auch dessen »Mein Kampf« heraus. Und er vermittelte außerdem einen Kontakt zwischen Hitler und Churchill.

Drei Jahre nach Rapallo, im Jahr 1925, kam es nicht von ungefähr zu den Verträgen von Locarno, mit denen Regelungen des Versailler Vertrages aufgehoben wurden und Deutschland Mitglied des Völkerbundes wurde. Offen ließ man die Grenzen gen Osten. Mit Locarno begann ein verhängnisvoller Prozess.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler in Deutschland. Er war gerade mal anderthalb Monate im Amt, da präsentierte er den Entwurf für einen Vierer-Pakt: Briten, Franzosen, Deutsche und Italiener sollten künftig über alle Fragen in Europa entscheiden; ausgeschlossen waren die Sowjetunion und die allerdings wahrlich nicht zu Europa gehörenden Vereinigten Staaten. Die kleineren europäischen Staaten sollten Schachfiguren auf dem Spielbrett dieses Quartetts sein. Die Französische Nationalversammlung hat dies nicht akzeptiert. Aber der Geist war schon aus der Flasche. Die späteren Abkommen, wie das Münchner von 1938, waren schon 1933 programmiert.

Vergessene Opfer

Der Vierer-Pakt kam nicht zustande. Im September 1933 trat Deutschland aus dem Völkerbund aus. Japan hatte diesen bereits verlassen und führte schon zwei Jahre Krieg gegen China. Man sagt, der Zweite Weltkrieg habe mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Japaner schon etwa 20 Millionen Chinesen getötet. Die Verluste Chinas waren die größten im Zweiten Weltkrieg: 35 Millionen Menschen. In welcher Statistik tauchen sie auf? Wo sind die Opfer von Vietnam, Indonesien, Birma und den Philippinen? Wo die etwa 600 000 in den Jahren 1936 bis 1939 von Franco und seinen Waffenbrüdern Hitler und Mussolini getöteten Spanier? Das ist für die westliche Geschichtsschreibung Nebensache - leider bis heute.

Wie verhielt es sich nun aber mit dem Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August 1939? 1988 nahm ich an einer Konferenz in Warschau teil. Ich fragte die polnischen Historiker: Gab es für die Sowjetunion damals eine Alternative? Die einstimmige Antwort: Nein, Stalin hatte keine Wahl. Alle Versuche, mit den Franzosen, Briten, Amerikanern und Polen ein Bündnis gegen Hitler zu schließen, waren gescheitert.

Die Parallelen in der Geschichte sind manchmal so augenscheinlich wie paradox: Hitler sagte: Die Existenz der Sowjetunion, egal wer dort regiert, Zaren oder Bolschewiki oder sonst wer, ist nicht vereinbar mit den Interessen und der Sicherheit des Deutschen Reiches. 1946 wurde in Washington ein Beschluss gefasst, der besagte: Egal welche Politik in Moskau betrieben wird, die Existenz der Sowjetunion ist nicht vereinbar mit den Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten. Auf dem Schreibtisch des US-Generals und Präsidenten Dwight Eisenhower gelangten mindestens drei Mal Entwürfe von Angriffsbefehlen gegen die Sowjetunion. Da wurde auch schon einkalkuliert, dass beim erstem Schlag 60 bis 70 Millionen Sowjetbürger sterben.

Keine Wahl

Man schiebt Stalin die Spaltung Deutschlands und Europas in die Schuhe. Ich bin kein Stalinist, kann es nicht sein, allein aus familiären Gründen, aber auch aus politischer Überzeugung nicht. Und doch muss ich zu Stalins Verteidigung sagen: Er hatte keine andere Wahl, denn man ließ ihm keine Wahl. Alle sowjetischen Vorschläge nach dem Krieg - freie gesamtdeutsche Wahlen und Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland etc. - wurden vom Westen und von Bundeskanzler Konrad Adenauer abgelehnt. Ich kann nur empfehlen. das Buch des Historikers Wilfried Loth »Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte« (1994) zu lesen. Es enthält die Aufzeichnungen von Wilhelm Pieck über Gespräche mit Stalin von 1945 bis 1952. Aus ihnen geht eindeutig hervor, dass die Spaltung Deutschlands den strategischen Interessen der Sowjetunion widersprach. Stalin wollte keine sozialistischen Experimente in der Ostzone, und die DDR hat er hingenommen, weil der Westen ihm keine Wahl ließ.

Über Jahrhunderte meinte man im Westen, dass Russland nicht zu Europa gehört und von europäischen Angelegenheiten ferngehalten werden soll. Diese Ansicht gibt es heute noch. Deshalb sollte man sich vor allem in Deutschland positiv an Rapallo und Joseph Wirth erinnern.

Valentin Falin, Jg. 1926, gehörte 1950/51 dem Stab der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland an; er war Berater von Chruschtschow, Gromyko und Gorbatschow. Der studierte Germanist war an den Verhandlungen zum Moskauer Vertrag mit der Bundesrepublik 1970 beteiligt und sieben Jahre Botschafter in Bonn. Der hier veröffentlichte Text stützt sich auf ein Referat, das er unlängst vor den Berliner Freunden der Völker Russlands hielt.

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