Von Andreas Fritsche
21.04.2012

Gefangen auf einem großen freien Platz

Kulturstaatsminister übergab neu gestaltetes Areal der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen

»Man fühlte sich wie erstarrt, in der Untiefe eines Abgrunds. Vor uns marschierte eine Kompanie Häftlinge, vollkommen erschöpfte, bis zum Skelett abgemagerte Menschen, deren angsterfüllte Blicke ins Nichts gingen. Blitzartig kam mir in den Sinn, dass diese Schar wandelnder Leichen der Spiegel unserer nächsten Zukunft sein könnte«, besinnt sich Roger Bordage, Präsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, an seine Ankunft in dem KZ im Mai 1943. »Ohne uns umzuwenden, fühlten wir in unseren Nacken die schreckenerregende Macht, die vom Turm A ausging, die alles beherrschte, kontrollierte und beobachtete.«

In 15 Monaten Bauzeit sind die Freiflächen der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen umgestaltet worden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann übergab sie am Freitag offiziell. Jetzt verdeutlichen von Stahlrahmen eingefasste Schotterflächen, wo früher 68 Baracken gestanden haben. Vorher hatten stattdessen Steinquader auf die Baracken hingewiesen. Diese Quader zeigten jedoch nicht die Abmessungen der Unterkünfte. Für 2,97 Millionen Euro wurde unter anderem auch die Mauer mit den kreuzförmigen Schlitzen abgetragen. Sie war zur Eröffnung der Gedenkstätte 1961 errichtet worden.

Die totale Herrschaft der SS über die angeblichen Untermenschen sollte sich auch in der Architektur ausdrücken, erklärte Gedenkstättenchef Günter Morsch. Als Künstler die Gedenkstätte in der DDR gestalteten, wollten sie die Geometrie des Terrors überformen und die Überwindung des Faschismus symbolisieren. Solche Ansätze habe es später auch bei den KZ-Gedenkstätten der Bundesrepublik gegeben, weiß Morsch. Erst in den 1990er Jahren habe sich der Wunsch durchgesetzt, authentische Orte zu zeigen.

»Unsere Erwartungen werden durch das Ergebnis der Neugestaltung übertroffen«, freute sich Morsch. Man setze auf den »mündigen« Besucher, der weder »emotional überwältigt« werden soll, noch eine Sichtweise vorgegeben bekomme.

Der Überlebende Bordage meinte, mit der Markierung der Baracken gelinge es, »unsere damaligen Empfindungen und Gefühle, die uns beim Anblick des Lagers zu überwältigen drohten, an die kommenden Generationen weiterzugeben«.

Morsch versicherte, man habe es sich nicht leicht gemacht. Nicht alle Spuren von 1961 sind getilgt. Blickfang bleibt der Obelisk mit den roten Winkeln und die Skulpturengruppe davor. Nicht beseitigt ist ebenso die Rednertribüne, von der Walter Ulbricht 1961 zur Einweihung sprach. Am Freitag beteuerte Kulturstaatsminister Neumann, die Mahnung an die Verbrechen der Nazis werde immer einen bedeutenden Platz in der deutschen Erinnerungskultur einnehmen. Er konnte sich allerdings den Hinweis nicht verkneifen, der schwarz-gelben Bundesregierung sei auch das Erinnern an das sowjetische Speziallager Sachsenhausen wichtig.

Neumann zitierte einen KZ-Häftling: »Der erste Anblick, der sich mir bot, war ein großer freier Platz.« Dieser große Platz ist jetzt wieder zu erleben. Wenngleich Morsch nicht emotional überwältigen möchte - die Dimensionen des riesigen Lagers nun wieder so deutlich zu sehen, das erschüttert.

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