Von Brigitte Zimmermann
17.04.2012

Flattersatz

Voll in der Tinte

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Es ist schwer zu erklären, warum manche nützlichen Dinge kein durchgängig gutes Ansehen haben. Nehmen wir als Beispiel die Tinte, die zuletzt im Zuge einer aufgeplusterten politischen Debatte zum Kollateralschaden gekommen ist. Dabei verdanken wir das halbwegs Beständige, das wir in dieser verdrehten Welt zu wissen glauben, nicht zuletzt dieser Flüssigkeit. Mit dem gefärbten Wasser wurden über Jahrhunderte Geistesblitze und Forschungsergebnisse festgehalten, Alltagserfahrungen gesichert und künstlerische Meisterwerke für die Unsterblichkeit bewahrt. Aber die Tinte als bitte schön buchstäblicher Leistungsträger hat wenig Ruhm davon zurückbehalten. Manche Verträge, heißt es abwertend, wären nicht mal die Tinte wert, mit der sie geschrieben sind. »Vor Tinte fürchtet sich der Teufel«, dichtete Schiller. Und »in der Tinte sitzen« gehört laut Volksmund zum Übelsten, das vorkommen kann.

Eines Tages, Goethe war wohl schlecht drauf, er werkelte gerade an »Faust«, tauchte er seine Feder gereizt ins Tintenfass und brachte ein paar Zeilen zu Papier, die auch als kritische Selbstbefragung gelesen werden können: »Und sehet nur, für wen Ihr schreibt! Wenn diesen Langeweile treibt, kommt jener satt vom übertischten Mahle, und was das Allerschlimmste bleibt: gar mancher kommt vom Lesen der Journale.« Der Tinte als frühem Transmitter sei Dank, denn so wissen wir: Die meisten Medien waren schon immer schlimm und stehen nicht erst heute der Aufnahme wesentlicher Dinge im Wege.

Beim Durchsehen aktueller Journale ist nicht zu überlesen, dass die Tinte erneut und auf leicht mystische Weise herabgesetzt wurde. Ein in Form und Inhalt stellenweise etwas verrutschtes Gedicht sei »gealtert und mit letzter Tinte« geschrieben, heißt es darin. Letzte Tinte! Was wollte uns der Dichter damit sagen?

Da das Anzeigen materieller Not ausgeschlossen werden kann - meine Tinte ist alle, wäre literarisch wirklich nicht tragfähig -, zielt das Ganze wohl in Richtung letzte Patrone, Tintenpatrone selbstverständlich. Will heißen, es folgt jetzt ein Kracher, und es könnte eventuell bereits der vorletzte sein. Ein sachlich bedenkenswertes Anliegen dramaturgisch gleich noch mit dem Endzeit-Modus aufzuladen, kommt vom häufigen Lesen der Journale. Der Dichter kennt die, für die er schreibt. Es sind vorzugsweise die gedankenfixen und teils volksfernen Feuilletonisten und die immer sprungbereiten Wadenbeißer in allen Parteiungen des In- und Auslandes. Er weiß genau, dass diese, bei Mangel an Steilvorlagen, gelegentlich Langeweile treibt. In solchen Kreisen hält man nämlich Agendasetting - Lostreten von öffentlichen Debatten - für ein hohes Qualitätsmerkmal, ob sie nun der Wahrheitsfindung dienen oder nicht.

Wer unter diesen Umständen nicht nur altert, sondern fuchsschlau wird, bedient die Erwartungen dieser Meute gelegentlich, indem er eben die Tinte mal ganz dick aufträgt, im Zweifel auch die letzte. Und er stellt die ganze Kamarilla damit gleichzeitig bloß. Weil das ernste Thema des Gedichts ja kein neues ist und schon längst kontrovers hätte diskutiert werden können. Doch stattdessen wurde beispielsweise monatelang das »Wulffen« tag- und abendfüllend durchgehechelt.

Von der Tinte lässt sich sagen, dass sie nützlich bleibt und trotzdem weiter wird herhalten müssen. Wenn sich manche Menschen bei steigender Sonne freimachen, legen ihre oft unolympischen Körper dank Tintenhilfe eine journalmäßige Zurichtung offen. Gedichte liest man aber selten. Zu kompliziert.