14.04.2012

Eskalation bei Koranverteilungen befürchtet

Salafisten wollen ihre Geschenkaktion fortsetzen - auch wenn Rechtspopulisten provozieren

Die Debatte um die Koranverteilung radikalislamischer Salafisten heizt sich weiter auf. Eine rechtspopulistische Splitterpartei startet einen »islamkritischen Karikaturenwettbe- werb«. Bei Sicherheitsexperten wächst die Sorge.

Berlin (dpa/nd). Angesichts der Koranverteilung radikalislamischer Salafisten wächst die Sorge vor einer Eskalation. Sicherheitsexperten äußerten am Freitag die Befürchtung, dass sich das politisch-religiöse Klima gerade vor Moscheen aufheizen könnte. Die rechtspopulistische Splitterpartei Pro NRW hatte zur Landtagswahl im Mai zu einem »islamkritischen Karikaturenwettbewerb« aufgerufen. Die Ergebnisse sollen vor Moscheen ausgestellt werden.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) kündigte bereits an, das Vorhaben der verfassungsfeindlichen Partei - wenn möglich - zu verhindern. Die Veröffentlichung von zwölf dänischen Mohammed-Karikaturen hatte 2005 in der islamischen Welt zu teils gewalttätigen Protesten geführt.

Salafisten wollen an diesem Wochenende erneut in mehr als 30 deutschen Städten Koran-Exemplare kostenlos verteilen. Die angeblich geplanten rund 25 Millionen Bücher sollen auch in der Schweiz und Österreich sowie über das Internet verteilt werden.

Die Bundesregierung reagierte besorgt. »Das Bundesinnenministerium nimmt die aktuellen salafistischen Bestrebungen sehr ernst«, sagte ein Ministeriumssprecher. Die Salafisten seien seit geraumer Zeit im Visier der Verfassungsschutzbehörden und würden seit Ende 2010 auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln beobachtet. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte vor der Aktion. »Es geht hier um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. Der Koran ist nur ein Vehikel«, sagte Behördensprecher Bodo W. Becker dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Sicherheitsbehörden wollen die Verteilungen beobachten. Sie könnten aber nur verhindert werden, wenn sie im Zusammenhang mit Straftaten stünden oder Ordnungswidrigkeiten vorlägen, wenn also etwa die Aktionen nicht behördlich genehmigt seien.

Ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wies darauf hin, dass im Islam jedes Koran-Exemplar eine große Bedeutung habe. Das Buch dürfe nach der Annahme nicht einfach auf den Boden gelegt werden. »Das ist für Muslime völlig undenkbar. Das sollten die Leute wissen, die das annehmen.«

Die Salafisten: radikal und islamistisch

Der Salafismus ist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ein Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten und hat in Deutschland rund 2500 Anhänger. Salafisten befürworten einen Ur-Islam und lehnen jede theologische Modernisierung ab. Salafisten vertreten diskriminierende Positionen gegen Frauen und bestehen auf deren Vollverschleierung. Sie wollen eine Gesellschaft nach den Regeln der islamischen Rechtsordnung Scharia.

Fast alle Islamisten aus Deutschland oder in Deutschland, die den Dschihad befürworten oder sich ihm angeschlossen haben, sind nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden mit dem Salafismus in Berührung gekommen. Auch die terroristische Sauerland-Gruppe stand unter salafistischem Einfluss. Zu den bekanntesten Vertretern hierzulande gehört Pierre Vogel (33), ein deutscher Konvertit. Der radikal-islamische Verein »Einladung zum Paradies« in Mönchengladbach war ein salafistisches Zentrum, hat sich aber aufgelöst. Solingen gilt als weitere Hochburg. Die salafistische Propaganda richtet sich an junge Muslime in einer schwierigen Lebenssituation und an junge Nicht-Muslime mit dem Ziel, sie zur salafistischen Strömung des Islam zu bekehren. (dpa/nd)