Von Sebastian Blottner
19.04.2012

Ist das noch Punkrock?

die ärzte, beste Band der Welt, und ihr neues Album »auch«

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Bester werden ist nicht schwer, Bester sein dagegen sehr, könnte man in Abwandlung eines bekannten Bonmots über die Vaterrolle sagen. Die selbstgekürte »beste Band der Welt«, die (immer klein geschriebenen) ärzte, können davon ein Lied singen, besser gesagt Dutzende. Man darf ehrlich zugeben, dass ihnen dass bisher noch immer in äußerst amüsanter Manier gelungen ist, nichtsdestotrotz müssen sie sich auf ihrem neuen Album »auch« ganz schön strecken, um den selbst definierten Ansprüchen gerecht zu werden.

Nach 30 Jahren Rock 'n' Roll oder auch Punk muss sich ja einfach auch die Frage stellen: Ist das noch Punkrock? Gut, wenn man das selbstironisch tut, gleich im ersten Song, in dem es um Ikea-Küchen, Beziehungen und das ausbleibende Erscheinen zur 1.-Mai-Demo oder dem Saufabend mit Kumpels geht. Der Song an sich ist, was er in Frage stellt, hier punkrocken die ärzte gleich zu Anfang in ihrer allseits beliebten Manier dem Hörer in die Fresse.

Das Stück steht allerdings wohl nicht zufällig ganz oben in der Liste. Der erste Eindruck ist bekanntlich der wichtigste und mit »Ist das noch Punkrock?« ist der vielleicht beste Song des Albums nach knapp drei Minuten schon wieder vorüber. Geschmackssache, sicherlich. Es kommen auch noch ein paar Knaller, wie zum Beispiel das auf die legendären (und für die nun startende Tour 2012 jetzt praktisch schon ausverkauften) Live-Orgien ausgelegte »TCR«, in dem die ärzte klarstellen, was ihre Fans sowieso nie bezweifeln würden: Wir kümmern uns um den Rock, um das Hey Hey, das Auf- und Abspringen und so weiter.

Ansonsten geht es in den ärzte-Sottisen wieder um Männer, Frauen und andere Alltagsprobleme. »Tamagotchi« erinnert an ein Phänomen aus den neunziger Jahren, in »Bettmagnet« wird die fesselnde Rolle des Fernsehgerätes besungen, in »Freundschaft ist Kunst« hat sich jemand verändert und hängt nun »mit Künstlern rum« - man sieht, die ärzte werden tatsächlich auch nicht jünger.

Neben typischen Geradeaus-Rockbrett-Nummern drängen sich zwischen den gewohnten Gitarrenriffs auf »auch« häufig Synthesizer und sogar Streicher in die Ohrmuscheln - das kommt mitunter fast ein bisschen mainstreamig rüber. Aber Punkrock ist ja neben einer musikalischen Sparte auch eine Haltung. Die kann man den drei Musikern Bela B, Farin und Rod trotz Business-Kompromissen kaum absprechen, die daraus resultierende Freiheit des Faxenmachens macht das Album, ohne dass es besonders heraussticht aus der ärzte-Diskographie, doch wieder sehr sympathisch.

Die relativ aufwendige Aufmachung ist die einer Spielebox. In einem Plastetütchen finden sich drei Bierdeckelspielfiguren mit den Anfangsbuchstaben der Bandmitglieder, auf dem Booklet sind einerseits die Texte und andererseits ein Spiel abgedruckt, man darf sich durch die Trackliste würfeln und lustige Aufgaben übernehmen. 120 Sekunden headbangen zum Beispiel oder überflüssige Freunde aus den Handykontakten löschen. Wer am Ziel ist, kann sich wieder dem widmen, was er eigentlich vorhatte und woran die ärzte in »ZeiDverschwÄndung«, kurz bevor das Album endet, extra häufig erinnern. Das war nämlich, »die ärzte zu hören«. Schließlich sind sie die beste Band der Welt.

Die Ärzte: auch (Hot Action Records / Universal)

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