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Stefan Amzoll
21.04.2012

1300!

Berliner Philharmonie: Joseph Haydns »Nelson Messe« - ein Massenchor!

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So schroff gerät wohl selten ein Kontrast. Zwei Chorwerke stehen zu Buche. Das eine, »Song of Immortality« mit Streichorchester, der US-Amerikaner Eric Whitacre komponierte es auf Texte von Dylan Thomas und Emily Dickinson, ein ernstes, auf Chromatik, Akkordballungen und Seufzerklänge rekurrierendes Werk, voll Trauer und poetischer Kraft. Das andere ein Massensingen auf eine Wiener klassische Komposition, in einer Form geboten, die verunsicherte: Ist es noch Haydns »Nelson-Messe« oder befindet man sich wie im Traum in der Waldbühne, dort, wo an warmen Tagen Chöre und Orchester auftreten und bisweilen alles überdecken, was an edle, konstruktive Mittelstimmen nur erinnert?

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Zur besseren Orientierung ...

Mindestens zwei Extreme gibt es in der Auffassung von Interpretation barocker Klassik. Einmal die äußerste Zurücknahme, das Schrumpfen des vom Komponisten festgelegten (oder auch nicht festgelegten) Instrumentariums auf ein Minimum, also nicht zehn Violinen in der Begleitung bei einem Bach-Konzert, sondern lediglich zwei, wie es Franz Brüggen mit seinem Ensemble des 18. Jahrhunderts macht. Zum anderen das genaue Gegenteil dessen: die Bevorzugung des Überdimensionierten, Mächtigen. Etwa, wenn einem Dirigenten in Wien einfällt, aus Mahlers »Symphonie der Tausend«, der achten, eine »Symphonie der Fünftausend« zu machen. Wir winden dir den Liederkranz zuhauf. Alles möglich. Noch das Scheußlichste.

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Anders der Nachmittag mit dem Rundfunkchor Berlin, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, vier Solisten und Chören. Es nennt sich Mitsingkonzert, spannt also Massen ein, hat das in zehn Saisons schon je einmal erprobt und darf inzwischen registrieren, dass diese Mitsinge-Veranstaltungen Kreise ziehen.

Simon Halsey, Chef des Rundfunkchores Berlin, geht an solche Supervorführungen enorm gelaunt heran. Die Probe der Haydn-Messe enthüllte es, sie schien bald interessanter als der Nachmittag, wo es dann vor Publikum ernst wurde. Das Gros des Philharmonie-Saales ist von den Sängerinnen und Sängern besetzt. Unten, Oben, ganz oben, rechts, links. Ein Riesengemisch aus Weib und Mann (Männer allerdings viel weniger). Halsey, der schlanke, lange Kerl mit der Brille, ganz in seinem Element. Er mag die Blätter der Partitur gar nicht mehr umwenden, so sehr hetzt ihn das Temperament. Natürlich dirigiert er das grandiose Haydn-Werk, das mit Admiral Nelsons Siegen, wenn überhaupt, nur sehr vermittelt zu tun hat, auswendig.

Keine Kunst. Die »Nelson-Messe« ist eingängig, klar gegliedert. Der Chorsatz hat feste instrumentale Fundamente. Jeder bessere Laie dürfte sie nachsingen oder innerlich hören können, wenn er das knapp vierzigminütige Stück zehn Mal gehört hat. Aber das ist nicht der Punkt. Vielmehr fällt die Körpersprache ins Gewicht. Chorleiter Halsey tanzt regelrecht, dreht sich um sich selber, hüpft, schwingt die Arme weit aus, geht in die Knie, als würde er sich vor der Sopranistin Iwona Sobotka, dieser bedeutenden Sängerin aus Polen, der besten von den Solistinnen, verbeugen wollen. Und Halsey, kein Perfektionist, aber in dem, was sein Metier betrifft, begeisterungsfähig und zu allen Schandtaten bereit, die den Chorgesang voranbringen. Halsey singt wie viele seinesgleichen notwendigerweise, während er dirigiert, einzelne Stimmen mit, Melodieverläufe nachzeichnend, Haupt- und Solostimmen oder Stimmen inmitten des dichteren Satzes verdeutlichend.

Das Phänomen ist: fast im gleichen Atemzug erläutert er hektisch gestikulierend, sprechend, vokalisierend, wie dies oder jenes, das da noch nicht recht sitzt, auszuführen sei. Ein Mann, dem, wenn es ums Vormachen geht, nichts fremd scheint, der sich biegt und windet und blitzschnell schaut und wie die Katze die Ohren spitzt, wenn durchs Gras ein Käfer streift.

Herrlich sodann, Simon Halsey in seinem englisch gefärbten Deutsch zu hören, als würde ein vornehmer britischer Kardinal sinnenfrohe Luther-Texte parlieren. Bei all dem springt der Funke natürlich über. Der je Einzelne ist, so scheint es, entzückt. Die agglomerierte Masse enthusiasmiert. Ob die Sänger(innen) darauf genauer ausführten, was in den Noten steht, bleibe dahin gestellt. Im besten Fall jedoch entfacht der Dirigent Halsey ihre Musikalität, objektiviert diese, schweißt die Unzahl der Subjekte zur Einheit. Was natürlich auch seine Probleme hat.

Die Mitsingkonzerte sind gewiss eine schöne Sache, vor allem für die Amateure. Jene, die teils von weit her kommen und mitmachen, machen ungeheuer gern mit. Das sagt die bisherigen Erfahrung. Aber die Überdimension ist kaum hinnehmbar, vor allem musikalisch. Auf empfindliche Ohren wirkt sie grob, dem Haydn ungemäß. Nicht selten schien es, als käme das Orchester gänzlich außer Funktion.

Nur teilweise half die Aufteilung der chorischen Frauen- und Männerstimmen, die Wucht etwas zu lindern. Sopranstimmen etwa liefen geteilt, sukzessive kamen im »Credo« Sequenzen und Phrasenwiederholungen im Rechts-Links-/ Vorn-Hinten-Schema. Anders, sobald die Soli ohne Chor kamen, nur begleitet vom Orchester. Das strapazierte Ohr konnte endlich etwas entspannen und dem Solistenquartett mit dem wundeschönen Sopran der Iwona Sobtka lauschen. Dann, wie im Kyrie so auch im »Gloria«, wieder tausend Kehlen in vollem Tutti. Verzeichnend, ja eleminierend jede als angemessen zu bezeichnende orchestrale Geste oder Figuration. Tosender Beifall. Gleichwohl ein zwiespältiger Nachmittag.


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