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Von Kira Taszman
24.04.2012

Mehr als Gefühl für Schnee

Das neue Filmfestival Greenland Eyes zeigt aktuelle grönländische Produktionen

Angesichts der moosbewachsenen Hänge, verschneiten Berge und des rauschenden Wassers aus Meer, Bächen und Fjorden, ist man geneigt zu sagen: In Grönland würde es einem Regisseur doch genügen, da einfach die Kamera draufzuhalten. Freilich sollte man das grönländische Kino nicht unterschätzen, auch wenn es als eigenständige Industrie erst seit wenigen Jahren existiert. Die Natur gibt dort zwar immer eine prachtvolle Kulisse ab, aber die Geschichten, die auf der riesigen arktischen Insel spielen, handeln - wie auch anderswo - von universellen Konflikten wie Liebe, Krankheit und Tod. Zu sehen sind Filme aus und um Grönland nun erstmalig in Berlin auf dem Festival »Greenland Eyes«.

Grönländische Einwohner, egal ob sie von Inuits oder dänischen Eroberern abstammen, müssen sich in einem Land, in dem vier Monate keine Sonne scheint, zurechtfinden - und Filmemacher ihren Drehplan auf das Extrem-Klima einstellen. Otto Rosings »Nuummioq«, ein unabhängig produzierter Spielfilm von 2009, wurde innerhalb eines begrenzten Zeitfensters von fünf Wochen im arktischen Sommer gedreht. Das Drama handelt von einem an Krebs erkrankten Mittdreißiger. Anfangs lässt er sich verständlicherweise gehen, dann unternimmt er mit einem Freund eine - letzte? - Reise. Er begibt sich auf die Spuren seiner toten Eltern und findet in der Natur trotz seiner widerstreitenden Gefühle zu sich selbst.

Doch die scheinbar unberührte Wildnis Grönlands wurde auch Opfer von Raubbau aus kommerziellen oder geopolitischen Interessen. So erzählt Uusaqqak Qujaukitsoqs mit einer der ersten Videokameras gedrehter Dokumentarfilm »Aulahuliat« (Moving Pictures) von der Zwangsumsiedlung von Eskimo-Stämmen aus Thule, verjagt mitten im Kalten Krieg für eine US-Airbase. Entwurzelung, Ohnmacht, aber auch die Umstellung auf eine neue Umgebung thematisieren diese Original-Zeugnisse eines nie gesühnten Unrechts. Gleichzeitig schildert der Film des ursprünglichen Hobby-Filmers Qujaukitsoq auch die Verbundenheit der grönländischen Ureinwohner mit ihren Schlittenhunden und welche Katastrophe eine Seuche unter den Tieren auch für die Menschen darstellte.

Verrostete Fässer, LKW-Wracks und andere Metallüberreste sind wiederum das Erbe einer US-Fluglandebahn aus dem Zweiten Weltkrieg inmitten der majestätischen Landschaft Ikateqs. Ivalo Franks Kurz-Doku »Echoes« erzählt allerdings auch die Liebesgeschichte eines Dänen mit einer Inuit-Frau. Poetische Bild- und Tonkollagen machen diesen Film zum Erlebnis: Einmal scheinen Pusteblumen sich rhythmisch zu den Klängen traditioneller Trommelmusik zu bewegen.

Doch die Macher des Festivals legen viel Wert darauf, auch die moderne Seite Grönlands zu zeigen: Unter den exotisch klingenden Titeln der über 20 Kurz- und Langfilme finden sich auch Komödien oder ein Horrorfilm, kommen auch Clubs oder Playstations vor.

Dass ein Spielfilm mit Eskimo-Folklore keine Klischees enthalten muss, beweist »The Wedding of Palo«. Friedrich Dahlsheim spannendes dänisches Schwarz-Weiß-Drama von 1934, zu dem der Polarforscher Knud Rasmussen das Drehbuch schrieb, erzählt in einer klassischen Dreiecksgeschichte den Kampf zweier junger Inuit-Männer um eine schöne Inuit-Frau. Dazwischen sieht man in diesem mit Laiendarstellern gedrehten Werk wunderbare Aufnahmen von einem Eskimojahrmarkt, Iglus, vielen wahrhaft entzückenden Eskimo-Kindern und einer höchst spannenden Kanu-Verfolgungsjagd. Ein wertvolles Dokument aus einer längst vergangenen Zeit. Denn natürlich fahren auch Eskimos heute Schneemobile.

24.-30.4. im Arsenal, Nordeuropoa-Institut HUB, HBC

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