Von Stefan Otto
14.04.2012

Neuer Geist für alte Klinik

Aus einem maroden Sanatorium soll eine Kultur- und Bildungseinrichtung entstehen

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Die alte Lungenklinik am Grabowsee ist ein geisterhafter Ort, an dem nachts die Käuze und Uhus zu hören sind.

Manchmal ist es das Unfertige, das einen Ort attraktiv macht. Wenn es den Gedanken Platz lässt, sich vorzustellen, was dort einmal entstehen kann. Oder, wie im Fall der alten Lungenklinik am Grabowsee, wie es dort einmal gewesen sein muss - als das großzügige Backsteinensemble noch ein Sanatorium für Tuberkulosekranke war, denen frische Luft und viel Ruhe verordnet wurden; als auf den Balkonen noch Liegestühle standen und man den Blick über eine Parklandschaft schweifen lassen konnte.

Jetzt zieren Staub und Scherben die gekachelten Fußböden. Die Metallstützen der Glasdächer haben rostige Löcher und drohen einzuknicken. Birkensprösslinge finden mit ihren Wurzeln Halt im Mauerwerk, und hinter den Garagen, die sowjetische Soldaten errichteten, hat ein Dachs seine Höhle gebaut. Länger als vier Jahrzehnte nutzte die Rote Armee das Gelände. Seit ihrem Abzug 1991 liegt es nun brach. An ein Sanatorium erinnert heute fast nichts mehr, denn inmitten des Niedergangs der Architektur hat sich die Natur in den letzten zwei Jahrzehnten das weitläufige 35 Hektar große Areal wieder angeeignet.

Diese verwilderte und bisweilen unheimliche Geisterstadt mitten im Wald unweit von Oranienburg ist für Bernhard Hanke zur Lebensaufgabe geworden. Zusammen mit dem Verein Kids Globe, dessen Vorsitzender er ist, will er das Gelände wieder mit Leben füllen und eine Kinder- und Jugendakademie aufbauen. »Wir wollen Studios für Musik und Theater errichten, Werkstätten für Geschichte, Medien, Energie und Bildende Kunst«, erzählt der 50-jährige drahtige Mann mit einem prägnanten bayerischen Akzent. Auch die Gärtnerei will Kids Globe wieder zum Leben erwecken. Schulklassen sollen an den Grabowsee kommen und an Projekten teilnehmen. »Wir wollen mit unserer pädagogischen Arbeit das Potenzial jedes einzelnen Kindes kennenlernen und bei dessen Entwicklung helfen«, sagt Hanke. Lange Jahre baute der Landschaftsgärtner-Meister gemeinsam mit Schülern Spielplätze in Freiburg.

Bisweilen holt Bernhard Hanke weit aus, wenn er von seinen Ideen erzählt. Dann verweist er häufig auf den Anthroposophen Rudolf Steiner oder zitiert den ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela. Stets endet ein solches Brainstorming damit, dass eben dieses Gelände am Grabowsee ein idealer Ort für das Vorhaben von Kids Globe sei. Die Nähe zu Berlin ist ihm wichtig, um gut erreichbar zu sein, und dennoch liegt das Gelände abgeschieden auf einer Halbinsel. Er lässt sich auch nicht davon beirren, dass fast alle der rund 30 Häuser, Schuppen und Garagen mittlerweile marode sind. Die Keller seien noch durchweg trocken und die Dachstühle in einem besseren Zustand als auf dem ersten Blick sichtbar, hält er dagegen.

Das verlassene Areal wiederbeleben

Aufmerksam auf das Gelände wurde Hanke durch einen Auktionskatalog, in dem die ehemalige Klinik zum Verkauf stand. Das war vor acht Jahren. Auf einem Luftbild sah er die Hauptgebäude in einem weitläufigen Rechteck. Das weckte sein Interesse. Doch ehe der Verein näher über einen Kauf nachdenken konnte, war das Gelände bereits unter dem Hammer. Heinz Müller, Geschäftsführer der Berliner Firma GTT Telekom, kaufte das Areal. Seitdem ruht still der Wald. Müller schimpft zwar über die Metalldiebe, die auf dem Gelände Dachgauben herausrissen und Geländer im Treppenhaus abflexten, doch er überlässt die Gebäude seit Jahren dem Verfall. Hanke begriff diese Untätigkeit des Eigentümers als Chance. Kurzerhand zog er nach Oranienburg, um das Projekt vor Ort voranzubringen.

Zweifelsohne ist Hanke der Kopf von Kids Globe. Er zieht die Fäden und treibt die Vision einer Jugendakademie voran. Zusammen mit Architekten, Stadtplanern und Pädagogen hat er ein Konzept entworfen, das als Grundlage für die Entwicklung auf dem Gelände dient. Immer wieder hält er auch Rücksprache mit den zwei Dutzend Vereinsmitgliedern, um auch ihre Fertigkeiten und Kenntnisse für das Vorhaben zu nutzen.

Dieser rastlose und selbstlose Aktionismus hat offenbar auch den Eigentümer Heinz Müller beeindruckt: Er lässt Kids Globe mittlerweile auf dem Gelände gewähren. Überdies zeigt er sich verkaufsbereit. Als Summe stehen mehrere Millionen Euro im Raum. Auch mit der Stadt Oranienburg gelang es dem Verein, im Februar eine Übereinkunft zu treffen. Die Stadtverwaltung schloss mit ihm als potenziellen Investor für das Gelände einen städtebaulichen Vertrag ab. »Ein Bebauungsplanverfahren ist bereits eingeleitet worden«, erzählt Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke. Die Stadt wolle Kids Globe entgegenkommen. Schließlich genieße das Vorhaben viel Sympathie bei den Bürgerinnen und Bürgern. Wenngleich der Sozialdemokrat anmerkt, dass nur wenige an eine Umsetzung dieses Millionenprojektes glauben.

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Bernhard Hanke will mit dem Verein Kids Globe in der alten Lungenklinik eine Kinder- und Jugendakademie aufbauen. Zweifelsohne ist das ein Mammutprojekt, für das mehrere Millionen Euro nötig sind. Böse Zungen behaupten, Hanke warte auch in zehn Jahren noch auf den reichen Onkel aus Amerika. Doch jetzt scheint das Projekt voranzukommen: Die Stadt Oranienburg hat ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet, und Kids Globe organisiert erste Veranstaltungen auf dem Gelände.

Bernhard Hanke weiß um die Skeptiker, doch er schert sich nicht um sie. Vielmehr versucht er, mit Kulturveranstaltungen das Gelände zu beleben. Am ersten Augustwochenende wird ein elektronisches Musikfestival am Grabowsee stattfinden. Drei Tage unter freiem Himmel, die historischen Gemäuer als Kulisse. Die Vorbereitungen laufen bereits in enger Kooperation mit den Berliner Organisatoren des Festivals, das im vergangenen Jahr unter dem Namen »Luft und Liebe« im Plänterwald stattfand. Auf dem Innenhof der Hauptgebäude schafft Bernhard Hanke zusammen mit dem 23-jährigen Matthias Schultrich Platz für die Tanzflächen. Denn längst sind aus den Hecken stattliche Büsche geworden, und unzählige Kiefern- und Lindenbäume haben sich von selbst ausgesät. Von der einstigen Parkanlage zwischen den Kurhäusern ist nichts geblieben.

Urbane Kultur in der Natur

Mit Astscheren beschneiden die beiden Männer den Wildwuchs. Schultrich kennt den Grabowsee weitaus länger als Hanke. Zusammen mit seinen Freunden strolchte er schon als Jugendlicher mit Airsoft-Waffen über das ehemalige Kasernengelände. Die leeren Gebäude waren ideal für das militärische Nahkampfspiel. »Als Bernhard auf uns stieß, vermutete er nichts Gutes«, erinnert sich Schultrich. Hanke habe sie für Vandalen gehalten und kurzerhand vom Gelände geschmissen, obwohl er dafür keinerlei Befugnis hatte. Das war vor acht Jahren. Mittlerweile studiert Schultrich soziale Arbeit und ist selbst Aktivist bei Kids Globe. »Uns verbindet, dass wir zusammen etwas unternehmen«, sagt Hanke heute. Für ihn zählt das gemeinsame Handeln.

Nach Kräften versuchen Unterstützer von Kids Globe, auf das Ambiente der versunkenen Klinik aufmerksam zu machen. Ein erstes Ausrufezeichen setzte der Verein im vorigen Jahr, als das Streetart-Happening »Art Base« am Grabowsee stattfand. 120 Künstler waren auf dem Gelände und gestalteten die Häuserfassaden. Begleitend dazu gab es Performances und Livemusik. 3000 Besucher kamen zur Lungenklinik und erlebten urbane Kunst in der Natur.

Erstmals gelang es Kids Globe, den alten Gemäuern Leben einzuhauchen. Daran will der Verein nun anknüpfen. »Meinetwegen könnte hier an jedem Wochenende was los sein«, sagt Schultrich und erläutert die Strategie hinter diesem Party-Aktivismus: Mit möglichst unterschiedlichen Kulturevents will Kids Globe auf sein Vorhaben aufmerksam machen, um prominente Fürsprecher und neue Fördermitglieder zu gewinnen.

Den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog haben sie bereits erreicht. Er trägt die Schirmherrschaft für Kids Globe, und auch der Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler, der sich für den Aufbau der Dresdner Frauenkirche eingesetzt hat, unterstützt das Projekt. Darüber hinaus steht Hanke in Kontakt mit Katharina Wagner, der Opernregisseurin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele. Mit ihr würde er gerne eine Oper auf dem Gelände veranstalten.

Als Hanke in einem Bürocontainer nahe dem Eingang zur Lungenklinik am Tisch sitzt und ein Butterbrot isst, redet er von den Unwägbarkeiten, die sein Vorhaben mit sich bringen. Manchmal wisse er nicht, welcher Kontakt ihm die nächste Tür öffnet, welcher Schritt der kommende sei, um an das Geld für den Kaufpreis zu kommen. »Wir suchen keinen Investor«, erklärt er, »sondern einen Mäzen, der unser Vorhaben unterstützt.« Damit steht und fällt die Idee, das weiß er. Aber Geld gebe es genug auf der Welt, gibt er zu bedenken. Und bei Wohlhabenden sieht er durchaus eine Tendenz, sich gesellschaftlich einbringen zu wollen. »Kids Globe ist ein Engagement wert«, sagt er konstatierend wie werbend. Bernhard Hanke zweifelt nicht. Sein Optimismus ist unerschütterlich.