Irmtraus Gutschke
23.04.2012
Welttag des Buches

Bücher für alle

Irmtraud Gutschke über den mangelnden Schutz geistiger Arbeit

Ich schenk dir eine Geschichte« – unter diesem Motto ist das Buch »Wir vom Brunnenplatz« von Christine Fehér tatsächlich heute kostenlos zu haben. Dafür konnten Schulen Gutscheine bestellen. Klassenausflug in die örtliche Buchhandlung – so hat man sich das bei der Stiftung Lesen wohl vorgestellt.

Werbeaktion für einen guten Zweck: Lesen – vom einfachen Buchstabieren bis zum tiefen Erkennen textueller Zusammenhänge – ist eine Kulturtechnik, die erst zu erlernen ist. Und deren Wert in der Öffentlichkeit hochgehalten werden muss, damit möglichst viele Menschen daran teilhaben können. Andernfalls wäre es nur Privileg einer Minderheit.

So ist es in früheren Jahrhunderten gewesen, so ist es heute noch in Teilen der Weltbevölkerung. Auch in Deutschland steht das Fernsehen unter den beliebten Freizeitbeschäftigungen auf Platz eins. Lesen rangiert an zehnter Stelle. Aber immerhin gaben in der Verbraucheranalyse 2011 von BauerMedia 18,9 Prozent der Bundesbürger an, »besonders gern« zu lesen. Auf diese Leute kann die Buchbranche sozusagen vertrauen. Aber lassen sich die 33,6 Prozent, die »gern« und die 27,3 Prozent, die »weniger gern« lesen, nicht doch dazu bewegen, mehr Bücher zu kaufen? Und soll man vor den 20,2 Prozent, die »gar nicht« lesen, einfach kapitulieren?

Da hatte man bei der Stiftung Lesen zum Welttag des Buches 2012 einen besonders guten Einfall: 33 333 »Lesefreunde« konnten sich online registrieren lassen und aus einer Liste von 25 Titeln ihr Lieblingsbuch wählen. Davon erhielten sie dann 30 Exemplare zugeschickt, um sie an Verwandte und Bekannte zu verschenken. Bücher für alle – kostenlos! Da könnte doch das ganze Jahr über Welttag des Buches sein.

Für die Aktion »Lesefreunde« verzichten die Autoren auf Honorare. Ist ja eine tolle Werbeaktion für sie, oder nicht? Aber der »World Book and Copyright Day« der UNESCO gilt, wie der Name sagt, nicht nur dem Lesen, sondern auch den Rechten der Autoren. Momentan wird viel darüber geredet, wie Internetpiraterie die Urheberrechte bedroht oder umgekehrt, wie eine »Content-Mafia« die allgemeine Verfügbarkeit von Werken zu verhindern sucht. Die Interessen von Autoren und Verlagen werden den Nutzerwünschen gegenübergestellt, worüber sich in Feuilletons und Talkrunden prima streiten lässt.

Was indes allgemein beschwiegen wird, ist der mangelnde Schutz geistiger Arbeit an sich. Der Verband Deutscher Schriftsteller (VS) in der Gewerkschaft ver.di hätte gern mit dem Börsenverein über Vergütungsregeln für Autoren verhandelt, die für alle Verlage verbindlich und von Autoren einklagbar gewesen wären. Aber da hätte manches Unternehmen gleich schließen können. Es gibt Musterverträge, auf die sich Autoren berufen können; seriöse Verlage halten sich daran. Aber bei finanziellen Problemen stehen die Forderungen der Urheber meist an letzter Stelle. Und wie viele Autoren arbeiten gänzlich ohne Verlagshonorar, hoffen, sich durch Lesungen bzw. Buchverkauf über Wasser zu halten?

Was als Problem gesellschaftlicher Moral erscheinen mag – dass geistige Arbeit wertzuschätzen und entsprechend zu vergüten sei –, ist allerdings ökonomisch begründet: Im Ganzen gesehen bleibt die Nachfrage hinter dem Angebot zurück. Es werden so viele Bücher produziert, und es gibt so viele Leute, die sie gern schreiben und verlegen wollen, dass Kaufkraft und -wille dafür nicht ausreichen.

Hier schließt sich der Bogen zu den Aktionen der Stiftung Lesen: Wer für die Liebe zum Buch wirbt, tut letztlich auch etwas für die Autoren. Aber es bleibt ein Spiel mit der Hoffnung. Wird aus dem Klassenausflug zur Buchhandlung künftige Kundenbindung? Werden die von »Lesefreunden« beschenkten Wenigleser nun zu Viellesern? Und muss, wer Leser ist, notwendig auch Käufer sein? Schließlich kann man sich Bücher, öffentlich oder privat, auch leihen. Wie befreiend, wenn die Geldwirtschaft mal ausgehebelt wird. Bücher für alle, ob gedruckt oder als E-Book – wirklich eine gute Idee. Aber wer, wenn nicht letztlich der Leser, soll den Autor bezahlen?

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken